Nicht sprechen können und trotzdem kommunizieren _________________________________________________________________________________________ Eine Stimme - wozu "Wenn du wissen willst, wie es ist, nicht sprechen zu können, mache folgendes. Gehe zu einer Party und sprich nicht. Spiel den Stummen. Benütze deine Hände, wenn du willst, aber benütze kein Papier und keinen Stift. Papier und Stift stehen einer stummen Person nicht immer zur Verfügung. Du wirst folgendes erleben: Die Leute sprechen; sie sprechen hinter, neben, über, unter dir, um dich herum, durch und sogar für dich. Aber nie mit dir. Du wirst ignoriert, bis du dich schliesslich wie ein Möbelstück fühlst." Rick Creech, junger Mann mit CP; zitiert aus "Augmentative and Alternative Communication", D.R.Beukelman/P.Mirenda; deutsch B.R. Im englischsprachigen Raum hat sich Anfang der 80-er Jahre aus der Arbeit mit Kommunikationstafeln und aus der Gehörlosenpädagogik (Arbeit mit Gebärden) ein neues Fachgebiet entwickelt: Augmentative and Alternative Communication, AAC. An verschiedenen Universitäten der USA kann man sich heute zum AAC-Spezialisten ausbilden lassen. Die Geschichte von AAC reicht in der Schweiz in die 70-er Jahre zurück, wo in der Firma Garbagas in Bern eine Abteilung geschaffen wurde mit dem Ziel, technische Hilfsmittel für behinderte Menschen zu entwickeln. Ingenieure und LogopädInnen, SonderschullehrerInnen, Kindergärtnerinnen, ErgotherapeutInnen (u.a.) leisteten Pionierarbeit und entwickelten Methoden, um die Kommunikationsmöglichkeiten von nichtsprechenden Menschen zu verbessern. Im deutschsprachigen Raum hat sich in den letzten Jahren dafür der Begriff Unterstützte Kommunikation durchgesetzt. Das Fachgebiet wird international durch die Vereinigung ISAAC, International Society for Augmentative and Alternative Communication, gegründet 1983, mit Sitz in Toronto/Kanada, vertreten. In der Schweiz gibt es seit Anfang 1993 den SVUK, Schweizerischer Verein für Unterstützte Kommunikation, welcher vor allem im deutschsprachigen Raum aktiv ist. Der französischsprachige Teil der Schweiz hat international mit Ländern, in welchen französisch gesprochen wird, Kontakt aufgenommen, um die Vereinigung "PRE-ISAAC" zu gründen. Eine Konferenz ist für den 20./21. Juni in Neuenburg/CH angesagt. Unterstützte Kommunikation geht davon aus, dass Kommunizieren ein menschliches Grundbedürfnis ist. Sie fasst alle pädagogischen und therapeutischen Massnahmen zusammen, welche Menschen ohne eine verständliche Lautsprache zu einer Erweiterung ihrer kommunikativen Möglichkeiten verhelfen sollen. Sie wird angewendet bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, welche aufgrund einer angeborenen oder erworbenen Behinderung ihre Kommunikationsbedürfnisse mit den ihnen zur Verfügung stehenden Kommunikationsmöglichkeiten nicht befriedigen können. Dabei können das kognitive Leistungsniveau, das Sprachverständnis, die Wahrnehmung und die motorischen Fähigkeiten bei den einzelnen nichtsprechenden Menschen unterschiedlich entwickelt und individuell ausgeprägt vorhanden sein. Die Behinderungen können folgendermassen näher umschrieben werden: • Eine frühkindliche oder angeborene Schädigung; sie ist lebensbegleitend: z.B.: Zerebralparese, Autismus-Syndrom, Formen "geistiger Behinderung". • Sie tritt zu einem späteren Lebensabschnitt ein und ist fortschreitend: z.B. ALS, MS, Formen von Muskeldystrophie. • Sie tritt zu einem späteren Lebensabschnitt ein und ist vorübergehend: z.B. Zustand nach einer Tracheotomie. • Sie tritt zu einem späteren Lebensabschnitt ein und ist lebensbegleitend: z.B. Zustand nach einem Schädel-Hirn-Trauma, Aphasie, Zustand nach Meningitis. Die Gesamtbehinderung