2. B.A.BAR SEMINAR – 11/12.06.2001 B.A.Bar und das Cochlearimplantat: Erfahrungen mit einem tauben KindAnne Anglade, Logopädin, Juni 2001 1) Einleitung Ich bin Logopädin; ich arbeite im Bereich geläufiger pathologischer Veränderungen, aber auch mit tauben Kindern, insbesondere seit zwei Jahren mit Damien, einem Jungen von 8 Jahren, der im Alter von 6 Jahren ein Cochlearimplantat erhielt. Dank dieser Operation kann er jetzt alle Phoneme der Sprache praktisch auf die gleiche Weise wahrnehmen wie wir, die wir hören, aber das Kind muss noch lernen, den Geräuschen, den Klängen, den Wörtern, den Sätzen, die es dank des Implantats wahrnimmt, eine Bedeutung zuzuordnen (eine gewaltige Aufgabe) ... In diesem Zusammenhang schien es mir interessant, B.A.Bar einzusetzen – nicht als Kommunikationshilfe, da das Kind sich durch Zeichen (LSF) und seit seiner Operation durch Wörter gut verständlich machen kann – sondern eher als eine "Unterstützung", die eine gezielte Sprachaktivität fördert, als ein "Stimulans" zur Sprachentwicklung, als eine Art "Taschen"-Verwandter, -Lehrer oder - Logopädin ... Der Plan meiner Intervention sah folgendermassen aus (Transparent): 1) Einführung 2) Vorstellung des Kindes und seiner Pathologie das Cochlearimplantat das Sprachniveau des Kindes die weiteren Intervenienten 3) die mit B.A.Bar verfolgten Ziele 4) die ersten Schritte mit B.A.Bar und ... das Unvorhergesehene! 5) Schlussfolgerung 2) Vorstellung des Kindes und seiner Pathologie Damien ist 8 Jahre alt, ein lebhaftes und neugieriges Kind. Er wurde mit einer tiefen Taubheit geboren und verständigte sich bis zum Alter von ca. 6 Jahren mit seiner Umwelt durch eine Zeichensprache. Im Jahr 1998 beschlossen seine Eltern, ihn einer Cochlearimplantation unterziehen zu lassen, in der Hoffnung, er könnte sich in die Welt der Hörenden eingliedern und ... sprechen lernen. Das Cochlearimplantat: Hierbei handelt es sich um ein hochentwickeltes Gerät, das chirurgisch implantiert wird und es einer Person, die an einer tiefen Taubheit leidet, erlauben soll, Töne durch direkte Stimulation des Hörnervs zu hören (die herkömmlichen Prothesen verstärken die Töne nur). Damien erhielt das Implantat auf einer Seite, er trägt einen Prozessor am Gürtel, der durch eine Schnur mit dem Mikrophon verbunden ist, das mittels eines Magneten an der Haut hinter dem Ohr haftet. Das Mikrophon sendet das Signal oder den Code durch die Haut an das Implantat, das den Hörnerv stimuliert. Sprachniveau: Nach wiederholten Einstellungen des Implantats ist Damiens auditive Wahrnehmung jetzt beinahe der unseren ähnlich. Natürlich sind einander ähnelnde Phoneme wie ch/j, s/z, f/v usw. noch schwierig zu unterscheiden. Die m ündliche P roduktio n : Damien drückt sich mündlich durch (zwei oder drei) nebeneinandergestellte Wörter aus, die für Uneingeweihte noch schwer zu verstehen sind. Seine Kommunikation ist dennoch gut, er begleitet seine verbalen Produktionen durch Gesten und Mimik und weiss, sich verständlich zu machen. In letzter Zeit ist das Hinzukommen einiger Artikel, von Verben im Infinitiv sowie einiger Pronomen zu beobachten. Er beherrscht rund 250 Wörter, von denen rund 35 korrekt ausgesprochen werden oder verständlich sind. Sein mündliches Verständnis von bekannten Wörtern und einfachen Sätzen ist gut, wenn man die Langage Parlé Complété oder LPC (= Vervollständigte gesprochene Sprache) benützt, die eine Hilfe für das Lippenlesen ist (Positionen und Konfigurationen der Hand neben dem Gesicht). Aber Damien weist natürlich einen enormen Rückstand hinsichtlich des lexikalischen Verständnisses auf: Es sei daran erinnert, dass er erst seit ein paar Monaten hört ... und dass er bei jedem neuen Wort dessen Bedeutung entdecken, es sich einprägen und lernen muss, es auszusprechen... Die Intervenienten: Damien ist in der 1. Klasse der Primarschule und erhält die folgende Unterstützung: - zwei Logopädie-Sitzungen pro Woche (1 Stunde für den Hin- und Rückweg) - eine Kodiererin-Dolmetscherin während des Unterrichts (die in LPC kodiert, was die Lehrerin sagt) - zweimal fachpädagogische Unterstützung pro Woche (durch die Kodiererin selbst) Die Intervenienten bilden zusammen mit der Lehrerin und den Eltern ein motiviertes Team, das dem Kind eine kohärente Hilfe bietet. 