Einsatzmöglichkeiten von elektronischen Kommunikationshilfen bei Menschen mit einer geistigen Behinderung 1. Einleitung Im ALG-Bulletin Heft Nr. 74/3.Quartal 1997 erschienen die Artikel Logopädie bei geistig behinderten Kindern von Anna Holenstein-Wyrsch1 und Unterstützte Kommunikation von Eva Fankhauser2. Ich bin als Logopädin im Bereich der Unterstützten Kommunikation tätig und möchte in meinem Artikel aufzeigen, wie elektronische Hilfsmittel bei Menschen mit einer geistigen Behinderung eingesetzt werden können. Mit elektronischen Hilfsmitteln bezeichne ich nicht ausschliesslich Geräte mit Sprachausgabe. Ich gebe zuerst eine Übersicht über die verschiedenen Kommunikationshilfen und deren Bedienungsmöglichkeiten. Im zweiten Teil schreibe ich über die Ursachen für die Behinderung sowie über die Bestandesaufnahme vor dem Einsatz eines elektronischen Hilfsmittels. Im letzten Teil schliesslich weise ich einerseits darauf hin, was die Umgebung des nichtsprechenden Menschen für Voraussetzungen bieten muss, damit es möglich ist, ein Hilfsmittel einzusetzen. Andererseits zeige ich auf, wie aufbauend auf der Bestandesaufnahme elektronische Hilfsmittel bis hin zum Sprachcomputer in der Förderung und Entwicklung des behinderten Menschen eingesetzt werden können. Beispiele werden die Ausführungen ergänzen. Nach zehnjähriger therapeutischer Tätigkeit mit hirnverletzten Jugendlichen in einer Rehabilitationsklinik und Kindern und Jugendlichen in einem Sprachheilambulatorium habe ich vor fünfeinhalb Jahren meine Arbeit in der FST in Neuenburg begonnen. Die FST ist die Schweizerische Stiftung für elektronische Hilfsmittel. Sie bietet Beratungen und Hilfsmittel in den folgenden Bereichen an: • Unterstützte Kommunikation • Sondereingabesysteme für den Computer • Umweltkontrolle Im hauseigenen Atelier werden die Geräte gewartet und können individuelle Anpassungen vorgenommen werden. Dort wird auch das IV-Depot für elektronische Hilfsmittel betreut. Weiter gibt es eine Abteilung für Forschung und Entwicklung, wo - oft in Zusammenarbeit mit Partnern aus ganz Europa - neue Produkte entwickelt werden. Im Rahmen meiner Anstellung in der FST habe ich mich ins Thema der Unterstützten Kommunikation eingearbeitet und mich gleichzeitig im technischen Bereich der elektronischen Kommunikationshilfen aus- und weitergebildet. 2. Die Kommunikationshilfen International wird das Fachgebiet der Unterstützten Kommunikation mit dem Begriff AAC - Augmentative and Alternative Communication umschrieben. Dies bedeutet nichts anderes, als dass die fehlende oder kaum verständliche Lautsprache von ergänzenden und alternativen Kommunikationsformen unterstützt und teilweise ersetzt wird. Wie E.Fankhauser3 in ihrem Artikel ausführt, spricht man von körpereigenen und externen Kommunikationsformen. Die Kommunikationshilfen gehören zu den externen Kommunikationsformen. Sie reichen von Setzkästen oder Tagesstrukturen mit realen Gegenständen bis hin zu elektronischen Geräten mit Sprachausgabe. 2.1 Die Einteilung der Kommunikationshilfsmittel Low-Tech: Geräte ohne Sprachausgabe • Spielzeug-Adaptationen für behinderte Kinder • Kommunikationstafeln/ -bücher • Zeigehilfen: Blick (Eye-Gaze), Zeigeuhr, synoptische Tafel • Schreibhilfen ohne Sprachausgabe High-Tech: Geräte mit Sprachausgabe 1) Digitale oder natürliche Sprache Über ein Mikrophon werden Sprachaufnahmen oder Geräusche digitalisiert und gespeichert. Natürliche Sprechstimme. 