Einweihung von QuoVadis II (Hôpital psychiatrique Perreux NE) Projektzusammenfassung 1. Einleitung Die 1982 gegründete Schweizerische Stiftung für elektronische Hilfsmittel (FST) hat zum Ziel, technologische Hilfsmittel in den Dienst behinderter Menschen und ihrer Umgebung zu stellen. Zunächst befasste sich die Stiftung mit der Kommunikation von Menschen ohne Sprache, mit der Anpassung von Arbeitsplätzen, wenn Computertastatur oder –maus nicht mit den Händen bedient werden konnten, oder mit der Erhöhung der Autonomie von schwer gelähmten Patienten. Erst seit 1992 interessiert sich die FST für mit der Alterung der Bevölkerung zusammenhängende Probleme, insbesondere mit den Behinderungen, die durch dieses Phänomen ausgelöst werden. Das Quo Vadis System, das wir heute einweihen, ist das Ergebnis von Anstrengungen, die zum Teil schon 1992 begannen. Mit der Unterstützung des Nationalfonds und in Zusammenarbeit mit der gerontopsychiatrischen Klinik von Perreux CPG (die zum psychiatrischen Kantonsspital von Perreux in Neuenburg gehört), der Ingenieurschule von Le Locle (HES-SO) und dem Institut für Soziologie der Universität Neuenburg haben wir das Konzept einer Technologie zur „Öffnung“ eines Freiraums für Personen, die ziellos umherirren, in einer gerontopsychiatrischen Umgebung erarbeitet. Aufgrund der zwischen 1992 und 1994 gewonnenen Ergebnisse entwickelte die FST zwischen 1998 und 2002 eine zweite Generation ihres ursprünglichen Systems. Als Weltpremiere weihen wir dieses System heute im Neuenburger Spital ein. 2. Problemstellung Die Bedeutung der Alterung der Bevölkerung ist offensichtlich. Etwa 80'000 Menschen leiden in der Schweiz unter Alzheimer oder verwandten Krankheiten. Das Symptom der Orientierungslosigkeit mit dem dazugehörenden Umherirren führt leider oft dazu, dass diese Patienten in einem beschränkten Raum eingesperrt werden müssen. Im Spital oder in Einheiten, die schwere Fälle betreuen, können sie selbst das eigene Zimmer nur in Begleitung von Pflegern betreten. Man muss sich einmal vorstellen, was passieren kann, wenn eine Person, die davon überzeugt ist, sich im eigenen Zimmer zu befinden, nicht versteht, wieso ihre Kleider nicht im Schrank sind oder wenn sie ihre Pflegeeinheit einfach verlässt.... In dieser Art Pflegeeinheit bestimmt im Allgemeinen der Zustand der am schwersten erkrankten Patienten die Zugänglichkeit der Räume. Idealerweise sollte die Zugänglichkeit individuell abgestimmt werden, je nach Fähigkeit der einzelnen Patienten, sich an bestimmten Orten zu orientieren. Dr. James Renard, Chefarzt der gerontopsychiatrischen Klinik CPG und Herr Gilbert Fallet, Oberpfleger, beschreiben den Zustand der einzelnen Patienten und die entsprechenden Folgen für sie selbst, ihre Familien oder das Pflegepersonal des Spitals im Detail. 3. Technische Lösungen Seit 1992 verfügte die FST über eine für Alters- und Pflegeheime entwickelte Technologie, die dazu beitragen sollte, die „dement gewordenen“ Insassen gegebenenfalls in ihrem normalen Umfeld belassen zu können, ohne dass sie notwendigerweise in eine spezialisierte, meist „geschlossene“ Pflegeeinrichtung eingewiesen werden mussten. Gegenwärtig sind über hundert Pflegeheime in der Schweiz mit diesem Quo Vadis I („eins“) genannten System ausgerüstet. Einfach ausgedrückt signalisiert Quo Vadis I, an welcher Stelle eine bestimmte Person eine gesicherte Zone verlässt. Quo Vadis I kann aus folgenden Gründen den Ansprüchen an ein System in Spitalumgebung nicht gerecht werden: • Das System muss eine Person vor einer Türe identifizieren können, um deren Öffnung zuzulassen oder nicht. Dies erfordert eine Präzision von ungefähr dreissig Zentimetern ; Quo Vadis I ist nicht präzise genug. • Festlegung eines individuellen Zutrittsplanes, dessen verschiedene Varianten von mehreren Faktoren abhängen (der Patient ist allein oder in Begleitung – eines Mitglieds des Pflegepersonals oder eines Verwandten – wo befindet er sich und wieviel Uhr ist es). • Die Vorrichtung soll stark interaktiv sein und es ermöglichen, verschiedene Funktionen eines oder mehrerer Aufzüge, kommunizierender Türen oder Zimmertüren auszulösen. • Das System muss über zehn Kartenträger orten