3) Die mit B.A.Bar verfolgten Ziele (Transparent) • D iversifizierung d er n euen a kustischen S ituatione n : Stimulation des Zuhörens durch Abwandlung der aufgezeichneten Stimmen, des akustischen Umfelds, von Musik usw. dank der Einfachheit, mit der B.A.Bar sich benutzen und transportieren lässt. • V erbesserung d er A ussprach e dank der Echofunktion. Die Schule ist stark an einer Verbesserung interessiert, denn die soziale Integration von Damien wäre natürlich einfacher, wenn er sich besser durch die gesprochene Sprache verständlich machen könnte. • Arbeit an der E ntwicklung d es W ortschatze s (im Hinblick auf die Produktion und das Verständnis), damit das Kind Zugang zu der Bedeutung der im Unterricht angebotenen Aktivitäten hat. B.A.Bar kann bei der Assimilierung des Vokabulars helfen, denn er wird nicht müde zu wiederholen. (Ein Beispiel einer praktischen Übung: Ein Vokabelheft, das zwischen den verschiedenen Intervenienten im Umlauf ist, mit Herstellung der Verbindung zwischen einem Bild, einem geschriebenen Wort und einem aufgezeichneten Wort, Memory der zu lernenden Wörter usw.) • S timulierung d er E ntwicklung d er S atzstruktur u nd d er V erbindung z um G eschriebene n . Zum Beispiel: Aufzeichnung von einfachen Satzbeispielen nach Bildern oder geschriebene Sätze (siehe ganze Geschichte) in Funktion der Fortschritte, die das Kind beim Lesenlernen macht. Das Ziel war es, dem Kind bestimmte mit B.A.Bar in der Logopädie oder in der Schule geübte Aktivitäten zur Wiederholung oder Entdeckung (z. B. aufgezeichnete Geschichten) zu Hause anzubieten. Dies zielt auf eine Verlängerung meiner Aktion (oder die der Lehrerin) ausserhalb der zwei Logopädie-Sitzungen ab, um die Sprachstimulation zu verstärken und Damien die Möglichkeit zu geben, seine Aussprache und das Hören zu üben, ein Vorwand für neue Sprachproduktionen durch Zurverfügungstellung eines Übungsmittels für die Familie, eine Hilfe zum Einprägen der Wörter. • E ntwicklung o der E ntdeckung d er S elbständigkei t: Das gesamte Team suchte auch nach Mitteln, die Selbständigkeit des Kindes bei seiner Arbeit zu entwickeln, das bei seinen Schularbeiten noch vollkommen vom Erwachsenen abhängig war, oder um seine mündlichen Produktionen zu verbessern. B.A.Bar könnte vielleicht ein Mittel zur "Selbstverwaltung" der Arbeit werden (Aufzeichnung kleiner Anweisungen, personalisierte Arbeit im Unterricht usw.). 4) Die ersten Schritte mit B.A.Bar und das ... Unvorhergesehene! (Transparent) Wir arbeiten seit dem letzten 12. März mit B.A.Bar... Dies ist eine zu kurze Erprobungszeit, um echte, signifikante Resultate daraus abzuleiten. Es ist jedoch Folgendes zu beobachten: Die positiven Punkte: - Wenn er B.A.Bar verwendet, hört Damien mit signifikant verstärkter Aufmerksamkeit den Wörtern zu; er bemüht sich enorm, sie korrekt zu wiederholen, und seine Anstrengungen werden belohnt; er liebt es, sich anzuhören, seine Stimme wieder und wieder aufzuzeichnen. Man kann also langfristig, und wenn das Interesse für B.A.Bar erhalten bleibt, auf gute Fortschritte seiner Verständlichkeit hoffen. Ferner können wir auf eine Verbesserung seines Satzbaus hoffen (Anhören von seinen Fähigkeiten angemessenen, aufgezeichneten Geschichten), der noch sehr mangelhaft ist, da Damien an die Grammatik der Zeichensprache gewöhnt ist, die nicht derjenigen der gesprochenen Sprache entspricht. B.A.Bar könnte langfristig zu einem Werkzeug werden, das die Aussprache und den Satzbau verbessert. - B.A.Bar scheint zur Entwicklung von Damiens Selbständigkeit von Nutzen zu sein: ο im Unterricht: Er gestattet die Selbstverwaltung von Schulaufgaben und gibt der Lehrerin die Möglichkeit, Damiens Arbeit zu personalisieren (Vorbereitung von Wörtern für das Diktat und in Zukunft Selbstdiktate) ο in der Logopädie: B.A.Bar erleichtert den Zugang zur Bedeutung der Wörter (durch Selbstkontrolle) Ein Beispiel (auf Transparent): im Bereich der schriftlichen Verbindung zwischen dem gelesenen Wort und seiner Bedeutung. Die negativen Punkte: Das wichtige Ziel, das wir mit der Verlängerung unserer Arbeit zu Hause verfolgten, ist derzeit aus Gründen verschoben, die absolut nichts mit B.A.Bar zu tun haben. Die familiäre Situation des Kindes hat sich plötzlich verschlechtert (Trennung der Eltern), so dass die Zusammenarbeit mit den Eltern nicht mehr gesichert ist (verlorene oder unbeachtete Hefte, keine Regelmässigkeit in der Arbeit usw.). Wir hoffen, dass es sich nur um eine Übergangsphase handelt ... SCHLUSSFOLGERUNG: Trotz einer derzeit schwierigen familiären Situation, die sich störend auf die Inangriffnahme des hauptsächlichen Ziels unserer Arbeit auswirkt, bleiben wir überzeugt, dass B.A.Bar ein ausgezeichnetes Werkzeug darstellt, das zur Entwicklung der Selbständigkeit und zur Stimulierung der Sprache dieses Kindes von Nutzen ist.
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