2) Synthetische Sprache Text wird eingegeben, das Gerät "übersetzt" ihn in Sprache: a) auf Buchstabenebene (Text-to-Speech) b) auf Phonemebene (wird in deutscher Sprache nicht verwendet) Bei den Kommunikationshilfen mit Sprachausgabe unterscheidet man: • Kompaktgeräte, welche als Sprech-Ersatz-Geräte konzipiert und in sich geschlossen sind. Sie sind ziemlich robust gebaut und gut transportierbar. Dazu gehören im Bereich der digitalen Sprache zum Beispiel die Geräte BigMack, Mini-MessageMate, AlphaTalker, Digivox ,Macaw (usw.). Im Bereich der synthetischen Sprache gibt es zum Beispiel die Geräte Hector, Deltatalker (usw.). • Computer und Kleincomputer (Laptops, Notebooks) aus dem Fachhandel, welche mit speziellen Softwareprogrammen für die Kommunikation ausgerüstet sind, z.B. Speaking Dynamically, Ke:nx (usw.). Bei Menschen mit einer geistigen Behinderung werden in der Regel Geräte aus dem Low-Tech- Bereich oder dem Bereich digitale Sprache eingesetzt. Die Schreibfähigkeiten der Benutzer genügen meistens nicht, um ein Hilfsmittel mit synthetischer Sprache zu benützen. Diese Schreibfähigkeiten sollten aber in anderer Form auch für die Kommunikation genützt werden. 2.2 Selektionstechnik ist die Art und Weise, wie ein Feld/Item angewählt wird. Es wird unterschieden zwischen direkter und indirekter Selektion. Direkte Selektion bedeutet, dass auf ein Feld gezeigt oder eine Taste gedrückt wird. Dies kann mit einem Finger, der Hand, dem Fuss, über eine Zeigehilfe wie einen Kopfstab usw. geschehen. Die direkte Selektion ist schneller und einfacher als die indirekte Selektion. Wenn immer die motorischen Möglichkeiten eines Benutzers es erlauben, sollte deshalb diese Technik gewählt werden. Bei der indirekten Selektion gilt es zu unterscheiden zwischen Scanning und Codierung: Partner-Scanning: Der Zuhörer stellt Ja-/Nein-Fragen oder zeigt auf einer Kommunikationstafel die einzelnen Felder, bis der Benutzer mit "Ja" antwortet. Scanning mit einer elektronischen Kommunikatinshilfe: Ein Lichtpunkt wandert von Feld zu Feld. Der Benutzer kann ihn mittels eines Tasters steuern. Codierung der Position, Beispiel: Die Kommunikationstafel eines Benutzers wird mit Koordinaten versehen, Zeilen = Farben, Spalten = Buchstaben. Um ein anvisiertes Feld auf der Kommunikationstafel zu bestimmen, zeigt nun der Benutzer auf einer zweiten Tafel mit wenigen grossen Feldern (der Codierungstafel) zuerst die Farbe blau und dann den Buchstaben A dies ergibt auf der Kommunikationstafel: "Ich möchte dir etwas erzählen". Diese Technik ist bei den Personen anzuwenden, welche eine Kommunikationstafel benutzen, motorisch aber so stark eingeschränkt sind, dass sie deshalb nur auf wenige grosse Felder zeigen können. 3. Der nicht- oder kaum sprechende Mensch 3.1 Ursachen für die Behinderung Die Methoden der Unterstützten Kommunikation werden bei allen Menschen, welche nicht oder kaum sprechen können, angewendet. Man geht nicht von einem sogenannten "Kandidaten-modell" aus. Ursachen für die Behinderung können die folgenden sein: • Eine frühkindliche oder angeborene Schädigung; sie ist lebensbegleitend: z.B.: Zerebralparese, Autismus-Syndrom, Formen "geistiger Behinderung". • Sie tritt zu einem späteren Lebensabschnitt ein und ist fortschreitend: z.B. ALS, MS, Formen von Muskeldystrophie. • Sie tritt zu einem späteren Lebensabschnitt ein und ist vorübergehend: z.B. Zustand nach einer Tracheotomie. • Sie tritt zu einem späteren Lebensabschnitt ein und ist lebensbegleitend: z.B. Zustand nach einem Schädel-Hirn-Trauma, Aphasie, Zustand nach Meningitis. Die Gesamtbehinderung beeinträchtigt die Sprache und die Kommunikation: • Von Beginn der Entwicklung an • Im Verlaufe der Entwicklung • Nach Vollendung der Entwicklung (nach: Arnusch/Pivit, in: Reader der Kölner Fachtagungen, 1996)4. In der Arbeit mit geistig behinderten Menschen gehen wir davon aus, dass es