und gleichzeitig hunderte von Ereignissen lesen und verarbeiten können, die sich zwischen dem Zimmer des Patienten und mehreren Hektaren beispielsweise eines Spitalareals zutragen können. • Das System sollte in der Lage sein, Millionen von Ereignissen im Zusammenhang mit den Bewegungen oder den versuchten Handlungen von Patienten zu verwalten und zu speichern, sobald eine objektive und genaue Erfassung gewisser Verhaltensmuster ausschlaggebend wird (beispielsweise um sicher zu sein, dass ein Patient sein Zimmer nicht mehr verwechselt, was die Rückkehr in ein „offenes“ Pflegeheim erlauben würde). Quo Vadis II, die zweite Variante des Quo Vadis Systems, kann die Träger von Karten (Grösse einer Kreditkarte mit einer Dicke von 3mm) mit Hilfe von Hochfrequenz-Radioanlagen, die an den „entscheidenden“ Orten installiert sind, identifizieren und orten. Im Spital von Perreux werden s o 38 Türen (Zimmer, Gänge, Treppen oder Aufzüge) „überwacht“, ganz abgesehen von den Zonen ausserhalb der Abteilungen, die auch erfasst werden. Rund zwanzig kleine Computer, die vernetzt sind, übernehmen so die Organisation: • der Übermittlung von Alarmen, wenn nicht berechtigte Patienten trotz allem gefährliche Zonen erreichen.... • der Verwaltung der für jeden Patienten individuell programmierbaren « Freiheitsprogramme ».... • der sofortigen Anpassung eines « Tag und Nacht » Programms... • eines « Feuer »-Notfallprogramms in Sekundenschnelle ; • der ständigen Kontrolle des Systems und gegebenenfalls der Anzeige von Fehlern.... • so oft wie nötig der direkten Programmierung durch das Personal des Freiheitsgrades der einzelnen Patienten, zum Beispiel in Abhängigkeit von ihrem Gesundheitszustand.... • des automatischen « Löschens » von Quo Vadis II, wenn der Patient die Karte verliert oder diese nicht gelesen wird. Der Patient befindet sich dann in der gleichen Lage wie in einem Spital, das nicht mit Quo Vadis II ausgerüstet ist. • Dabei wird sichergestellt, dass der « Mensch » mit einem Passepartout-Schlüssel das System jederzeit beherrscht. Quo Vadis II ersetzt das Pflegeteam nicht, entscheidet nichts und beschränkt sich darauf, eine Stütze für das Team zu sein, das die Verantwortung für die Betreuung der Patienten trägt Die FST hat das Konzept des Systems erarbeitet und dieses auch realisiert. Dank der anfänglichen Zusammenarbeit mit der Ingenieurschule von Le Locle (HES-SO), konnten wir aber die Elemente des Kommunikationsnetzes aussuchen, ohne diese von A bis Z selbst entwickeln zu müssen. Unser System hatte so „seine Schienen“ gefunden. Intern wurde Dr. Jean-Claude Gabus mit der Konzipierung und der Verantwortung für das Projekt betraut. Die rein technische Entwicklung von Hardware und Software, die Installierung und Inbetriebnahme sind das Werk von Herrn Yves Muehlebach. Die enge Zusammenarbeit mit dem Team der gerontopsychiatrischen Klinik CPG (Dr. Renard, sein Oberpfleger Herr Fallet und ihre Mitarbeiter) war für die Erreichung unserer Zielsetzungen ganz entscheidend. Um nur ein Beispiel zu nennen, brauchten wir vier Monate harter Arbeit mit einer wöchentlichen gemeinsamen Sitzung mit der gerontopsychiatrischen Klinik, um eine Liste der Anforderungen, die von uns „Wahrheitstabellen“ genannt wurden, zu erstellen. Dabei kamen nicht weniger als 40 Seiten zustande, die – so hoffen wir zumindest – alle wichtigen Situationen (mehrere Tausend) enthalten, die das System bewältigen kann, zum Beispiel nach: • Freiheitsgrad • überwachtem Ort • Wer ist mit wem • Tageszeit • etc… Auf unserem Website www.fst.ch finden Sie eine interaktive multimediale Präsentation (französisch oder deutsch), mit der Sie einen „virtuellen Spaziergang“ im Projekt machen können (diese Präsentation wurde im Juni 2001 vom Bund im Rahmen des Projekts „Science et Cité“ finanziert). 