EINFUEHRUNG IN DIE UNTERSTUETZTE KOMMUNIKATION Das ist u nterstützte K ommunikation Im englischsprachigen Raum hat sich Anfang der 80-er Jahre aus der Arbeit mit Kommunikationstafeln und aus der Gehörlosenpädagogik (Arbeit mit Gebärden) ein neues Fachgebiet entwickelt: Augmentative and Alternative Communication, AAC. An verschiedenen Universitäten der USA kann man sich heute zum AAC-Spezialisten ausbilden lassen. Im deutschsprachigen Raum hat sich in den letzten Jahren der Begriff Unterstützte Kommunikation durchgesetzt für alle pädagogischen und/oder therapeutischen Massnahmen, welche eine Erweiterung der kommunikativen Möglichkeiten bei Menschen ohne Lautsprache bezwecken. Das Fachgebiet wird international durch die Vereinigung ISAAC, International Society for Augmentative and Alternative Communication, gegründet 1983, mit Sitz in Toronto/Kanada, vertreten. In der Schweiz gibt es seit Anfang 1993 den SVUK, Schweizerischer Verein für Unterstützte Kommunikation, welcher bisher vor allem im deutschsprachigen Raum aktiv ist. Unterstützte Kommunikation geht davon aus, dass Kommunizieren ein menschliches Grundbedürfnis ist, und versucht, Menschen ohne verständliche Lautsprache zu einer Kommunikation zu verhelfen. Sie wird angewendet bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, welche aufgrund einer angeborenen oder erworbenen Behinderung ihre Kommunikationsbedürfnisse mit den ihnen zur Verfügung stehenden Kommunikationsmöglichkeiten nicht befriedigen können. Dabei können das kognitive Leistungsniveau, das Sprachverständnis, die Wahrnehmung und die motorischen Fähigkeiten bei den einzelnen nichtsprechenden Menschen unterschiedlich entwickelt und individuell ausgeprägt vorhanden sein. Generell wird ein möglichst frühzeitiger Einsatz von Unterstützter Kommunikation empfohlen, der auch sprachtherapeutische Massnahmen mit einschliessen kann, bzw. sprachtherapeutische Massnahmen können oder sollen auch Unterstützte Kommunikation beinhalten. Unterstützte Kommunikation beeinhaltet grundsätzlich alle Kommunikationsmodi: • Die verbleibende, meist für die nähere Umgebung verständliche Lautsprache • Natürliche, die Kommunikation unterstützende Massnahmen wie Mimik, Blick, Körperhaltung, etc. • Speziell entwickelte Kommunikationshilfen wie Gebärden, graphische Darstellungen oder elektronische Kommunikationshilfsmittel. Dabei sollen sich die verschiedenen Kommunikationsmodi nicht ausschliessen, sondern zu einem "Multimodalen Kommunikationssystem" (U.Kristen, 1994) ergänzen. In den Anfängen der Unterstützten Kommunikation ging man von einem sogenannten "Kandidaten- Modell" (Beukelman/Mirenda, 1992) aus: Es wurde angenommen, dass eine Person bestimmte Voraussetzungen erfüllen müsse, damit sie kommunizieren könne, z.B. Objekt-Permanenz, Kennen von Ursache-Wirkung. Dadurch wurden die meisten Personen mit einer leichten, mittleren oder schweren geistigen Behinderung von Massnahmen zur Unterstützten Kommunikation ausgeschlossen. Dieses Modell wurde abgelöst durch dasjenige der "Kommunikatonsbedürfnisse" (Beukelman/ Yorkston/Dowden, 1985), welches versucht, die unbefriedigten Kommunikationsbedürfnisse von nichtsprechenden Personen durch gezielte Interventionen zu reduzieren. Dieses Modell eignet sich für Menschen, deren Kommunikationsbedürfnisse leicht zu definieren sind; z.B. leben einige Erwachsene mit schweren sprachlichen Ausdrucksschwierigkeiten in einem festen und konstanten sozialen Netz, in welchem ihre Kommunikationsbedürfnisse definiert und entsprechende Interventionspläne festgelegt werden können. Dies wird schwieriger, wenn die Lebensumstände eines Menschen nicht so genau festgelegt sind und sie sich auch immer wieder verändern, z.B. bei Kindern. Deshalb entstand daraus schliesslich das "Partizipations-Modell" (Beukelman/Mirenda). Dieses Modell geht vom chronologischen Alter des potentiellen Benutzers von Unterstützter Kommunikation aus und fragt, was er braucht, um an der Interaktion mit den anderen teilnehmen zu können. Diese Teilnahme wird es ihm erlauben, Mitglied einer sozialen Gruppe zu werden und / oder zu bleiben. Es geht nun nicht nur darum, aus den beschriebenen Elementen ein Kommunikationssystem für einen nichtsprechenden Menschen aufzubauen und es ihn zu lehren. Entsprechend dem Partizipationsmodell geht es darum, dass er an den Aktivitäten in seiner Umgebung teilnehmen und mit dieser in