sich um eine frühkindliche oder angeborene Schädigung handelt, welche die Kommunikation von Beginn der Entwicklung an beeinträchtigt. Diesen Menschen fehlt die Erfahrung, dass sie sich anderen mitteilen können und von diesen verstanden werden. Scheitern sie in ihren Bemühungen, sich verständlich zu machen, immer wieder, so besteht die Gefahr, dass sie resigniert und passiv werden; man spricht in diesem Zusammenhang auch von "Learned Helpnessness". Diese Gefahr besteht noch stärker bei mehrfachbehinderten Menschen, welche auch körperlich kaum die Möglichkeit zu Eigenaktivitäten haben. Dadurch, dass geistig behinderte Menschen oft auch Schwierigkeiten haben, Sprache zu verstehen, können sie die Zusammenhänge in ihrem Tagesablauf nicht verstehen und müssen ständig "mit sich passieren lassen", was zu agressivem oder selbstzerstörerischem Verhalten führen kann (vgl. dazu P.Mirenda et al.)5. Wird die Kommunikation von Beginn der Entwicklung an beeinträchtigt, kennen die nichtsprechenden Menschen die Regeln der Kommunikation wie Turn-Taking, Gesprächssteuerung etc. nicht. Beim Aufbau einer Kommunikation muss deshalb auch dieser Tatsache Rechnung getragen werden 3.2 Die Bestandesaufnahme Die Methoden der Unterstützten Kommunikation sollen den Fähigkeiten und Möglichkeiten des behinderten Menschen angepasst werden. Sie sollen ihn die Wirkung der Kommunikation erfahren lassen und ihm helfen, seine je individuellen Entwicklungsmöglichkeiten zu entfalten. Vor dem Aufbau einer Kommunikation muss eine Bestandesaufnahme gemacht werden (im englischsprachigen Raum spricht man von "assessment", vgl. D.Beukelman/P.Mirenda)6, damit klar wird, wo mit der Arbeit angesetzt werden kann. Bei dieser Bestandesaufnahme geht es darum, die kognitiven, sprachlichen motorischen Fähigkeiten und Möglichkeiten sowie die Wahrnehmung des nichtsprechenden Menschen zu überprüfen und aufgrund dieser Überprüfung zu einem Förderansatz zu kommen. Für den Einsatz eines Sprachcomputers ist es wichtig zu überprüfen, wo der nichtsprechende Mensch in seiner Sprachentwicklung steht. Grundsätzlich ersetzt der Computer die fehlende Lautsprache, mit anderen Worten, das Sprechen. Das bedeutet, dass der Benutzer über Symbolverständnis verfügen und seine innere Sprache entwickelt haben sollte. Dies trifft aber auf viele Menschen mit einer geistigen Behinderung nicht zu. Bei der Abklärung, ob und wo mit einem elektronischen Hilfsmittel eingesetzt werden kann, gehe ich grundsätzlich vom Entwicklungsprofil von B.Zollinger7 aus (vgl. auch Artikel von A.Holenstein-Wyrsch)8. Im Bereich Entdeckung der Welt kann ich sehen, wie das Kind oder der erwachsene behinderte Mensch mit einem Gegenstand umgehen. Biete ich ihnen zum Beispiel ein elektronisches Spielzeug an, das über einen Taster in Gang gesetzt werden kann, so sehe ich, ob sie sich nur für den Schalter interessieren, dessen Oberfläche erkunden, darauf drücken und dem "Klick" zuhören; ob sie sich für das Spielzeug interessieren, dem sie über den Schalter "befehlen" können, oder ob es möglich ist, dieser Handlung eine Bedeutung zu geben, z.B. mit dem Spielzeug-Tier den anderen Kindern der Gruppe "Salü" zu sagen. Im Bereich der Entdeckung des Du schaue ich, wie der behinderte Mensch auf seine Bezugspersonen und diese auf ihn eingehen. Wenn bei der Abklärung eine enge Bezugsperson dabei ist, welche zwischen der nichtsprechenden Person und den anderen Menschen "dolmetscht", frage ich mich, ob da nicht eine Zwei-Einheit besteht wie bei einem Säugling und seiner Mutter, welche auf alle Äusserungen ihres Kindes sinngebend reagiert. Bei Kindern spreche ich oft auf ein einfaches Gerät "Mami". Ich schaue dann, wie