beeinträchtigt die Sprache und die Kommunikation: • Von Beginn der Entwicklung an • Im Verlaufe der Entwicklung • Nach Vollendung der Entwicklung (nach: Arnusch/Pivit, in: Reader der Kölner Fachtagungen, 1996). Generell wird ein möglichst frühzeitiger Einsatz von Unterstützter Kommunikation empfohlen, der auch sprachtherapeutische Massnahmen mit einschliessen kann, bzw. sprachtherapeutische Massnahmen können oder sollen auch Unterstützte Kommunikation beinhalten. Dem nichtsprechenden Kind soll die Möglichkeit gegeben werden, sein Bedürfnis nach Kommunikation verwirklichen zu können. Scheitert es in seinen Bemühungen, sich verständlich zu machen, immer wieder, so besteht die Gefahr, dass es resiginiert und passiv wird (Learned Helpnessness). Ein Phänomen, das wir häufig bei erwachsenen Menschen beobachten, welche seit ihrem Lebensbeginn nicht sprechen können. Menschen, welche in einem späteren Lebensabschnitt eine Beeinträchtigung ihrer Sprech- und Sprachfähigkeit erleiden, und zwar lebensbegleitend, müssen zusammen mit ihren Bezugspersonen möglichst frühzeitig lernen, die ungenügende oder fehlende Lautsprache durch neue / alternative Kommunikationsarten zu ergänzen und/oder zu ersetzen. Die Methoden der Unterstützten Kommunikation müssen den kognitiven, (vor)sprachlichen und motorischen Fähigkeiten des Kindes, Jugendlichen oder Erwachsenen angepasst werden. Sie sollen ihn die Wirkung der Kommunikation erfahren lassen und ihm helfen, seine je individuellen Entwicklungsmöglichkeiten zu entfalten. Das multimodale Kommunikationssystem Unterstützte Kommunikation beeinhaltet grundsätzlich alle Kommunikationsmodi: • Die verbleibende, meist für die nähere Umgebung verständliche Lautsprache. • Natürliche, die Kommunikation unterstützende Massnahmen wie Mimik, Blick, Körperhaltung, etc • Speziell entwickelte Kommunikationshilfen wie Gebärden, graphische Darstellungen oder elektronische Kommunikationshilfsmittel. Dabei sollen sich die verschiedenen Kommunikationsmodi nicht ausschliessen, sondern zu einem "Multimodalen Kommunikationssystem" (U.Kristen, 1994) ergänzen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Total Communication. Es soll also zusammen mit dem nichtsprechenden Menschen ein umfassendes Kommunikationssystem erarbeitet werden, das es ihm erlaubt, in möglchst vielen Situationen das Alltags seine Kommunikationsbedürfnisse zu befriedigen. Das Partizipationsmodell In den Anfängen der Unterstützten Kommunikation ging man von einem sogenannten "Kandidaten- Modell" (Beukelman/Mirenda, 1992) aus: Es wurde angenommen, dass eine Person bestimmte Voraussetzungen erfüllen müsse, damit sie kommunizieren könne, z.B. Objekt-Permanenz, Kennen von Ursache-Wirkung. Dadurch wurden die meisten Personen mit einer leichten, mittleren oder schweren geistigen Behinderung von Massnahmen zur Unterstützten Kommunikation ausgeschlossen. Dieses Modell wurde abgelöst durch dasjenige der "Kommunikatonsbedürfnisse" (Beukelman/ Yorkston/Dowden, 1985), welches versucht, die unbefriedigten Kommunikationsbedürfnisse von nichtsprechenden Personen durch gezielte Interventionen zu reduzieren. Dieses Modell eignet sich für Menschen, deren Kommunikationsbedürfnisse leicht zu definieren sind; z.B. leben einige Erwachsene mit schweren sprachlichen Ausdrucksschwierigkeiten in einem festen und konstanten sozialen Netz, in welchem ihre Kommunikationsbedürfnisse definiert und entsprechende Interventionspläne festgelegt werden können. Dies wird schwieriger, wenn die Lebensumstände eines Menschen nicht so genau festgelegt sind und sie sich auch immer wieder verändern, z.B. bei Kindern. Deshalb entstand daraus schliesslich das "Partizipations-Modell" (Beukelman/Mirenda). Dieses