2. B.A.BAR SEMINAR – 11/12.06.2001 Schlussbericht über das Projekt B.A.Bar bei PIGNA, Kloten Projekte der PIGNA, Raum für Menschen mit BehinderungOberfeldstr. 12a – CH-8302 Kloten Autoren: Ingrid Fuchs / Klemens Funke Vorgetragen von: Thomas Miotti EINLEITUNG PIGNA beschreibt als ihren Kernzweck: "Wir stellen uns in den Dienst von Menschen mit Behinderung und gehen auf ihre Bedürfnisse in all ihren Lebensbereichen ein." Ein grundlegendes Bedürfnis jedes Menschen ist, sich andern mitteilen zu können und von ihnen ver- standen zu werden. Menschen mit Behinderung, deren sprachliche Möglichkeiten stark ein- geschränkt oder nur ansatzweise vorhanden sind, brauchen besondere Unterstützung und Förderung, um einigermassen zufrieden stellend mit ihrer Umwelt kommunizieren zu können. Aus dem Interesse der FST, ihr neu entwickeltes Kommunikationsgerät B.A.Bar mit erwachsenen Menschen mit einer geistigen Behinderung zu testen, um diese Erfahrungen wiederum in der Entwicklung miteinbeziehen zu können, bot sich für PIGNA die Chance, sich mit einem neuen elektronischen Gerät der unterstützenden Kommunikation vertraut zu machen, um ihren Betreuten eine neue Möglichkeit der Kommunikationsförderung an- bieten zu können. AUSWAHL des begleitenden Personals sowie der Benutzerlnnen Als Auswahlkriterien für das Betreuungspersonal gelten: Die entsprechenden Personen ha- ben wenigstens anfanghafte Erfahrung mit unterstützender Kommunikation, sie sind für eine solche spezielle Begleitung motiviert und vom sinnvollen Einsatz elektronischer Hilfsmitte' überzeugt. Bei den Benutzerlnnen des Hilfsmittels müssen das Bedürfnis und die Motivation erkennbar sein, mit ihrer Umwelt kommunizieren zu wollen, sowie das grundlegende Interesse, etwas Neues zu lernen. Es muss differenziert abgeklärt werden, wie sind die kognitiven und motorischen Fähigkeiten des Einzelnen beschaffen, um das Gerät sinnvoll handhaben und zielgerichtet damit umgehen zu können; wo liegen die Schwerpunkte in der Zielsetzung. Als weiteres Kriterium müssen der richtige Zeitpunkt des Einsatzes und die generelle Lernfähigkeit der Benutzerlnnen beachtet werden. Die Teilnahme an diesem Projekt ist freiwillig, ausreichende Motivation für spezielle Übungszeiten muss vorhanden sein. Eine Frau und ein Mann aus dem Wohnbereich, ein Mann aus dem Werkstattbereich (extern wohnend) nahmen an dem Projekt teil. Sie zeigen eine verminderte Sprachfähigkeit, bzw. besitzen bisher keine verbale Ausdrucksmöglichkeit, jedoch die Fähigkeit, sich durch Gestik und Mimik in sehr begrenztem Umfang verständlich zu machen. SCHWIERIGKEITEN bei erwachsenen Menschen mit einer geistigen Behinderung Im Unterschied zu Kindern mit ihrer spielerischen Neugier, ihrem naiven Interesse und einer ausgeprägten Lernmotivation zeigt sich hier doch oft eine gewisse Schwerfälligkeit. Stiftung Glattal Geistig behinderte Erwachsene haben zum grösseren Teil doch schon recht ausgeprägte und Unterland und feste eigene Verhaltensmuster der Kommunikation, mit denen sie sich mit ihrer Umwelt einigermassen arrangiert haben. Von der Motorik her zeigten sich z.T. Schwierigkeiten in der Handhabung des Gerätes. Es braucht u.U. eine längere Zeit, um die sinnvolle und zielgerichtete Anwendung von B.A.Bar zu begreifen, vor allem den Zusammenhang zwischen Bild - positionieren des B.A.Bar auf