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Nicht sprechen können und trotzdem kommunizieren

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Nicht sprechen können und trotzdem
kommunizieren

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Eine Stimme - wozu
"Wenn du wissen willst, wie es ist, nicht sprechen zu können, mache folgendes. Gehe zu einer Party
und sprich nicht. Spiel den Stummen. Benütze deine Hände, wenn du willst, aber benütze kein
Papier und keinen Stift. Papier und Stift stehen einer stummen Person nicht immer zur Verfügung.
Du wirst folgendes erleben: Die Leute sprechen; sie sprechen hinter, neben, über, unter dir, um
dich herum, durch und sogar für dich. Aber nie mit dir. Du wirst ignoriert, bis du dich schliesslich
wie ein Möbelstück fühlst."
Rick Creech, junger Mann mit CP; zitiert aus "Augmentative and Alternative Communication",
D.R.Beukelman/P.Mirenda; deutsch B.R.
Im englischsprachigen Raum hat sich Anfang der 80-er Jahre aus der Arbeit mit
Kommunikationstafeln und aus der Gehörlosenpädagogik (Arbeit mit Gebärden) ein neues
Fachgebiet entwickelt: Augmentative and Alternative Communication, AAC. An verschiedenen
Universitäten der USA kann man sich heute zum AAC-Spezialisten ausbilden lassen.
Die Geschichte von AAC reicht in der Schweiz in die 70-er Jahre zurück, wo in der Firma Garbagas
in Bern eine Abteilung geschaffen wurde mit dem Ziel, technische Hilfsmittel für behinderte
Menschen zu entwickeln. Ingenieure und LogopädInnen, SonderschullehrerInnen,
Kindergärtnerinnen, ErgotherapeutInnen (u.a.) leisteten Pionierarbeit und entwickelten Methoden,
um die Kommunikationsmöglichkeiten von nichtsprechenden Menschen zu verbessern.
Im deutschsprachigen Raum hat sich in den letzten Jahren dafür der Begriff Unterstützte
Kommunikation durchgesetzt.
Das Fachgebiet wird international durch die Vereinigung ISAAC, International Society for
Augmentative and Alternative Communication, gegründet 1983, mit Sitz in Toronto/Kanada,
vertreten. In der Schweiz gibt es seit Anfang 1993 den SVUK, Schweizerischer Verein für
Unterstützte Kommunikation, welcher vor allem im deutschsprachigen Raum aktiv ist. Der
französischsprachige Teil der Schweiz hat international mit Ländern, in welchen französisch
gesprochen wird, Kontakt aufgenommen, um die Vereinigung "PRE-ISAAC" zu gründen. Eine
Konferenz ist für den 20./21. Juni in Neuenburg/CH angesagt.
Unterstützte Kommunikation geht davon aus, dass Kommunizieren ein menschliches
Grundbedürfnis ist. Sie fasst alle pädagogischen und therapeutischen Massnahmen zusammen,
welche Menschen ohne eine verständliche Lautsprache zu einer Erweiterung ihrer kommunikativen
Möglichkeiten verhelfen sollen. Sie wird angewendet bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen,
welche aufgrund einer angeborenen oder erworbenen Behinderung ihre
Kommunikationsbedürfnisse mit den ihnen zur Verfügung stehenden Kommunikationsmöglichkeiten
nicht befriedigen können.
Dabei können das kognitive Leistungsniveau, das Sprachverständnis, die Wahrnehmung und die
motorischen Fähigkeiten bei den einzelnen nichtsprechenden Menschen unterschiedlich entwickelt
und individuell ausgeprägt vorhanden sein.
Die Behinderungen können folgendermassen näher umschrieben werden:
• Eine frühkindliche oder angeborene Schädigung; sie ist lebensbegleitend: z.B.: Zerebralparese,
Autismus-Syndrom, Formen "geistiger Behinderung".
• Sie tritt zu einem späteren Lebensabschnitt ein und ist fortschreitend: z.B. ALS, MS, Formen von
Muskeldystrophie.
• Sie tritt zu einem späteren Lebensabschnitt ein und ist vorübergehend: z.B. Zustand nach einer
Tracheotomie.
• Sie tritt zu einem späteren Lebensabschnitt ein und ist lebensbegleitend: z.B. Zustand nach einem
Schädel-Hirn-Trauma, Aphasie, Zustand nach Meningitis.