Modell geht vom chronologischen Alter des potentiellen Benutzers von Unterstützter Kommunikation aus und fragt, was er braucht, um an der Interaktion mit den anderen teilnehmen zu können. Diese Teilnahme wird es ihm erlauben, Mitglied einer sozialen Gruppe zu werden und / oder zu bleiben. Im Folgenden werde ich nun einen Überblick über die verschiedenen Formen von Unterstützter Kommunikation geben, ihre Vor- und Nachteile beschreiben und sie gegeneinander abwägen. Wir unterscheiden körpereigene (unaided) und externe (aided) Kommunikationsformen. Körpereigene Kommunikationsformen Neben unserer Lautsprache benützen wir tagtäglich weitere körpereigene Kommunikationsformen zur Unterstützung unserer verbalen Aussagen. Die allgemein gebräuchlichen körpereigenen Kommunikationsformen beinhalten Atemfrequenz, Gesichtsausdruck, Aufmerksamkeitszustand, Körperhaltung, Mimik, Blick, Gestik und Lautsprache. Bei nichtsprechenden Menschen ist die Lautsprache auf einzelne Laute oder nur für enge Bezugspersonen veständliche Wörter reduziert. Aber auch die anderen Formen sind meistens verzerrt durch die schwere körperliche Behinderung. Kompensierende körpereigene Kommunikationsformen können zu einer besseren Verständigung verhelfen. Diese beinhalten Abmachungen zwischen dem/der ZuhörerIn und dem nichtsprechenden Menschen, wie er sich über seinen Körper mit ihm/uns verständigen kann: Ja-/Nein-Zeichen, hinweisendes Zeigen oder Blicken, Blinzelcodes. Viele nichtsprechende Menschen entwickeln auch individuelle Gebärden, um sich auszudrücken. Damit diese Gebärden mit möglichst vielen Kommunikationspartnern benutzt werden können, ist es gut ein Heft zu führen, wo diese aufgezeichnet sind und jederzeit von allen nachgeschlegen werden können. (Vereinfachte) Gebärden werden im Geistgbehindertenbereich und bei leicht körperbehinderten Kindern und Erwachsenen eingesetzt. Dabei hat sich gezeigt, dass die Gebärde sozusagen die sprachliche Aussage verbildlicht, dadurch helfen kann, diese zu verstehen und damit die Sprachentwicklung unterstützt. Zu den kompensierenden körpereigenen Kommunikatinsformen gehören auch: mit einzelnen Körperteilen Buchstaben in die Luft (o.ä.) schreiben, Fingeralphabet oder Morsezeichen. Diese Formen setzen aber Fertigkeiten voraus, welche die meisten Betroffenen nicht besitzen. Vorteile: Allgemein gebräuchliche körpereigene Kommunikationsformen bestehen. Kommunikation findet statt; Kommunikatinserfahrungen / Interaktionen sind bereits vor einer (professionellen) Intervention möglich. Weiter stehen alle körpereigenen Kommunikationsformen jederzeit zur Verfügung: sie sind spontan und kommen ohne Zubehör aus und erlauben oft eine recht hohe Kommunikationsgeschwindigkeit. Nachteile: Es ist schwierig, komplexere Inhalte über diese Kommunikationsformen mitzuteilen. Ot ist ein Austausch nur mit "eingeweihten" Personen möglich. Dazu kommt, dass diese Formen interpretierbar sind und die Gefahr besteht, dass der/die ZuhörerIn nur das versteht, was er/sie will. Weiter muss zwischen den PartnernInnen Sichtkontakt bestehen, damit die Kommunikations stattfinden kann. Dadurch entsteht eine Hierarchie: die nichtsprechende Person ist darauf angewiesen, dass der/die ZuhörerIn sie anschaut, damit sie sich mitteilen kann. Ein Nachteil in Bezug auf die Förderung der kognitiven und sprachlichen Entwicklung besteht darin, dass diese Formen flüchtig sind: sie sind nach der Ausführung sofort verschwunden und damit nicht ständig vor Augen, und es kann nicht immer wieder auf ihre Bedeutung hingewiesen werden. Externe Kommunikationsformen Nichtelektronische Kommunikationshilfen Nichtelektronische Kommunikationshilfen können meist selber