4. Ergebnisse Teile des Projektes waren im Mai 2000 zum Einsatz bereit, andere im Oktober des selben Jahres. Der Verkehr zwischen verschiedenen Stockwerken funktioniert erst seit etwas über sechs Monaten. Die Einweihung findet also nach mehreren Monaten der Benutzung statt. Die Entwicklung und Installation dauerte von 1998 bis März 2002. Wir hatten alle genügend Zeit, um gut zu arbeiten und uns mit dem System vertraut zu machen und zwar sowohl seitens des Pflegepersonals als auch der Patienten und Familien (unseres Erachtens war es ganz entscheidend, über das Privileg von genügend Zeit zu verfügen). Von Seite x bis Seite y dieser Unterlagen finden Sie die ersten Ergebnisse aus der Sicht mehrerer Mitglieder des Pflegeteams, einer Ergotherapeutin und der Familien. Aufgrund dieser Bewertung ergeben sich folgende Punkte: • Schnellere Anpassungsfähigkeit eines Patienten an die Spitalumgebung, wodurch sich das Zusatzrisiko einer Depression oder einer Dekompensierung als Folge des Spitaleintritts verringert. • Grössere Zufriedenheit der Patienten selbst und eine entspanntere Atmosphäre in ihren Beziehungen zu Personal und Familien. • Einfachere Überwachung durch das Personal der Öffnung und Schliessung der Türen. • Andererseits müssen die Folgen einer grösseren Freiheit der Patienten akzeptiert werden (man weiss nicht mehr so leicht, wo sie sich befinden....). • Für die Familien ist es unkomplizierter oder gar ein Ansporn, ihre Patienten schneller und häufiger zu besuchen.... 5. Perspektiven Es gibt zum gegenwärtigen Zeitpunkt zwar mit Quo Vadis I vergleichbare Systeme. Quo Vadis II ist aber unseren Wissens eine Weltneuheit. Wenige Spitäler wissen von einer derartigen Vorrichtung, ganz zu schweigen von den Vorteilen. Nach entsprechender Abklärung kann Quo Vadis II in jedem ähnlich gearteten Spital eingerichtet werden. Die erste derartige Installation für 38 Türen und 15 Hektaren hat Kosten von rund Fr. 730'000.– verursacht. Heute (nach Abschreibung der Entwicklungskosten) könnte dieselbe Einrichtung weniger als die Hälfte kosten. Es steht der FST nicht zu, die Sachdienlichkeit dieses Instrumentes bei der Betreuung bestimmter Patienten zu beurteilen. Dies ist allein Sache von Ärzten, Pflegepersonal und Patientenvertretern. Gegebenenfalls steht die FST zur ihrer Verfügung. Die Perspektiven, die die statistische Erfassung gewisser Verhaltensmuster der Patienten eröffnen, könnten für die Forschung eines Tages unerlässlich werden. Wir schliessen nicht aus, dass dieser Aspekt allein Anlass für ein neues Projekt werden könnte. Die Zukunft wird es zeigen! 6. Ethische Aspekte Ein derartiges Projekt muss zwangsläufig ethische Erwägungen beinhalten. In Zusammenarbeit mit der gerontopsychiatrischen Klinik CPG und der Schweizerischen Alzheimervereinigung wurde eine Charta ausgearbeitet: Die elektronische Überwachung umherirrender Personen.... 1. soll dazu beitragen, dass die umherirrende Person in ihrer vertrauten Umgebung bleibt. 2. soll die Freiheit der Person erhalten oder erhöhen. 3. soll die Beziehung zwischen der umherirrenden Person und ihrer Umgebung verbessern oder erhalten. 4. muss von der Person selbst und ihrer Umgebung akzeptiert werden. Diese Entscheidung kann widerrufen werden. 5. muss die Würde der Person respektieren. 7. Dank 1997 betrug der Kostenvoranschlag für das Projekt Fr. 670'000.—(ohne Berücksichtigung der von der Ingenieurschule durchgeführten Arbeiten im Betrag von Fr. 60'000.--, die von der SOVAR Stiftung übernommen wurden). Bis jetzt belaufen sich die Kosten für die von der FST durchgeführten Arbeiten auf rund Fr. 730'000.– unter Berücksichtigung der statistischen Erfassung der Ereignisse, die ursprünglich nicht vorgesehen war. Die erforderlichen Mittel konnten aufgebracht werden dank der Unterstützung von : • Bund (Revitalisierungsprogramme) : Fr. 55'000.— • Kanton Neuenburg : Fr. 200'000.— • Junod Fonds (Genf) Fr. 250'000.— • Gabus Fonds (La Chaux-de-Fonds) Fr. 170'000.— • Gegenwärtig noch offener Saldo Fr. 55'000.— Die FST dankt diesen Spendern ganz herzlich. Mit ihrer grosszügigen Unterstützung haben sie die Finanzierung dieses Projektes ermöglicht. Sie dankt auch dem Team von Perreux für seinen Mut und das Vertrauen, das es unserer kleinen Equipe entgegengebracht hat. Wir möchten abschliessend in Erinnerung rufen, dass derartige Projekte nur dann erfolgreich sind, wenn die Beteiligten die drei folgenden Parameter harmonisch miteinander verbinden: HighTech, Ethik… und Fingerspitzengefühl ! 7. und 8. März 2002 Jean-Claude Gabus
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