Die Gesamtbehinderung beeinträchtigt die Sprache und die Kommunikation:
• Von Beginn der Entwicklung an
• Im Verlaufe der Entwicklung
• Nach Vollendung der Entwicklung
(nach: Arnusch/Pivit, in: Reader der Kölner Fachtagungen, 1996).
Generell wird ein möglichst frühzeitiger Einsatz von Unterstützter Kommunikation empfohlen, der
auch sprachtherapeutische Massnahmen mit einschliessen kann, bzw. sprachtherapeutische
Massnahmen können oder sollen auch Unterstützte Kommunikation beinhalten.
Dem nichtsprechenden Kind soll die Möglichkeit gegeben werden, sein Bedürfnis nach
Kommunikation verwirklichen zu können. Scheitert es in seinen Bemühungen, sich verständlich zu
machen, immer wieder, so besteht die Gefahr, dass es resiginiert und passiv wird (Learned
Helpnessness). Ein Phänomen, das wir häufig bei erwachsenen Menschen beobachten, welche seit
ihrem Lebensbeginn nicht sprechen können.
Menschen, welche in einem späteren Lebensabschnitt eine Beeinträchtigung ihrer Sprech- und
Sprachfähigkeit erleiden, und zwar lebensbegleitend, müssen zusammen mit ihren Bezugspersonen
möglichst frühzeitig lernen, die ungenügende oder fehlende Lautsprache durch neue / alternative
Kommunikationsarten zu ergänzen und/oder zu ersetzen.
Die Methoden der Unterstützten Kommunikation müssen den kognitiven, (vor)sprachlichen und
motorischen Fähigkeiten des Kindes, Jugendlichen oder Erwachsenen angepasst werden. Sie sollen
ihn die Wirkung der Kommunikation erfahren lassen und ihm helfen, seine je individuellen
Entwicklungsmöglichkeiten zu entfalten.
Das multimodale Kommunikationssystem
Unterstützte Kommunikation beeinhaltet grundsätzlich alle Kommunikationsmodi:
• Die verbleibende, meist für die nähere Umgebung verständliche Lautsprache.
• Natürliche, die Kommunikation unterstützende Massnahmen wie Mimik, Blick, Körperhaltung,
etc
• Speziell entwickelte Kommunikationshilfen wie Gebärden, graphische Darstellungen oder
elektronische Kommunikationshilfsmittel.
Dabei sollen sich die verschiedenen Kommunikationsmodi nicht ausschliessen, sondern zu einem
"Multimodalen Kommunikationssystem" (U.Kristen, 1994) ergänzen. Man spricht in diesem
Zusammenhang auch von Total Communication.
Es soll also zusammen mit dem nichtsprechenden Menschen ein umfassendes
Kommunikationssystem erarbeitet werden, das es ihm erlaubt, in möglchst vielen Situationen das
Alltags seine Kommunikationsbedürfnisse zu befriedigen.
Das Partizipationsmodell
In den Anfängen der Unterstützten Kommunikation ging man von einem sogenannten "Kandidaten-
Modell" (Beukelman/Mirenda, 1992) aus: Es wurde angenommen, dass eine Person bestimmte
Voraussetzungen erfüllen müsse, damit sie kommunizieren könne, z.B. Objekt-Permanenz, Kennen
von Ursache-Wirkung. Dadurch wurden die meisten Personen mit einer leichten, mittleren oder
schweren geistigen Behinderung von Massnahmen zur Unterstützten Kommunikation
ausgeschlossen.
Dieses Modell wurde abgelöst durch dasjenige der "Kommunikatonsbedürfnisse" (Beukelman/
Yorkston/Dowden, 1985), welches versucht, die unbefriedigten Kommunikationsbedürfnisse von
nichtsprechenden Personen durch gezielte Interventionen zu reduzieren. Dieses Modell eignet sich
für Menschen, deren Kommunikationsbedürfnisse leicht zu definieren sind; z.B. leben einige
Erwachsene mit schweren sprachlichen Ausdrucksschwierigkeiten in einem festen und konstanten
sozialen Netz, in welchem ihre Kommunikationsbedürfnisse definiert und entsprechende
Interventionspläne festgelegt werden können.
Dies wird schwieriger, wenn die Lebensumstände eines Menschen nicht so genau festgelegt sind
und sie sich auch immer wieder verändern, z.B. bei Kindern. Deshalb entstand daraus schliesslich
das "Partizipations-Modell" (Beukelman/Mirenda). Dieses Modell geht vom chronologischen Alter des
potentiellen Benutzers von Unterstützter Kommunikation aus und fragt, was er braucht, um an der
Interaktion mit den anderen teilnehmen zu können. Diese Teilnahme wird es ihm erlauben, Mitglied
einer sozialen Gruppe zu werden und / oder zu bleiben.