hergestellt und auf die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten des/der Benutzers/in abgestimmt werden.Sie umfassen die unterschiedlichsten Systeme zur Darstellung und müssen darin dem jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes oder des Erwachsenen angepasst werden. Reale Objekte können dem Kind zur Auswahl angeboten werden, wenn es noch kein Symbolverständnis hat. Später kann dazu übergegangen werden, diese durch Miniaturen zu ersetzen. Fotos, Bilder und graphische Symbole können in Kommunikationstafeln, -büchern, -schürzen etc., oder auch auf im Raum verteilten Tafel an der Wand angebracht werden. Die/das gewählte Sammlung/System muss wieder nach den individuellen Fähigkeiten des/der Benutzers/in ausgewählt werden und ausbau- und erweiterbar sein. Oft werden auch Fotos, Bilder und Symbole aus verschiedenen Sammlungen gemischt benutzt. Wenn eine nichtsprechende Person über Kenntnisse in der Schriftsprache verfügt, müssen unbedingt auch Buchstaben in eine Kommunikationstafel integriert werden. Nur die Verwendung der Schriftsprache erlaubt einem nichtsprechenden Menschen, seine ureigensten Gedanken und Gefühle zu äussern. Fotos, Bilder und Symbole sind immer vorprogrammiert und spiegeln letztendlich auch wider, was wir dem nichtsprechenden Menschen für ein Vokabular anbieten (wollen). Vorteile: Ein Vorteil der nichtelektronischen Kommunikationshilfen ist, dass sie relativ einfach und billig hergestellt werden können. Sie sind robust, können kopiert (=> Mehrfachausgabe) und überall hin mitgenommen werden. Eine individuelle Anpassung an den/die BenutzerIn in Form und Gestalt oder an seine/ihre Mobilität ist möglich. Die Kommunikation mit vertrauten Personen gelingt meist recht schnell, weil sich der/die Betroffenen bei ihnen oft mit einigen Schlüsselbegriffen verständlich machen kann. Zudem wird der Kreis der "eingeweihten" Kommunikatinspartner erweitert, wobei wichtig ist, dass auf der Kommunikationshilfe eine Anleitung zu deren Benutzung vermerkt ist. Weiter wird auf diesen Hilfen Sprache dargestellt, und es ist möglich, Syntax zu benutzen. Dies gibt dem Benutzer ein Werkzeug zur Entwicklung seiner inneren Sprache. Nachteile: Nichtelektronische Kommunikationshilfen verlangen Sichtkontakt zwischen dem/der ZuhörerIn und dem/der BenutzerIn. Zudem müssen beide gemeinsam auf die Kommunikationstafel sehen können. Weiter muss der/die ZuhörerIn die Symbole und ihre Bedeutung kennen oder sogar den Begriff über diesen lesen können. Das bedeutet, dass diese Form eine Kommunikation für Eingeweihte bleibt. Die Kommunikation über diese Hilfen erfordert von beiden Partnern viel Konzentration, müssen sie sich doch während einer oft langsamen Auswahl laufend die Symbole/Wörter merken. Eine Hilfe hierbei ist, besonders wenn über eine Buchstabentabelle kommuniziert wird, wenn der /die ZuhörerIn die gewählten Symbole mitschreibt. Schliesslich bestehen für den/die BenutzerIn kaum Möglichkeiten der Gesprächssteuerung. Diese beinhaltet das Aufmerksamkeit-auf-sich-Lenken sowie kleine Bemerkungen, welche das Gespräch beginnen, seine Dynamik aufrecht erhalten oder es beenden. Gemeint sind Äusserungen wie: "Kannst du das bitte wiederholen?" "Du hast mich falsch verstanden." "Das klingt interessant." "Bitte noch einmal von vorne." Einige dieser Äusserungen sowie die Aussage "Ich habe kein Symbol dafür" sollten als Symbole auf einer Kommunikationstafel enthalten sein. Elektronische Kommunikationshilfen Geräte ohne Sprachausgabe Bei diesen Hilfsmitteln handelt es sich um Zeigehilfen, welche von schwer körperbehinderten Menschen oder als Einstieg in eine elektronische Kommunikatonshilfe eingesetzt werden. Weiter fallen darunter