Interaktion treten kann. Das Konzept der Unterstützten Kommunikation umfasst grundsätzlich drei Elemente, von denen eine Verbesserung der Verständigung abhängt. • Das Kommunikationsverhalten der Gesprächspartnerinnen: Die Bezugspersonen tragen durch ihre Haltung, Einstellung und Gesprächsführung dazu bei, dass die nichtsprechende Person ihre Kommunikationsabsichten mitteilen kann. Sie sind nicht passive Zuhörer, sondern aktive Gesprächsteilnehmer. Durch stetes Nachfragen, Wiederholen und Zusammenfassen helfen sie mit, den Inhalt einer Mitteilung der nichtsprechenden Person zu "konstruieren" ("coconstructing", U.Kristen, 1994). • Das Kommunikationsverhalten der nichtsprechenden Person: In Bezug auf die Benutzung einer Kommunikationshilfe ist ein individuelles Training erforderlich, welches die Interaktion mit der Umgebung mitberücksichtigt. Ihre kommunikativen Fähigkeiten können allgemein erweitert werden, wenn sie lernt, bestimmte Verhaltensweisen oder Kommunikationsstrategien einzusetzen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und den Gesprächsverlauf aktiv mitzubestimmen. • Kommunikationshilfen: Deren Einsatz verlangt eine differenziert abklärende Diagnostik der Fähigkeiten der nichtsprechenden Person, eine Definierung des Projektes im interdisziplinären Team zusammen mit der nichtsprechenden Person sowie deren näheren Bezugspersonen (z.B. Eltern) und schliesslich das Beherrschen der Technik der ausgewählten Kommunikationshilfe. TECHNOLOGIEN UND STRATEGIEN Technische K ommunikationshilfsmittel: sind Gegenstände oder Geräte, welche der Uebermittlung oder dem Empfang von Nachrichten dienen. Sie reichen von Setzkästen mit realen Objekten über Kommunikationstafeln bis zu elektronischen Geräten mit Sprachausgabe. Techniken (Kommunikationstechniken) : bezeichnen die Art und Weise, wie Nachrichten übermittelt werden, z.B. direktes Zeigen, Scanning, ... Strategien (Kommunikationsstrategien) : wird die individuelle Art und Weise bezeichnet, körpereigene Kommunikationsmodi, technische Kommunikationshilfen und Techniken zu verwenden. Sie dienen der nichtsprechenden Person dazu, ein möglichst kompetenter Gesprächspartner zu sein und den Gesprächsverlauf aktiver mitzubestimmen. Die sprechende Person braucht bestimmte Strategien, um der Besonderheit der Gesprächssituation Rechnung zu tragen. EINTEILUNG D ER H ILFSMITTEL Low-Tech: Geräte ohne Sprachausgabe • Spielzeug-Adaptationen für behinderte Kinder • Kommunikationstafeln/ -bücher • Zeigehilfen: Blick (Eye-Gaze), Zeigeuhr, synoptische Tafel • Schreibhilfen ohne Sprachausgabe High-Tech: Geräte mit Sprachausgabe 1) D igitale o der n atürliche S prach e Ueber ein Mikrophon werden Sprachaufnahmen oder Geräusche digitalisiert und gespeichert. Natürliche Sprechstimme. 2) S ynthetische S prache Text wird eingegeben, das Gerät "übersetzt" ihn in Sprache: a) auf Buchstabenebene (Text-to-Speech) b) auf Phonemebene (wird in deutscher Sprache nicht verwendet) Synthetische Stimme. Auch Computer mit zusätzlicher Sprachausgabe. TECHNIKEN ZUR UEBERMITTLUNG Direkte Selektion : • Durch Berühren, Drücken einer Taste • Zeigen mit Blick; durch Kopfstab, Optischen Stab Indirekte Selektion : Scannig: Ein Lichtlauf bewegt sich über die Tastatur; je nach Hilfsmittel sind verschiedene Scanningmuster wählbar. Durch Anhalten des Lichtpunktes auf einer bestimmten Taste wird diese ausgewählt. Das Scanning wird über ein auf den Benutzer individuell abgestimmtes Eingabesystem bedient: Druck- oder Kippschalter, Saug-Blasschalter, Mouse, Trackball, Joystick etc. STRATEGIEN In einem normalen Gespräch liegt das Sprechtempo zwischen 120 - 185 Wörtern pro Minute (U.Kristen, 1994), die Sprecher sind zu ungefähr gleichen Teilen am Gespräch aktiv beteiligt und der Wechsel zwischen ihnen (turn-taking) ist regelmässig. Bei Unterstützter Kommunikation variiert die Geschwindigkeit durchschnittlich zwischen 2 - 25 Wörtern pro Minute (U.Kristen, 1994), und der Anteil der sprechenden Person am Gespräch ist wesentlich höher als der nichtsprechenden. Durch das Anwenden von verschiedenen Strategien können der Besonderheit der Gesprächssituation Rechnung getragen und die Kommunikation verbessert werden. Kommen wir auf die drei Elemente der Unterstützten Kommunikation zurück: Nichtsprechende Person - Gesprächspartnerin - Kommunikationshilfsmittel. Strategien für d ie K ommunikationshilfsmittel Sie dienen