dem Strichcode - geschriebenes und ausgesprochenes Wort. Wie hat sich B.A.Bar im allgemeinen bewährt In erster Linie diente B.A.Bar als Sprachtrainingsgerät, da bei den meisten Bewohnerlnnen / Mitarbeiterlnnen in unserer Institution verbale Fähigkeiten (wie und in welchem Umfang auch immer) vorhanden sind. Es konnten neue Wörter erlernt oder bereits vorhandene für die Umwelt verständlicher eingeübt werden. Das Gerät funktionierte hier als Unterstützung und Förderung vorhandener Fähigkeiten. Zum Teil nahm es aber auch den Stellenwert einer weiterreichenden Kommunikationshilfe ein bei Personen, die dadurch überhaupt erst anfanghaft eine sprachliche Ausdrucksform erreichen konnten (bisher nur Gestik/Mimik). In einem speziellen Fall entpuppte sich das B.A.Bar auch als nützliches Hilfsmittel, um die Uhrzeiten erlernen zu können. Teilnehmer haben die Übungen mit dem Gerät eher unter einem spielerischen Charakter empfunden im Gegensatz zum Nachsprechen bei einem menschlichen Gegenüber. Das hat ihre Motivation und Freude bestärkt und auch Hemmungen abgebaut, da das Gerät bei einem misslungenen Versuch keine Kritik übt wie mancher menschliche Übungspartner und sich im übrigen als ein geduldiger Lehrmeister erweist. Ein weiterer positiver Aspekt besteht darin, dass das Gerät durch seine Handlichkeit jeder zeit verfügbar und auch unabhängig von der Betreuungsperson einsetzbar ist. Durch die Übungen mit dem B.A.Bar haben die Benutzerlnnen gezielte Einzelförderung und auch vermehrte menschliche Zuwendung erhalten, was sich hinsichtlich der Motivation und des Selbstwertgefühls der Betroffenen, sowie auch der Lernerfolge positiv ausgewirkt hat. Darüber hinaus wurden Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit durch die Übungen mit dem Gerät gestärkt. Des weiteren haben sich schon aus dem stolzen Vorzeigen und Vorführen des Gerätes (das Neugier und Interesse im Umfeld geweckt hat), aber auch dem Gebrauch neu erlernter oder wenigstens verständlich ausgesprochener Worte vermehrt soziale Kontakte ergeben. Die Handhabung des Gerätes stellt allerdings motorisch und kognitiv hohe Anforderungen an Menschen mit einer geistigen Behinderung und zusätzlich vielleicht auch motorischen Einschränkungen. Die gesamten Funktionen des B.A.Bar konnten nach unserer Erfahrung nicht voll ausgeschöpft werden Dies bezieht sich vor allem auf die Echofunktion. Die Verknüpfung von spezieller Förderung durch das Gerät in eigenen Übungszeiten und seiner Anwendung im Alltag von Wohnen, Arbeiten und Freizeit stellt sowohl an die Benutzerlnnen als auch an das begleitende Personal erhebliche Anforderungen, sodass diese Übertragung in den Alltag noch weiterer bewusster und geplanter Einübung bedarf. Bei erwachsenen Menschen mit Behinderung lassen sich zudem ältere Angehörige schwieriger in dieses Projekt aktiv miteinbeziehen, da sie sich im Umgang mit der Technik eher schwer tun und sich ja ohnehin eigene, lange bewährte Formen der Verständigung mit dem behinderten Menschen angeeignet haben, die ihnen ausreichend erscheinen. Auch manche Betreuungspersonen müssen erst davon überzeugt werden, dass B.A.Bar eine Bereicherung zu den vorhandenen Möglichkeiten darstellt, die den zusätzlichen Aufwand und Einsatz rechtfertigt. Die technischen "Defekte" des Gerätes machten uns zwischendurch Mühe. Die Kunststoffeinkleidung