Schreibhilfen ohne Sprachausgabe wie z.B. der Canon Communicator (welcher auf Wunsch mit einer Sprachausgabe versehen werden kann). Ich möchte kurz auf die Vor- und Nachteile einer elektronischen Schreibhilfe ohne Sprachausgabe eingehen. Vorteile: Sie bietet unbegrenzte sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten und dies in einem "Standard"-Modus, ohne fremde Stimme. Unsere Erfahrungen zeigen, dass vor allem Menschen, welche in einem späteren Lebensabschnitt ihre Sprechfähigkeit vorübergehend oder dauernhaft verlieren, ein solches Hilfsmittel einem mit "einer fremden Stimme" vorziehen. Ein weiterer wichtiger Vorteil ist, dass sie eine zeitlich versetzte Kommunikation erlaubt. Nachteile: Die schriftliche Kommunikationsweise verlangt Sichtkontakt zwischen den beiden Partnern/innen sowie, dass beide lesen und schreiben können. Zudem ist sie äusserst langsam, wenn sie nicht zeitlich versetzt stattfindet. Geräte mit Sprachausgabe Grundsätzlich können die Kommunikationshilfen mit Sprachausgabe in zwei Typen von Geräten eingeteilt werden: • Kompaktgeräte, welche als Sprech-Ersatz-Geräte konzipert und in sich geschlossen sind. Sie sind ziemlich robust gebaut und transportierbar. • Computer und Kleincomputer (Laptops, Notebooks) aus dem Fachhandel, welche mit speziellen Kommunikationsprogrammen ausgerüstet sind. Die gewonnene Lautsprache soll dem/der BenutzerIn eine grössere Selbständigkeit und Unabhängigkeit geben und ihm/ihr helfen, die eigene Persönlichkeit deutlicher zum Ausdruck bringen und dadurch auch erleben und entwickeln zu können. Aber der erfolgreiche Einsatz einer Kommunikationshilfe mit Sprachausgabe ist von verschiedenen Faktoren abhängig: • Primär wichtig ist, dass das Gerät von allen Bezugspersonen des/der Benutzers/in akzeptiert wird. • Vor der Anschaffung eines Gerätes muss ein Projekt definiert und die dafür verantwortliche Person (ProjektleiterIn) bestimmt werden. • Die Einarbeitung des Gerätes verlangt einen therapeutischen Rahmen, wo strukturiert und kontinuierlich daran gearbeitet wird. • Alle Bezugspersonen müssen gemeinsam an diesem Projekt arbeiten, damit der/die BenutzerIn in möglichst vielen verschiedenen Situationen erleben kann, wie sich die Möglichkeit, Stimme einzusetzen, auf die Kommunikation auswirkt. • Eine elektronische Kommunikatonshilfe soll immer durch weitere Kommunikationsmodi ergänzt werden. Die Geräte sind störanfällig, und es gibt immer wieder Situationen, wo sie nicht eingesetzt werden können (z.B. Strand). Vorteile: Die Stimme drückt aus: "Ich bin da" - verschafft Identität. Sie ermöglicht es dem/der BenutzerIn: • Die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen • Gesprächssteuerung: Ein Gespräch beginnen - aufrecht erhalten - beenden; das Gesprächsthema festlegen; das Gespräch lenken und z.B. Missverständnisse schnelle ausräumen: "Du hast mich falsch verstanden". • Schimpfen, Witze erzählen, in der Gruppe sprechen • Kommunkation ohne Sichtkontakt, z.B. telefonieren • Mit fremden Personen oder solchen, die nicht lesen können, kommunizieren • Das Haustier ansprechen und rufen Nachteile: Kosten, vgl. dazu aber auch die für das Erstellen einer Kommunikationstafel eingesetzte Zeit! Umfang / Grösse / Transportierbarkeit Erfordert einerseits technische Kenntnisse, andererseits therapeutiosches und pädagogischdidaktisches Wissen. Pannenanfälligkeit Die Stimme ist eine fremde Stimme. Besonderheiten der Gesprächssituation Es geht nun nicht nur darum, aus den beschriebenen Elementen ein Kommunikationssystem für einen nichtsprechenden Menschen aufzubauen und es ihn zu lehren. Entsprechend dem Partizipationsmodell geht es darum, dass er an den Aktivitäten in seiner Umgebung