Im Folgenden werde ich nun einen Überblick über die verschiedenen Formen von Unterstützter
Kommunikation geben, ihre Vor- und Nachteile beschreiben und sie gegeneinander abwägen.
Wir unterscheiden körpereigene (unaided) und externe (aided) Kommunikationsformen.
Körpereigene Kommunikationsformen
Neben unserer Lautsprache benützen wir tagtäglich weitere körpereigene Kommunikationsformen
zur Unterstützung unserer verbalen Aussagen.
Die allgemein gebräuchlichen körpereigenen Kommunikationsformen beinhalten Atemfrequenz,
Gesichtsausdruck, Aufmerksamkeitszustand, Körperhaltung, Mimik, Blick, Gestik und Lautsprache.
Bei nichtsprechenden Menschen ist die Lautsprache auf einzelne Laute oder nur für enge
Bezugspersonen veständliche Wörter reduziert. Aber auch die anderen Formen sind meistens
verzerrt durch die schwere körperliche Behinderung.
Kompensierende körpereigene Kommunikationsformen können zu einer besseren Verständigung
verhelfen. Diese beinhalten Abmachungen zwischen dem/der ZuhörerIn und dem nichtsprechenden
Menschen, wie er sich über seinen Körper mit ihm/uns verständigen kann: Ja-/Nein-Zeichen,
hinweisendes Zeigen oder Blicken, Blinzelcodes. Viele nichtsprechende Menschen entwickeln auch
individuelle Gebärden, um sich auszudrücken. Damit diese Gebärden mit möglichst vielen
Kommunikationspartnern benutzt werden können, ist es gut ein Heft zu führen, wo diese
aufgezeichnet sind und jederzeit von allen nachgeschlegen werden können.
(Vereinfachte) Gebärden werden im Geistgbehindertenbereich und bei leicht körperbehinderten
Kindern und Erwachsenen eingesetzt. Dabei hat sich gezeigt, dass die Gebärde sozusagen die
sprachliche Aussage verbildlicht, dadurch helfen kann, diese zu verstehen und damit die
Sprachentwicklung unterstützt.
Zu den kompensierenden körpereigenen Kommunikatinsformen gehören auch: mit einzelnen
Körperteilen Buchstaben in die Luft (o.ä.) schreiben, Fingeralphabet oder Morsezeichen. Diese
Formen setzen aber Fertigkeiten voraus, welche die meisten Betroffenen nicht besitzen.
Vorteile:
Allgemein gebräuchliche körpereigene Kommunikationsformen bestehen. Kommunikation findet statt;
Kommunikatinserfahrungen / Interaktionen sind bereits vor einer (professionellen) Intervention
möglich. Weiter stehen alle körpereigenen Kommunikationsformen jederzeit zur Verfügung: sie sind
spontan und kommen ohne Zubehör aus und erlauben oft eine recht hohe
Kommunikationsgeschwindigkeit.
Nachteile:
Es ist schwierig, komplexere Inhalte über diese Kommunikationsformen mitzuteilen. Ot ist ein
Austausch nur mit "eingeweihten" Personen möglich. Dazu kommt, dass diese Formen
interpretierbar sind und die Gefahr besteht, dass der/die ZuhörerIn nur das versteht, was er/sie will.
Weiter muss zwischen den PartnernInnen Sichtkontakt bestehen, damit die Kommunikations
stattfinden kann. Dadurch entsteht eine Hierarchie: die nichtsprechende Person ist darauf
angewiesen, dass der/die ZuhörerIn sie anschaut, damit sie sich mitteilen kann.
Ein Nachteil in Bezug auf die Förderung der kognitiven und sprachlichen Entwicklung besteht darin,
dass diese Formen flüchtig sind: sie sind nach der Ausführung sofort verschwunden und damit
nicht ständig vor Augen, und es kann nicht immer wieder auf ihre Bedeutung hingewiesen werden.
Externe Kommunikationsformen
Nichtelektronische Kommunikationshilfen
Nichtelektronische Kommunikationshilfen können meist selber hergestellt und auf die individuellen
Bedürfnisse und Fähigkeiten des/der Benutzers/in abgestimmt werden.Sie umfassen die
unterschiedlichsten Systeme zur Darstellung und müssen darin dem jeweiligen Entwicklungsstand
des Kindes oder des Erwachsenen angepasst werden.