sie auf diese Äusserung reagieren, wenn sie sie abrufen: Drückt das Kind weiterhin einfach auf die Taste und hört sich die Mitteilung an, ist fasziniert von der Stimme, welche da erklingt, untersucht die Funktion des Gerätes ungeachtet der Mutter, welche ihm antwortet (ein solches Verhalten beobachte ich fast immer bei Kindern mit einer autistischen Behinderung)? Interessiert sich das Kind für die Antwort der Mutter, kommt es zum Beispiel zu einem Turn-Taking, wenn die Mutter auf das "Mami" hin ruft: "Ja"/"Hallo Sabine"/usw.? Zu diesem Bereich gehört auch, dass der nichtsprechende Mensch versteht, dass er durch seine Kommunikation beim anderen etwas bewirkt. Hier mache ich zum Beispiel mit einem Sprachcomputer mit verschiedenen Tasten das Spiel "Komm' herein" - "Geh' hinaus": Ich spreche die Mitteilungen "Mami, geh' hinaus!", "Papi, geh' hinaus!", "Mami komm' herein!" etc. und schaue, ob das Kind merkt, was es mit diesen Mitteilungen für eine "Macht" über seine Eltern hat. Zu diesem Spiel gehört natürlich auch bereits, dass das Kind Sprache versteht. Und damit kommen wir zum Bereich Entdeckung der Sprache. Hier interessiert es mich, wie weit das Kind (der nichtsprechende Erwachsene) in der Entwicklung seines Symbolverständnisses ist. Versteht es Sprache nur situational oder versteht es eine Äusserung auch ausserhalb ihres gewohnten Kontextes? Ich schaue, wie es zum Beispiel etwas auswählen kann: anhand von Gegenständen, Fotos oder Piktogrammen? Dabei ist es wichtig, das Kind nicht einfach zuordnen zu lassen, z.B. "Zeigst du mir den Ball?" Zuordnung findet nicht auf der symbolischen Ebene statt. Ich frage dann z.B. "Welches ist dein Lieblingsspielzeug?". Ein wichtiger Hinweis auf die Entwicklung des Symbolverständnisses ist auch die Art und Weise, wie ein nichtsprechender Mensch "Nein" ausdrückt. Geschieht dies durch Manifestieren eines allgemeinen Unwohlseins, durch Abwenden oder durch ein klar angezeigtes (nicht unbedingt gesprochenes) "Nein"? 4. Der Einsatz eines elektronischen Hilfsmittels Wie E.Fankhauser9 in ihrem Artikel ausführt, umfasst die Unterstützte Kommunikation drei Elemente: Das Verhalten des sprechenden Partners, das Verhalten des nichtsprechenden Partners und die Planung und den Einsatz von Kommunikationshilfen (vgl. auch U.Kristen)10. 4.1 Voraussetzungen in der Umgebung des Hilfsmittelbenutzers Wir stellen in unserer Arbeit immer wieder fest, dass eine Kommunikationshilfe nur dann erfolgreich eingesetzt werden kann, wenn die ganze Umgebung der nichtsprechenden Person hinter dem Projekt steht. Grundvoraussetzungen für einen erfolgreichen Einsatz scheinen uns: • Das Gerät muss von allen Bezugspersonen des Benutzers akzeptiert werden. • Vor der Anschaffung eines Gerätes muss ein Projekt definiert und die dafür verantwortliche Person (Projektleiter) bestimmt werden. • Die Einarbeitung des Gerätes verlangt einen therapeutischen Rahmen, wo strukturiert und kontinuierlich daran gearbeitet wird. • Alle Bezugspersonen müssen gemeinsam an diesem Projekt arbeiten, damit der Benutzer seine neue Kommunikationshilfe in möglichst vielen verschiedenen Situationen einsetzen kann (z.B. wenn ein Kind mit seinem Sprachcomputer grüsst, auf diesen Gruss antworten und nicht sagen: "Oh, wie interessant; du hast einen Computer!"). • Ein Sprachcomputer soll immer durch weitere Kommunikationsmodi ergänzt werden. Die Geräte sind störanfällig, und es gibt immer wieder Situationen, wo sie nicht eingesetzt werden können (z.B Strand, Bus usw.). 