teilnehmen und mit dieser in Interaktion treten kann. Ganz allgemein besteht ein Ungleichgewicht in der Kommunikation zwischen der nichtsprechenden Person und ihrem Kommunikaitonspartner. Häufig werden Ja/Nein-Fragen überbenutzt. Und dies aus folgenden Gründen: • Der Benutzer gewöhnt sich daran, auf Ja/Nein-Fragen zu warten und die "Last", die Kommunikation weiterzuführen (oder zu beenden) fällt vor allem auf den Gesprächspartner zurück. • Geschwindigkeit: über Ja/Nein-Fragen geht die Kommunikation schneller. • Der Einsatz eines Hilfsmittels erfordert einen gewissen Aufwand. • Der passive Wortschatz ist grösser als der aktive. Ja/Nein-Fragen erlauben dadurch einen Zugang zu einer grösseren Anzahl von Themen. Grundsätzlich umfasst das Konzept der Unterstützten Kommunikation aber drei Elemente, von denen eine Verbesserung der Kommunikation der nichtsprechenden Person mit ihren GesprächspartnerInnen abhängt. • Das Kommunikationsverhalten der GesprächspartnerInnen: Die Bezugspersonen tragen durch ihre Haltung, Einstellung und Gesprächsführung dazu bei, dass die nichtsprechende Person ihre Kommunikationsabsichten mitteilen kann. Sie sind nicht passive Zuhörer, sondern aktive Gesprächsteilnehmer. Durch stetes Nachfragen, Wiederholen und Zusammenfassen helfen sie mit, den Inhalt einer Mitteilung der nichtsprechenden Person zu "konstruieren" ("coconstructing", U.Kristen, 1994). • Das Kommunikationsverhalten der nichtsprechenden Person: In Bezug auf die Benutzung einer Kommunikationshilfe ist ein individuelles Training erforderlich, welches die Interaktion mit der Umgebung mitberücksichtigt. Ihre kommunikativen Fähigkeiten können allgemein erweitert werden, wenn sie lernt, bestimmte Verhaltensweisen oder Kommunikationsstrategien einzusetzen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und den Gesprächsverlauf aktiv mitzubestimmen. • Kommunikationshilfen: Deren Einsatz verlangt eine differenziert abklärende Diagnostik der Fähigkeiten der nichtsprechenden Person, eine Definierung des Projektes im interdisziplinären Team zusammen mit der nichtsprechenden Person sowie deren näheren Bezugspersonen (z.B. Eltern) und schliesslich das Beherrschen der Technik der ausgewählten Kommunikationshilfe. Technologien und Strategien Technische Kommunikatinshilfsmittel sind Gegenstände oder Geräte, welche der Uebermittlung oder dem Empfang von Nachrichten dienen. Sie reichen von Setzkästen mit realen Objekten über Kommunikationstafeln bis zu elektronischen Geräten mit Sprachausgabe. Einteilung der Hilfsmittel Low-Tech: Geräte ohne Sprachausgabe • Spielzeug-Adaptationen für behinderte Kinder • Kommunikationstafeln/ -bücher • Zeigehilfen: Blick (Eye-Gaze), Zeigeuhr, synoptische Tafel • Schreibhilfen ohne Sprachausgabe High-Tech: Geräte mit Sprachausgabe 1) D igitale o der n atürliche S prach e Ueber ein Mikrophon werden Sprachaufnahmen oder Geräusche digitalisiert und gespeichert. Natürliche Sprechstimme. Auch: Computer mit Softwareprogrammen. 2) S ynthetische S prache Text wird eingegeben, das Gerät "übersetzt" ihn in Sprache: a) auf Buchstabenebene (Text-to-Speech) b) auf Phonemebene (wird in deutscher Sprache nicht verwendet) Synthetische Stimme. Auch: Computer mit Softwareprogrammen. Selektionstechnik ist die Art und Weise, wie ein Feld/Item angewählt wird. Es wird unterschieden zwischen direkter und indirekter Selektion. Direkte Selektion bedeutet, dass auf ein Feld gezeigt oder eine Taste gedrückt wird. Dies kann mit einem Finger, der Hand, dem Fuss, über eine Zeigehilfe wie einen Kopfstab etc. geschehen. Die direkte Selektion ist schneller und einfacher als die indirekte Selektion. Wenn immer es die motorischen Möglichkeiten eines