Reale Objekte können dem Kind zur Auswahl angeboten werden, wenn es noch kein
Symbolverständnis hat. Später kann dazu übergegangen werden, diese durch Miniaturen zu
ersetzen.
Fotos, Bilder und graphische Symbole können in Kommunikationstafeln, -büchern, -schürzen etc.,
oder auch auf im Raum verteilten Tafel an der Wand angebracht werden. Die/das gewählte
Sammlung/System muss wieder nach den individuellen Fähigkeiten des/der Benutzers/in ausgewählt
werden und ausbau- und erweiterbar sein. Oft werden auch Fotos, Bilder und Symbole aus
verschiedenen Sammlungen gemischt benutzt.
Wenn eine nichtsprechende Person über Kenntnisse in der Schriftsprache verfügt, müssen
unbedingt auch Buchstaben in eine Kommunikationstafel integriert werden. Nur die Verwendung
der Schriftsprache erlaubt einem nichtsprechenden Menschen, seine ureigensten Gedanken und
Gefühle zu äussern. Fotos, Bilder und Symbole sind immer vorprogrammiert und spiegeln
letztendlich auch wider, was wir dem nichtsprechenden Menschen für ein Vokabular anbieten
(wollen).
Vorteile:
Ein Vorteil der nichtelektronischen Kommunikationshilfen ist, dass sie relativ einfach und billig
hergestellt werden können. Sie sind robust, können kopiert (=> Mehrfachausgabe) und überall hin
mitgenommen werden. Eine individuelle Anpassung an den/die BenutzerIn in Form und Gestalt
oder an seine/ihre Mobilität ist möglich. Die Kommunikation mit vertrauten Personen gelingt meist
recht schnell, weil sich der/die Betroffenen bei ihnen oft mit einigen Schlüsselbegriffen verständlich
machen kann. Zudem wird der Kreis der "eingeweihten" Kommunikatinspartner erweitert, wobei
wichtig ist, dass auf der Kommunikationshilfe eine Anleitung zu deren Benutzung vermerkt ist.
Weiter wird auf diesen Hilfen Sprache dargestellt, und es ist möglich, Syntax zu benutzen. Dies gibt
dem Benutzer ein Werkzeug zur Entwicklung seiner inneren Sprache.
Nachteile:
Nichtelektronische Kommunikationshilfen verlangen Sichtkontakt zwischen dem/der ZuhörerIn und
dem/der BenutzerIn. Zudem müssen beide gemeinsam auf die Kommunikationstafel sehen können.
Weiter muss der/die ZuhörerIn die Symbole und ihre Bedeutung kennen oder sogar den Begriff
über diesen lesen können. Das bedeutet, dass diese Form eine Kommunikation für Eingeweihte
bleibt.
Die Kommunikation über diese Hilfen erfordert von beiden Partnern viel Konzentration, müssen
sie sich doch während einer oft langsamen Auswahl laufend die Symbole/Wörter merken. Eine Hilfe
hierbei ist, besonders wenn über eine Buchstabentabelle kommuniziert wird, wenn der /die
ZuhörerIn die gewählten Symbole mitschreibt.
Schliesslich bestehen für den/die BenutzerIn kaum Möglichkeiten der Gesprächssteuerung. Diese
beinhaltet das Aufmerksamkeit-auf-sich-Lenken sowie kleine Bemerkungen, welche das Gespräch
beginnen, seine Dynamik aufrecht erhalten oder es beenden. Gemeint sind Äusserungen wie:
"Kannst du das bitte wiederholen?"
"Du hast mich falsch verstanden."
"Das klingt interessant."
"Bitte noch einmal von vorne."
Einige dieser Äusserungen sowie die Aussage "Ich habe kein Symbol dafür" sollten als Symbole auf
einer Kommunikationstafel enthalten sein.
Elektronische Kommunikationshilfen
Geräte ohne Sprachausgabe
Bei diesen Hilfsmitteln handelt es sich um Zeigehilfen, welche von schwer körperbehinderten
Menschen oder als Einstieg in eine elektronische Kommunikatonshilfe eingesetzt werden. Weiter
fallen darunter Schreibhilfen ohne Sprachausgabe wie z.B. der Canon Communicator (welcher auf
Wunsch mit einer Sprachausgabe versehen werden kann).