musste in einem Fall verbessert, die Griffigkeit des Gerätes angepasst, die Funktionsfähigkeit überprüf[ werden. Dazu mussten die Geräte mehrmals eingeschickt werden was die relativ knapp zur Verfügung stehende Übungszeit noch zusätzlich einschränkte. Welche RESSOURCEN sind vorhanden Für die Übung mit B.A.Bar müssen sowohl individuelle Voraussetzungen gegeben wie auch im Umfeld vorhanden sein. Es liegt eine differenzierte Standortbestimmung vor, die den Menschen mit Behinderung in seinen individuellen Möglichkeiten und Grenzen sowie seinen sozialen Kompetenzen möglichst umfassend darstellt. Auf dieser Basis wird der Bedürfnisnachweis formuliert und die konkrete Zielsetzung festgelegt. Dabei müssen die vorhandenen Fähigkeiten (Wortschatz, Wortverbindungen, Mimik und Gestik) miteinbezogen und erhalten werden. Unser Bezugspersonensystem mit einer individuellen Förderplanung und /oder gemeinsam erarbeite- ten Zielvereinbarungen mit den jeweiligen Bewohnerlnnen / Mitarbeiterlnnen macht ein solches Vorgehen möglich. Motivierte, fachlich ausgewiesene und von der Sinnhaftigkeit des Projekt überzeugte Betreuerlnnen (im Wohn- und Arbeitsbereich) können die Begleitung bei dieser neuen Form von Kommunikationsförderung für die Menschen mit Behinderung übernehmen. Über die Projektphase hinaus wird die Arbeit mit B.A.Bar im Rahmen individueller Förderprogramme fortgesetzt, sodass die bisher erreichten Ergebnisse gefestigt und weiter ausgebaut werden können. Die jeweiligen Betreuerlnnen werden in ihrer Arbeit von der Leitung der Stiftung unter- stützt, die dieses Projekt als eine spezielle Ausprägung ihrer Kernaufgaben gutheisst und mitträgt. Durch B.A.Bar hat sich in einem Fall auch der Einbezug externer Fachleute ergeben. Die Logopädie des Uni- Spitals Zürich arbeitet mit einem der Projektteilnehmer mit demselben Instrument weiter. Auch seitens der Benutzerlnnen sind die nötigen Ressourcen vorhanden. Diese wurden bereits unter dem Punkt "Auswahlkriterien" der Projektteilnehmer hinlänglich beschrieben. ZEITRAHMEN Die Länge der Übungszeiten muss den Möglichkeiten eines Menschen mit geistiger Behinderung angepasst sein. Volle Konzentration über eine ganze Stunde ist eher schwierig, bzw. unmöglich. Die Hälfte der Zeit oder auch noch kürzer entspricht eher der Realität. Dafür muss eine Kontinuität und Regelmässigkeit eingehalten werden, die dem Einzelnen die nötige Sicherheit vermittelt, durch Wiederholung Lernerfolge sichert und weitere er- möglicht. Zwischen den speziellen Schulungszeiten braucht es genügend Ruhe- und Erholungsphasen. Es ist sinnvoll, die Übungszeiten vom Betreuungsalltag zu lösen; aber daneben soll das Erlernte im Wohn- und Arbeitsalltag angewandt und integriert werden. Bei Menschen mit einer geistigen Behinderung muss ein langer Zeitraum für langsame und oft sehr kleine Fortschritte eingeplant werden. Die Projektphase von I Jahr (Mai 2000-April 2001 ) kann aus den gesammelten Erfahrungen heraus eher als eine Schnupper- und Eingewöhnungsphase angesehen werden. Die sich jetzt in ersten zaghaften Schritten abzeichnenden Lernerfolge brauchen sicher einige Jahre kontinuierlicher Weiterarbeit, um sich wirklich zu festigen, in den Alltag zu integrieren und sich auch für ein fremdes Umfeld spürbar auszuwirken.
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