Benutzers es erlauben, sollte deshalb diese Technik gewählt werden. Bei der indirekten Selektion gilt es zu unterscheiden zwischen Scanning und Codierung: Partner-Scanning: Der/die ZuhorerIn stellt Ja-/Nein-Fragen oder zeigt auf der Kommunikationstafel die einzelnen Felder, bis der/die BenutzerIn mit "Ja" antwortet. Scanning mit einer elektronischen Kommunikatinshilfe: Ein Lichtpunkt wandert von Feld zu Feld. Der/die BenutzerIn kann ihn mittels eines Schalters steuern. Codierung der Position: Die Kommunikationstafel eines/einer Benutzers/in wird mit Koordinaten versehen, z.B. Zeilen = Farben, Spalten = Buchstaben. Um ein anvisiertes Feld auf der Kommunikationstafel zu bestimmen, zeigt nun der/die BenutzerIn auf einer zweiten Tafel (der Codierungstafel) zuerst die Farbe, z.B. blau, und dann den Buchstaben, z.B. A. Diese Technik ist bei den Personen anzuwenden, welche eine Kommunikationstafel benutzen können, motorisch aber s o stark eingeschränkt sind, dass sie deshalb nur auf wenige grosse Felder zeigen können. Anm.: Codierung des sprachlichen Inhalts vgl. unter "Kommunikatonsstrategien". In einem multimodalen Kommunikationssystem mit verschiedenen Hilfsmitteln kann es durchaus sinnvoll sein, beide Techniken einzusetzen; vgl. dazu ein kleines Kind, welches die Sprache erlernt: Es zeigt auf die Fruchtschale und sagt "ha" (direkte Selektion). Die Mutter beginnt darauf, die verschiedenen Früchte zu zeigen und aufzuzählen: "Wosch e ..." (Partner-Scanning), bis das Kind bejaht. Kommunikationstechniken bezeichnen die Art und Weise, wie Meldungen übermittelt werden: Ueber eine Kommunikationstafel, über das Zeigen des ersten Buchstabens eines Wortes auf einer Alphabet-Tafel, ... Kommunikationsstrategien wird die individuelle Art und Weise bezeichnet, körpereigene Kommunikationsmodi, technische Kommunikationshilfen und Techniken zu verwenden. Sie dienen der nichtsprechenden Person dazu, ein möglichst kompetenter Gesprächspartner zu sein und den Gesprächsverlauf aktiver mitzubestimmen. Die sprechende Person braucht bestimmte Strategien, um der Besonderheit der Gesprächssituation Rechnung zu tragen. In einem normalen Gespräch liegt das Sprechtempo zwischen 120 - 185 Wörtern pro Minute (U.Kristen, 1994), die Sprecher sind zu ungefähr gleichen Teilen am Gespräch aktiv beteiligt und der Sprecher-Wechsel (turn-taking) ist regelmässig. Bei Unterstützter Kommunikation variiert die Geschwindigkeit durchschnittlich zwischen 2 - 25 Wörtern pro Minute (U.Kristen, 1994), und der Anteil der sprechenden Person am Gespräch ist wesentlich höher als der der nichtsprechenden. Durch das Anwenden von verschiedenen Strategien können der Besonderheit der Gesprächssituation Rechnung getragen und die Kommunikation verbessert werden. Kommen wir auf die drei Elemente der Unterstützten Kommunikation zurück: Nichtsprechende Person - Gesprächspartner/in - Kommunikationshilfsmittel. Strategien für die Kommunikationshilfsmittel Sie dienen dazu, die Anzahl der möglichen Mitteilungen und / oder die Geschwindigkeit der Kommunikation zu erhöhen. Codierung des sprachlichen Inhalts: Grundsätzlich ist damit gemeint, wie der sprachliche Inhalt eines Feldes auf einer Kommunikationshilfe dargestellt (symbolisiert) werden kann. Erhöht sich die Anzahl der sprachlichen Mitteilungen eines/einer Benutzers/in, so ist eine 1:1-Codierung nicht mehr möglich.. Die Codierung muss dann so konzipiert werden, dass einerseits die Oberfläche sozusagen erweitert, andererseits die Geschwindigkeit beim Zugriff zu den einzelnen sprachlichen Äusserungen erhöht wird. Dabei bieten sich folgende Möglichkeiten zur Codierung an: • Mit Buchstaben und / oder Zahlen (alphanumerisch) • Mit Bildern und