Ich möchte kurz auf die Vor- und Nachteile einer elektronischen Schreibhilfe ohne Sprachausgabe
eingehen.
Vorteile:
Sie bietet unbegrenzte sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten und dies in einem "Standard"-Modus,
ohne fremde Stimme. Unsere Erfahrungen zeigen, dass vor allem Menschen, welche in einem
späteren Lebensabschnitt ihre Sprechfähigkeit vorübergehend oder dauernhaft verlieren, ein
solches Hilfsmittel einem mit "einer fremden Stimme" vorziehen.
Ein weiterer wichtiger Vorteil ist, dass sie eine zeitlich versetzte Kommunikation erlaubt.
Nachteile:
Die schriftliche Kommunikationsweise verlangt Sichtkontakt zwischen den beiden Partnern/innen
sowie, dass beide lesen und schreiben können. Zudem ist sie äusserst langsam, wenn sie nicht
zeitlich versetzt stattfindet.
Geräte mit Sprachausgabe
Grundsätzlich können die Kommunikationshilfen mit Sprachausgabe in zwei Typen von Geräten
eingeteilt werden:
• Kompaktgeräte, welche als Sprech-Ersatz-Geräte konzipert und in sich geschlossen sind. Sie
sind ziemlich robust gebaut und transportierbar.
• Computer und Kleincomputer (Laptops, Notebooks) aus dem Fachhandel, welche mit
speziellen Kommunikationsprogrammen ausgerüstet sind.
Die gewonnene Lautsprache soll dem/der BenutzerIn eine grössere Selbständigkeit und
Unabhängigkeit geben und ihm/ihr helfen, die eigene Persönlichkeit deutlicher zum Ausdruck bringen
und dadurch auch erleben und entwickeln zu können.
Aber der erfolgreiche Einsatz einer Kommunikationshilfe mit Sprachausgabe ist von verschiedenen
Faktoren abhängig:
• Primär wichtig ist, dass das Gerät von allen Bezugspersonen des/der Benutzers/in akzeptiert wird.
• Vor der Anschaffung eines Gerätes muss ein Projekt definiert und die dafür verantwortliche
Person (ProjektleiterIn) bestimmt werden.
• Die Einarbeitung des Gerätes verlangt einen therapeutischen Rahmen, wo strukturiert und
kontinuierlich daran gearbeitet wird.
• Alle Bezugspersonen müssen gemeinsam an diesem Projekt arbeiten, damit der/die BenutzerIn in
möglichst vielen verschiedenen Situationen erleben kann, wie sich die Möglichkeit, Stimme
einzusetzen, auf die Kommunikation auswirkt.
• Eine elektronische Kommunikatonshilfe soll immer durch weitere Kommunikationsmodi ergänzt
werden. Die Geräte sind störanfällig, und es gibt immer wieder Situationen, wo sie nicht
eingesetzt werden können (z.B. Strand).
Vorteile:
Die Stimme drückt aus: "Ich bin da" - verschafft Identität.
Sie ermöglicht es dem/der BenutzerIn:
• Die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen
• Gesprächssteuerung: Ein Gespräch beginnen - aufrecht erhalten - beenden; das
Gesprächsthema festlegen; das Gespräch lenken und z.B. Missverständnisse schnelle
ausräumen: "Du hast mich falsch verstanden".
• Schimpfen, Witze erzählen, in der Gruppe sprechen
• Kommunkation ohne Sichtkontakt, z.B. telefonieren
• Mit fremden Personen oder solchen, die nicht lesen können, kommunizieren
• Das Haustier ansprechen und rufen
Nachteile:
Kosten, vgl. dazu aber auch die für das Erstellen einer Kommunikationstafel eingesetzte Zeit!
Umfang / Grösse / Transportierbarkeit
Erfordert einerseits technische Kenntnisse, andererseits therapeutiosches und pädagogischdidaktisches
Wissen.
Pannenanfälligkeit
Die Stimme ist eine fremde Stimme.
Besonderheiten der Gesprächssituation
Es geht nun nicht nur darum, aus den beschriebenen Elementen ein Kommunikationssystem für
einen nichtsprechenden Menschen aufzubauen und es ihn zu lehren. Entsprechend dem
Partizipationsmodell geht es darum, dass er an den Aktivitäten in seiner Umgebung teilnehmen und
mit dieser in Interaktion treten kann.
Ganz allgemein besteht ein Ungleichgewicht in der Kommunikation zwischen der nichtsprechenden
Person und ihrem Kommunikaitonspartner.