4.2 Einsatzmöglichkeiten bei geistig behinderten Menschen Zwischen zwei Menschen findet immer eine Kommunikation statt. Bei schwerstbehinderten Menschen ist es unsere Aufgabe, herauszufinden, über welche Kanäle sie uns etwas mitteilen können und wollen. Kommunikationsmöglichkeiten sind also bei allen behinderten Menschen aufzubauen. Es ist aber nicht möglich und wäre wohl auch kaum sinnvoll, dabei immer elektronische Hilfsmittel einzusetzen. Bei meinen Beratungen gehe ich von der Bestandesaufnahme aus, wie ich sie oben beschrieben habe. Ich treffe oft mehrfachbehinderte Kinder an, welche ein Interesse zeigen, wenn ich ihnen einen Schalter anbiete, mit welchem sie einem Spielzeug "befehlen" können. Sie finden es lustig, dass sie drücken können, und sie freuen sich am Effekt. Aber sie verstehen noch nicht wirklich, dass dieser Effekt durch das Drücken auf den Schalter entstanden ist, und vor allem, sie verstehen sich selber noch nicht als Auslösenden. Die Arbeit mit einem solchen Hilfsmittel kann ihnen die Möglichkeit geben, einmal selber, ohne die Hilfe oder das Dazwischentreten eines Anderen, auf ihre Umwelt einzuwirken. Sie erleben sich als agierende und nicht als reagierende Person und können etwas ausprobieren. Oft hat man während Wochen oder Monaten das Gefühl, dass sie zwar den Schalter benützen, wenn man ihnen die Installation zur Verfügung stellt, aber dass sie den Zusammenhang Ursache - Wirkung nicht eigentlich verstehen. In solchen Situationen habe ich den Vorteil, dass ich in grösseren Zeitabständen von aussen dazu komme. Und plötzlich sehe ich dann eines Tages ganz klar, dass das Kind jetzt verstanden hat, was es - und dass es - mit seiner Handlung bewirkt hat. Ganz einfache Sprachcomputer setzen wir oft ein, um einen nichtsprechenden Menschen die Wirkung der Stimme erfahren zu lassen. Diese Stimme drückt aus "Ich bin da!" und verschafft Idendität. Kann nun ein Kind mit elf Jahren zum ersten Mal, wenn es durch seine Schule geht, die anderen mit "hallo" ansprechen, so erlebt es das erste Mal, dass es diese zu einer Reaktion bewegen kann und nicht warten oder sie zuerst auf sich aufmerksam machen muss, um begrüsst zu werden. Dies ist eine wichtige Erfahrung in der Auseinandersetzung mit der eigenen Person und dem Du. In diesem Zusammenhang möchte ich das Beispiel eines hirnverletzten jungen Mannes erzählen. F. hat von sich aus nicht mit seiner Umgebung Kontakt aufgenommen und war unbeständig in seinen Reaktionen, wenn er angesprochen wurde. Wir haben ihm darauf in verschiedenen Spielsituationen (immer er und Therapeutin, nicht mehrere Personen), ein Gerät mit der Mitteilung "Du bist dran" zur Verfügung gestellt. Die Therapeutin hat immer erst weitergespielt, wenn F. die Mitteilung ausgelöst hatte. Nun kam zufällig einmal eine Kollegin von ihr vorbei und die beiden begannen, sich zu unterhalten. Plötzlich hat sich F. seine Spielpartnerin zurückgeholt: er hat nicht unverständliche Laute geäussert, sondern die Taste "Du bist dran" gedrückt. Zum Schluss möchte ich noch von einem Kind berichten, welches den Sprachcomputer Digivox benützt. Dieses Gerät hat auf einer Oberfläche 48 Tasten, und es stehen 4 /8 Oberflächen zur Verfügung. Als ich R. kennenlernte, war er sechs Jahre alt. Seine Behinderung ist auf eine Chromosomenanomalie zurückzuführen. Sie äussert sich in einer geistgen Behinderung und Problemen in der Feinmotorik. R. kommunizierte mit Zeigen, zum -Gewünschten Hinführen, Mimik, Lauten und in der Familie entstandenen Gebärden. Neben dem Ausdrücken von Bedürfnissen und Wünschen erzählte er gerne, was er erlebt hatte. Wichtig war auch das fast täglich stattfindende Telefongespräch mit seinem Vater, bei welchem die Mutter als "Übersetzerin" funktionierte. Das, was R. sprachlich verstand, war eng mit seinen Erlebnissen verknüpft und an