Piktogrammen (ikonisch), z.B. Minspeak • Wort-Vorhersage, nach Häufigkeit / nach syntaktischen Regeln Anforderungen an den/die BenutzerIn werden gestellt in Bezug auf: Memorisieren und Abrufen: • Gedächtnisabhängig • Menuabhängig, z.B. dynamischer Display • Abhängig von linguistischen Fähigkeiten und Menu Strategien für die nichtsprechende Person • Strategien, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. • Strategien zur Gesprächssteuerung. • Die verschiedenen Kommunikatonsmodi, welche zur Verfügung stehen, möglichst alle anwenden. • Bei Verwenden von schriftlichem Ausdruck oder Text-to-Speech: Codieren von Wörtern, Satzteilen und Sätzen. Schlüsselwörter und Telegrammstil benutzen. Den Gesprächspartner die Mitteilungen erraten/ergänzen lassen. • Strategien, um Verstehenskrisen zu bewältigen. • Strategien, um sich zu behaupten. • Verfügen über eine klare Form für "Ja/Nein", ausserdem für "Vielleicht" oder "Ich weiss nicht" . Der Kontakt zu anderen nichtsprechenden Menschen hilft, diese Strategien am Modell zu lernen. Strategien für die sprechende Person • Den Zeitfaktor berücksichtigen. • Alle Kommunikationsmodi beachten => differenziert beobachten. • Orientierung am Thema der nichtsprechenden Person. • Immer wieder nachfragen, verifizieren und zusammenfassen (co-constructing). • Achtgeben auf die Frageform: für Ja/Nein-Antworten nicht offene oder negative Fragen stellen. • Bei schriftlicher Kommunikation oder Text-to-Speech: mit dem Einverständnis der nichtsprechenden Person Sätze vorausnehmend erraten und ergänzen. Abschliessend möchte ich noch einmal den interaktiven Aspekt der Kommunikation hervorheben. Sprache oder die sie ersetzenden Kommunikationsmodi sollen etwas bewirken. Eine Durchsicht der Forschungsliteratur in AAC zu diesem Thema zeigt vier Hauptziele in kommunikativen Interaktionen auf: 1) Mitteilung von Bedürfnissen und Wünschen 2) Transfer von Information 3) Soziale Nähe 4) Soziale Etikette (J.Light, 1988) Wenn einer nichtsprechenden Person ein Leben lang die Erfahrung fehlt, dass sie über die Sprache etwas bewirken kann, wird sie mit grösster Wahrscheinlichkeit auch passiv bleiben, wenn sie ein Hilfsmittel angepasst bekommt. Sie muss zuerst lernen, dass sie etwas bewirken kann, wenn sie kommuniziert. Erst dann kann sie ihr individuelles Kommunikationssystem sinnvoll einsetzen und ausschöpfen, und damit ihre Persönlichkeit weiterentwickeln. Literatur Arnusch G./Pivit C. Was ist Unterstützte Kommunikation?-Eine Einführung; In: "Edi, mein Assistent" und andere Beiträge zur Unterstützten Kommunikation , Reader der Kölner Fachtagungen; ISAAC-Deutschland, Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation (Hrsg.)-verlag selbstbestimmtes leben, Düsseldorf, 1996. Beukelman D.R./Mirenda P. Augmentative and Altenative Communication - Management of Severe Communication Disorders in Children and Adults; Paul H.Brookes Publishing Company Inc., Baltimore, 1992. Böhm-Sturm G. Annas Weg aus der Sprachlosigkeit; Huslik Verlag Augsburg, 1994. Gabus J-C. Stand der Lage, FST, Neuchâtel, 1989. Kristen U. Praxis Unterstützte Kommunikation; Verlag Selbstbestimmtes Leben, Düsseldorf, 1994. Lage D. Zur Erfassung kommunikativer Fähigkeiten bei lautsprachbehinderten Cerebralparetikern - dargestellt anhand von fünf qualitativen Einzelfallstudien. Selbstverlag, 1990. Rocklage, L. A. et al. Good Junk + Creativity = Great Low-End Technology ! © 1996, "Four Weird Women, Inc.", L. Rocklage, P.O. Box 971022, Ypsilanti, MI, 48197 Von Tetzchner and Martinsen Introduction to Symbolic and Augmentative Communication; Singular Publisching Group, Inc., San Diego, California, 1991.
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