Häufig werden Ja/Nein-Fragen überbenutzt. Und dies aus folgenden Gründen:
• Der Benutzer gewöhnt sich daran, auf Ja/Nein-Fragen zu warten und die "Last", die
Kommunikation weiterzuführen (oder zu beenden) fällt vor allem auf den Gesprächspartner
zurück.
• Geschwindigkeit: über Ja/Nein-Fragen geht die Kommunikation schneller.
• Der Einsatz eines Hilfsmittels erfordert einen gewissen Aufwand.
• Der passive Wortschatz ist grösser als der aktive. Ja/Nein-Fragen erlauben dadurch einen
Zugang zu einer grösseren Anzahl von Themen.
Grundsätzlich umfasst das Konzept der Unterstützten Kommunikation aber drei Elemente, von
denen eine Verbesserung der Kommunikation der nichtsprechenden Person mit ihren
GesprächspartnerInnen abhängt.
• Das Kommunikationsverhalten der GesprächspartnerInnen: Die Bezugspersonen tragen durch
ihre Haltung, Einstellung und Gesprächsführung dazu bei, dass die nichtsprechende Person ihre
Kommunikationsabsichten mitteilen kann. Sie sind nicht passive Zuhörer, sondern aktive
Gesprächsteilnehmer. Durch stetes Nachfragen, Wiederholen und Zusammenfassen helfen sie
mit, den Inhalt einer Mitteilung der nichtsprechenden Person zu "konstruieren" ("coconstructing",
U.Kristen, 1994).
• Das Kommunikationsverhalten der nichtsprechenden Person: In Bezug auf die Benutzung einer
Kommunikationshilfe ist ein individuelles Training erforderlich, welches die Interaktion mit der
Umgebung mitberücksichtigt. Ihre kommunikativen Fähigkeiten können allgemein erweitert
werden, wenn sie lernt, bestimmte Verhaltensweisen oder Kommunikationsstrategien einzusetzen,
um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und den Gesprächsverlauf aktiv mitzubestimmen.
• Kommunikationshilfen: Deren Einsatz verlangt eine differenziert abklärende Diagnostik der
Fähigkeiten der nichtsprechenden Person, eine Definierung des Projektes im interdisziplinären
Team zusammen mit der nichtsprechenden Person sowie deren näheren Bezugspersonen (z.B.
Eltern) und schliesslich das Beherrschen der Technik der ausgewählten Kommunikationshilfe.
Technologien und Strategien
Technische Kommunikatinshilfsmittel
sind Gegenstände oder Geräte, welche der Uebermittlung oder dem Empfang von Nachrichten
dienen. Sie reichen von Setzkästen mit realen Objekten über Kommunikationstafeln bis zu
elektronischen Geräten mit Sprachausgabe.
Einteilung der Hilfsmittel
Low-Tech: Geräte ohne Sprachausgabe
• Spielzeug-Adaptationen für behinderte Kinder
• Kommunikationstafeln/ -bücher
• Zeigehilfen: Blick (Eye-Gaze), Zeigeuhr, synoptische Tafel
• Schreibhilfen ohne Sprachausgabe
High-Tech: Geräte mit Sprachausgabe
1) D igitale o der n atürliche S prach e
Ueber ein Mikrophon werden Sprachaufnahmen oder Geräusche digitalisiert und gespeichert.
Natürliche Sprechstimme.
Auch: Computer mit Softwareprogrammen.
2) S ynthetische S prache
Text wird eingegeben, das Gerät "übersetzt" ihn in Sprache:
a) auf Buchstabenebene (Text-to-Speech)
b) auf Phonemebene (wird in deutscher Sprache nicht verwendet) Synthetische Stimme.
Auch: Computer mit Softwareprogrammen.
Selektionstechnik
ist die Art und Weise, wie ein Feld/Item angewählt wird. Es wird unterschieden zwischen direkter
und indirekter Selektion.
Direkte Selektion bedeutet, dass auf ein Feld gezeigt oder eine Taste gedrückt wird. Dies kann mit
einem Finger, der Hand, dem Fuss, über eine Zeigehilfe wie einen Kopfstab etc. geschehen. Die
direkte Selektion ist schneller und einfacher als die indirekte Selektion. Wenn immer es die
motorischen Möglichkeiten eines Benutzers es erlauben, sollte deshalb diese Technik gewählt
werden.