Handlungen gebunden. Eine Geschichte in einem Bilderbuch interessierte ihn nicht. Das Gerät wurde zuerst zu Hause eingesetzt, später auch im Kindergarten. Die Mutter programmierte wichtige Erlebnisse ein, so dass R. diese verschiedenen Leuten erzählen konnte. Er hatte auch eine Taste zur Verfügung, um jemanden zu sich zu rufen (wenn er zum Beispiel Hilfe brauchte). Weiter programmierten wir Gefühlsäusserungen wie "Ich bin traurig/glücklich/wütend "ein. R. reagierte jedesmal mit lautem Weinen, wenn ihm etwas verweigert wurde, und war nur schwer wieder zu beruhigen. Wir wollten ihm zeigen, dass er seine Enttäuschung und seinen Zorn auch anders ausdrücken kann. R. benutzt das Gerät nun seit zwei Jahren. Da er wie jedes Kind viel in Bewegung ist und gerne herumtollt, trägt er das Gerät nicht immer auf sich; aber es steht immer an einem Ort, wo es für ihn zugänglich ist. Er setzt es zusätzlich zu seinen bisherigen Kommunikationsmodi ein, um sich besser verständigen zu können. Über die Stimme macht er die Erfahrung: • dass er sich bemerkbar machen und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann, • dass er seiner Wut Ausdruck verleihen und auch mal schimpfen kann, • dass er ohne Sichtkontakt kommunizieren kann: die Mutter rufen, telefonieren, • dass er sich leichter mit fremden Personen unterhalten kann. Was wir nicht wissen, ist, ob R. einmal zur Lautsprache kommen wird oder nicht. Der Sprachcomputer wird ihn daran sicher nicht hindern, sondern ihn auf seinem Weg, die Sprache zu entdecken, begleiten und unterstützten. 5. Schluss Die Technik bietet interessante Ansatzpunkte für unsere pädagogische und therapeutische Arbeit. Ich hoffe, dass ich mit meinen Ausführungen das Interesse an elektronischen Kommunikationshilfen wecken und Einsatzmöglichkeiten in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen aufzeigen konnte. Bemerkung: Zur besseren Lesbarkeit des Textes habe ich nur männliche Personenbezeichnungen (Benutzer, ...) verwendet. Die weiblichen Formen sind implizit mitgemeint. Anmerkungen: 1 Holenstein-Wyrsch Anna: Logopädie bei geistig behinderten Kindern. In: ALG, Bulletin Arbeitsgemeinschaft LehrerInnen für Geistgbehinderte; Heft Nr. 74/3. Quartal 1997. 2 Fankhauser Eva: Unterstützte Kommunikation. In: ALG, Bulletin Arbeitsgemeinschaft LehrerInnen für Geistgbehinderte; Heft Nr. 74/3. Quartal 1997. 3 Fankhauser Eva: dito 4 Arnusch Georg/Pivit Conny: Was ist Unterstützte Kommunikation?- Eine Einführung. In: "Edi, mein Assistent" und andere Beiträge zur Unterstützten Kommunikation, Reader der Kölner Fachtagungen; ISAAC-Deutschland, Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation (Hrsg.); verlag selbstbestimmtes leben, Düsseldorf, 1996. 5 Mirenda Pat et al.: Developing Multi-Component, Integrated Communication Systems for Persons with Severe Intellectual Disabilities. Mirenda Pat et.al.: "What's Next?": Activity Schedule Interventions for Challenging Behaviour. Beide: ISAAC 1994, Maastricht, The Netherlands. Contact: 2122 Kitchener St., Vancouver, BC V5L 2X1 Canada. 6 Beukelman David R./Mirenda Pat: Augmentative and Alternative Communication-Management of Severe Communication Disorders in Children and Adults. Paul H.Brookes Publishing Company Inc., Baltimore, 1992. 7 Zollinger Barbara: Die Entdeckung der Sprache. Verlag Paul Haupt Bern/Stuttgart/Wien, 1995/96. 8 Holenstein-Wyrsch Anna: dito 9 Fankhauser Eva: dito 10 Kristen Ursi: Praxis Unterstützte Kommunikation, Eine Einführung. verlag selbstbestimmtes leben, Düsseldorf, 1994. A nschrift d er V erfasseri n : Barbara Ruchti FST-Fondation Suisse pour les Téléthèses Rue des Charmettes 10b Case postale CH-2006 Neuchâtel 6
|