1 (ein) Traum wird wahrLangsam und präzise fahren Jwan Heinigers Finger über die winzigen Sensortasten. Mit einem Pieps quittiert der Computer die Eingabe jedes Buchstabens. Das geht langsam. Aber es geht. Jwan kann seine Arme nicht heben. Der 19jährige aus Derendingen ist an den Rollstuhl gefesselt, seit im Alter von neun Jahren seine Beine für immer ihren Dienst versagten. Jwan leidet an "Muskel-Dytrophie Typ Duchesse", einer Erbkrankheit, die aus bewegungsfreudigen Kindern gelähmte Jugendliche macht. Seit einigen Jahren ist sein Zustand einigermassen stabil. Die heimtückische Krankheit hat ihm wenigstens die Gewalt über Hände und Finger gelassen. Sie sind zu seinem wichtigsten Instrument geworden. Doch mit einer konventionellen Tastatur könnte er seinen Computer kaum bedienen. Iwan hat Mühe, die Finger zu heben oder zu spreizen. Auf dem flachen "Intellikeys"-Tablet hat er diese Probleme nicht. Er kann mit den Händen darüber gleiten und trifft mit Fingerspitzengefühl die winzigen, auf eine Folie gedruckten Tasten. Eine Rückenstütze fixiert den Körper in einer geraden Haltung. Jwan muss den Kopf tief senken, um auf die kleinen Tasten blicken zu können. Das strengt an. Doch es ist ein kleiner Nachteil im Vergleich zu den Möglichkeiten, die Jwan mit seiner Spezialtastatur hat. Er bedient mit ihr und der Computermaus handelsübliche Programme. Sein Hobby ist die Plattendatenbank, in der die neusten Scheiben alphabetisch geordnet erfasst sind. D.J. Bobo, die Bee Gees, Queen, Santana und die Scorpions hört er gerne. Doch den Computer benützt Jwan nicht nur zum Spass. Er ist Bürolehrling im 2. Lehrjahr. Es brauchte einige administrative Fingerübungen, bis Jwans Wunsch, zuhause bleiben zu können, in Erfüllung ging. Jetzt wird er an drei Nachmittagen in der Woche von Daniel Meroni in seinem eigenen Zimmer unterrichtet. Ein wenig sind sie Schicksalsgenossen. Meroni, selbst arbeitslos, ist froh um die Nebenbeschäftigung. Und für Jwan ist Meroni mehr geworden als nur der Lehrer. Die beiden verstehen sich gut. Oefters frönen sie nach getaner Arbeit ihrer Leidenschaft, den schnellen Autos. Jwan's Zimmer ist gefüllt mit Modellen aus italienischen und deutschen Edelschmieden. Im Schrank verwahrt er einen andern Schatz: Dutzende eng beschriebene Seiten. In seiner schönen Handschrift hat er darauf Daten von Hunderten Automodellen erfasst. Wen wunderts da, dass Jwan als seinen Traumberuf "Autoverkäufer" nennt. Er schwärmt von jenem Tag, als ihn ein Garagist auf eine Spritztour mit einem roten Edelrenner aus Italien einlud. Wenn Jwan von schnellen Autos schwärmt, meint er damit auch seinen Traum, gehen zu können wie seine Altersgenossen. Oder einfach nach Amerika zu fahren. Die Realität holt ihn viel zu rasch wieder ein. Dann muss Jwan, der an manchen Tagen sehr unter seinem Schicksal leidet, Realist sein. Er hat alle Schuljahre duchlaufen, kann jetzt eine - von der IV anerkannte - Bürolehre machen. Und er kann mit dem Computer und der Spezialtastatur sämtliche Büroarbeiten erledigen. Diesen Traum wird Jwan realisieren: "Ich möchte meine eigenes Geld verdienen". Jwan Heninger 09.1994
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