Bei der indirekten Selektion gilt es zu unterscheiden zwischen Scanning und Codierung:
Partner-Scanning: Der/die ZuhorerIn stellt Ja-/Nein-Fragen oder zeigt auf der Kommunikationstafel
die einzelnen Felder, bis der/die BenutzerIn mit "Ja" antwortet.
Scanning mit einer elektronischen Kommunikatinshilfe: Ein Lichtpunkt wandert von Feld zu Feld.
Der/die BenutzerIn kann ihn mittels eines Schalters steuern.
Codierung der Position: Die Kommunikationstafel eines/einer Benutzers/in wird mit Koordinaten
versehen, z.B. Zeilen = Farben, Spalten = Buchstaben. Um ein anvisiertes Feld auf der
Kommunikationstafel zu bestimmen, zeigt nun der/die BenutzerIn auf einer zweiten Tafel (der
Codierungstafel) zuerst die Farbe, z.B. blau, und dann den Buchstaben, z.B. A. Diese Technik ist bei
den Personen anzuwenden, welche eine Kommunikationstafel benutzen können, motorisch aber s o
stark eingeschränkt sind, dass sie deshalb nur auf wenige grosse Felder zeigen können.
Anm.: Codierung des sprachlichen Inhalts vgl. unter "Kommunikatonsstrategien".
In einem multimodalen Kommunikationssystem mit verschiedenen Hilfsmitteln kann es durchaus
sinnvoll sein, beide Techniken einzusetzen; vgl. dazu ein kleines Kind, welches die Sprache erlernt:
Es zeigt auf die Fruchtschale und sagt "ha" (direkte Selektion). Die Mutter beginnt darauf, die
verschiedenen Früchte zu zeigen und aufzuzählen: "Wosch e ..." (Partner-Scanning), bis das Kind
bejaht.
Kommunikationstechniken
bezeichnen die Art und Weise, wie Meldungen übermittelt werden: Ueber eine Kommunikationstafel,
über das Zeigen des ersten Buchstabens eines Wortes auf einer Alphabet-Tafel, ...
Kommunikationsstrategien
wird die individuelle Art und Weise bezeichnet, körpereigene Kommunikationsmodi, technische
Kommunikationshilfen und Techniken zu verwenden. Sie dienen der nichtsprechenden Person dazu,
ein möglichst kompetenter Gesprächspartner zu sein und den Gesprächsverlauf aktiver
mitzubestimmen. Die sprechende Person braucht bestimmte Strategien, um der Besonderheit der
Gesprächssituation Rechnung zu tragen.
In einem normalen Gespräch liegt das Sprechtempo zwischen 120 - 185 Wörtern pro Minute
(U.Kristen, 1994), die Sprecher sind zu ungefähr gleichen Teilen am Gespräch aktiv beteiligt und der
Sprecher-Wechsel (turn-taking) ist regelmässig.
Bei Unterstützter Kommunikation variiert die Geschwindigkeit durchschnittlich zwischen 2 - 25
Wörtern pro Minute (U.Kristen, 1994), und der Anteil der sprechenden Person am Gespräch ist
wesentlich höher als der der nichtsprechenden.
Durch das Anwenden von verschiedenen Strategien können der Besonderheit der
Gesprächssituation Rechnung getragen und die Kommunikation verbessert werden.
Kommen wir auf die drei Elemente der Unterstützten Kommunikation zurück:
Nichtsprechende Person - Gesprächspartner/in - Kommunikationshilfsmittel.
Strategien für die Kommunikationshilfsmittel
Sie dienen dazu, die Anzahl der möglichen Mitteilungen und / oder die Geschwindigkeit der
Kommunikation zu erhöhen.
Codierung des sprachlichen Inhalts:
Grundsätzlich ist damit gemeint, wie der sprachliche Inhalt eines Feldes auf einer
Kommunikationshilfe dargestellt (symbolisiert) werden kann. Erhöht sich die Anzahl der
sprachlichen Mitteilungen eines/einer Benutzers/in, so ist eine 1:1-Codierung nicht mehr möglich..
Die Codierung muss dann so konzipiert werden, dass einerseits die Oberfläche sozusagen
erweitert, andererseits die Geschwindigkeit beim Zugriff zu den einzelnen sprachlichen
Äusserungen erhöht wird. Dabei bieten sich folgende Möglichkeiten zur Codierung an:
• Mit Buchstaben und / oder Zahlen (alphanumerisch)
• Mit Bildern und Piktogrammen (ikonisch), z.B. Minspeak
• Wort-Vorhersage, nach Häufigkeit / nach syntaktischen Regeln
Anforderungen an den/die BenutzerIn werden gestellt in Bezug auf:
Memorisieren und Abrufen:
• Gedächtnisabhängig
• Menuabhängig, z.B. dynamischer Display
• Abhängig von linguistischen Fähigkeiten und Menu
Strategien für die nichtsprechende Person
• Strategien, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
• Strategien zur Gesprächssteuerung.