dazu, die Geschwindigkeit der Kommunikation zu erhöhen. Codierung : • Mit Buchstaben und / oder Zahlen (alphanumerisch) • Mit Bildern und Piktogrammen (ikonisch), z.B. Minspeak • Wort-Vorhersage, nach Häufigkeit / nach syntaktischen Regeln Memorisieren u nd A brufe n : • Gedächtnisabhängig • Menuabhängig, z.B. dynamischer Display • Abhängig von linguistischen Fähigkeiten und Menu Strategien für d ie n ichtsprec h e nde P erson • Strategien, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. • Strategien zur Gesprächssteuerung. • Die verschiedenen Kommunikatonsmodi, welche zur Verfügung stehen, möglichst alle anwenden. • Bei Verwenden von schriftlichem Ausdruck oder Text-to-Speech: Kodieren von Wörtern, Satzteilen und Sätzen. Schlüsselwörter und Telegrammstil benutzen. Den Gesprächspartner die Mitteilungen erraten/ergänzen lassen. • Strategien, um Verstehenskrisen zu bewältigen. • Strategien, um sich zu behaupten. • Verfügen über eine klare Form für "ja/nein", ausserdem für "vielleicht" oder "ich weiss nicht" . Der Kontakt zu anderen nichtsprechenden Menschen hilft, diese Strategien am Modell zu lernen. Strategien für d ie s prechende P erson • Den Zeitfaktor berücksichtigen. • Alle Kommunikationsmodi beachten => differenziert beobachten. • Orientierung am Thema der nichtsprechenden Person. • Immer wieder nachfragen, verifizieren und zusammenfassen. • Achtgeben auf die Frageform: für ja/nein-Antworten nicht offene oder negative Fragen stellen. • Bei schriftlicher Kommunikation oder Text-to-Speech: mit dem Einverständnis der nichtsprechenden Person Sätze vorausnehmend erraten und ergänzen. EINSATZGEBIETE U ND M ETHODEN D ER F S T Die FST bietet Beratungen und Hilfsmittel in Unterstützter Kommunikation an. Beratungen : • Hilfe bei der Definierung eines Projektes, ev. Einbezug der Informatik. Wichtig: Diese Vorbesprechungen finden im interdisziplinären Team statt und beziehen die nichtsprechende Person soweit wie möglich sowie deren nächste Bezugspersonen (z.B. Eltern) mit ein. In dieser Phase wird auch eine Person bestimmt, welche die Verantwortung für das Projekt - und ev. später für das Hilfsmittel - trägt und für den Kontakt mit der FST zuständig ist. Als Diskussionsgrundlage und Hilfsmittel haben wir dazu einen Fragebogen entwickelt. • Beratungen rund um ein Hilfsmittel: Auswahl und Anpassung, Technik, Einsatz für die Kommunikation. • Informieren der Bezugspersonen über Unterstützte Kommunikation, besprechen der Anwendung des Hilfsmittel im konkreten Alltag. Hilfsmittel: • Ausstellung, Halle 1, Stand 1.165. • Grundsätzlich werden die Hilfsmittel von der IV bezahlt und dem Benutzer/der Benutzerin ausgeliehen. Die FST führt das IV-Depot für diese Hilfsmittel. Wird ein Gerät nicht mehr gebraucht, kommt es zu uns ins und kann danach einem neuen Benutzer/einer neuen Benutzerin zur Verfügung gestellt werden. Weiter bietet die FST Kurse an: • Einmal pro Jahr einen 4-tägiger Kurs in Neuenburg, in welchem das Thema Unterstützte Kommunikation von verschiedenen Seiten und möglichst ganzheitlich angegangen wird: Logopädie, Ergotherapie, Sonderpädagogik, Medizin, sowie eine kurze Einführung zu Bliss; elektronische Hilfsmittel: technische Aspekte und Einsatz in der Kommunikation, unter Einbezug der Informatik. • Informationskurse zu Unterstützter Kommunikation in Institutionen, wo ein Hilfsmittel bereits eingesetzt wird, bevor ein Projekt begonnen wird oder wo ein Hilfsmittel zwar vorhanden ist, aber nicht zur Kommunikation benutzt wird. • Unterricht für Ausbildungsstätten: Informationstage für Studenten, meistens in den Kursräumen der FST in Neuenburg. Und schliesslich hat die FST ein Dokumentationszentrum, das interessierten Personen offensteht: • Eine Bibliothek mit über tausend Dokumenten über die Gebiete, in welchen die FST tätig ist. • Die permanente Hilfsmittelausstellung, welche grundsätzlich am Dienstag offen ist (Bitte um Voranmeldung). • Die Schweizerische Fachstelle für Informationstechnologien im Bildungswesen zeigt pädagogische- didaktische Programme für den Schulbereich. Literatur : • Augmentative and Alternative Communication, Beukelman D.R./Mirenda P.; Paul H. Brookes Publishing Company Inc., Baltimore 1992. • Praxis Unterstützte Kommunikation, Kristen U.; Verlag Selbstbestimmtes Leben, Düsseldorf, 1994. • Stand der Lage, Gabus J.-C., FST 1989.
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