• Die verschiedenen Kommunikatonsmodi, welche zur Verfügung stehen, möglichst alle
anwenden.
• Bei Verwenden von schriftlichem Ausdruck oder Text-to-Speech: Codieren von Wörtern,
Satzteilen und Sätzen. Schlüsselwörter und Telegrammstil benutzen. Den Gesprächspartner die
Mitteilungen erraten/ergänzen lassen.
• Strategien, um Verstehenskrisen zu bewältigen.
• Strategien, um sich zu behaupten.
• Verfügen über eine klare Form für "Ja/Nein", ausserdem für "Vielleicht" oder "Ich weiss nicht" .
Der Kontakt zu anderen nichtsprechenden Menschen hilft, diese Strategien am Modell zu lernen.
Strategien für die sprechende Person
• Den Zeitfaktor berücksichtigen.
• Alle Kommunikationsmodi beachten => differenziert beobachten.
• Orientierung am Thema der nichtsprechenden Person.
• Immer wieder nachfragen, verifizieren und zusammenfassen (co-constructing).
• Achtgeben auf die Frageform: für Ja/Nein-Antworten nicht offene oder negative Fragen stellen.
• Bei schriftlicher Kommunikation oder Text-to-Speech: mit dem Einverständnis der nichtsprechenden
Person Sätze vorausnehmend erraten und ergänzen.
Abschliessend möchte ich noch einmal den interaktiven Aspekt der Kommunikation hervorheben.
Sprache oder die sie ersetzenden Kommunikationsmodi sollen etwas bewirken. Eine Durchsicht der
Forschungsliteratur in AAC zu diesem Thema zeigt vier Hauptziele in kommunikativen Interaktionen
auf:
1) Mitteilung von Bedürfnissen und Wünschen
2) Transfer von Information
3) Soziale Nähe
4) Soziale Etikette (J.Light, 1988)
Wenn einer nichtsprechenden Person ein Leben lang die Erfahrung fehlt, dass sie über die Sprache
etwas bewirken kann, wird sie mit grösster Wahrscheinlichkeit auch passiv bleiben, wenn sie ein
Hilfsmittel angepasst bekommt. Sie muss zuerst lernen, dass sie etwas bewirken kann, wenn sie
kommuniziert. Erst dann kann sie ihr individuelles Kommunikationssystem sinnvoll einsetzen und
ausschöpfen, und damit ihre Persönlichkeit weiterentwickeln.
Literatur
Arnusch G./Pivit C.
Was ist Unterstützte Kommunikation?-Eine Einführung; In: "Edi, mein Assistent" und andere Beiträge
zur Unterstützten Kommunikation , Reader der Kölner Fachtagungen; ISAAC-Deutschland,
Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation (Hrsg.)-verlag selbstbestimmtes leben, Düsseldorf,
1996.
Beukelman D.R./Mirenda P.
Augmentative and Altenative Communication - Management of Severe Communication Disorders in
Children and Adults; Paul H.Brookes Publishing Company Inc., Baltimore, 1992.
Böhm-Sturm G.
Annas Weg aus der Sprachlosigkeit; Huslik Verlag Augsburg, 1994.
Gabus J-C.
Stand der Lage, FST, Neuchâtel, 1989.
Kristen U.
Praxis Unterstützte Kommunikation; Verlag Selbstbestimmtes Leben, Düsseldorf, 1994.
Lage D.
Zur Erfassung kommunikativer Fähigkeiten bei lautsprachbehinderten Cerebralparetikern - dargestellt
anhand von fünf qualitativen Einzelfallstudien. Selbstverlag, 1990.
Rocklage, L. A. et al.
Good Junk + Creativity = Great Low-End Technology ! © 1996, "Four Weird Women, Inc.", L.
Rocklage, P.O. Box 971022, Ypsilanti, MI, 48197
Von Tetzchner and Martinsen
Introduction to Symbolic and Augmentative Communication; Singular Publisching Group, Inc., San
Diego, California, 1991.





 

 

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