Revenir à la page d'accueil
bigger smaler reset
  • Français
  • Deutsch
  • Italiano
  • English
     
Accueil arrow Les produits arrow Publications arrow Quo Vadis // Programm der Referate anlässlich der offiziellen Ei



Quo Vadis // Programm der Referate anlässlich der offiziellen Ei

D104.pdf

Prix indicatif, sous réserve de modification:  (incl. TVA)



  

télécharger ce fichier 

Quo Vadis //
Programm der Referate anlässlich
der offiziellen Einweihung

Zentrum für Psychiatrie/Geriatrie der
kantonalen psychiatrischen Anstalt Perreux
7-8. März 2002
Quo Vadis - Projektzusammenfassung
Jean-Claude Gabus,
Konzeptgestalter des Projects Quo Vadis, Direktor der FST, Neuenburg
1. Einleitung
Die 1982 gegründete Schweizerische Stiftung für elektronische Hilfsmittel (FST) hat zum Ziel,
technologische Hilfsmittel in den Dienst behinderter Menschen und ihrer Umgebung zu
stellen. Zunächst befasste sich die Stiftung mit der Kommunikation von Menschen ohne
Sprache, mit der Anpassung von Arbeitsplätzen, wenn Computertastatur oder –maus nicht
mit den Händen bedient werden konnten, oder mit der Erhöhung der Autonomie von
schwer gelähmten Patienten. Erst seit 1992 interessiert sich die FST für mit der Alterung der
Bevölkerung zusammenhängende Probleme, insbesondere mit den Behinderungen, die
durch dieses Phänomen ausgelöst werden.
Das Quo Vadis System, das wir heute einweihen, ist das Ergebnis von Anstrengungen, die
zum Teil schon 1992 begannen. Mit der Unterstützung des Nationalfonds und in
Zusammenarbeit mit der gerontopsychiatrischen Klinik von Perreux CPG (die zum
psychiatrischen Kantonsspital von Perreux in Neuenburg gehört), der Ingenieurschule von
Le Locle (HES-SO) und dem Institut für Soziologie der Universität Neuenburg haben wir das
Konzept einer Technologie zur „Öffnung“ eines Freiraums für Personen, die ziellos
umherirren, in einer gerontopsychiatrischen Umgebung erarbeitet.
Aufgrund der zwischen 1992 und 1994 gewonnenen Ergebnisse entwickelte die FST
zwischen 1998 und 2002 eine zweite Generation ihres ursprünglichen Systems. Als
Weltpremiere weihen wir dieses System heute im Neuenburger Spital ein.
2. Problemstellung
Die Bedeutung der Alterung der Bevölkerung ist offensichtlich. Etwa 80'000 Menschen
leiden in der Schweiz unter Alzheimer oder verwandten Krankheiten. Das Symptom der
Orientierungslosigkeit mit dem dazugehörenden Umherirren führt leider oft dazu, dass diese
Patienten in einem beschränkten Raum eingesperrt werden müssen.
Im Spital oder in Einheiten, die schwere Fälle betreuen, können sie selbst das eigene Zimmer
nur in Begleitung von Pflegern betreten. Man muss sich einmal vorstellen, was passieren
kann, wenn eine Person, die davon überzeugt ist, sich im eigenen Zimmer zu befinden, nicht
versteht, wieso ihre Kleider nicht im Schrank sind oder wenn sie ihre Pflegeeinheit einfach
verlässt....
In dieser Art Pflegeeinheit bestimmt im Allgemeinen der Zustand der am schwersten
erkrankten Patienten die Zugänglichkeit der Räume. Idealerweise sollte die Zugänglichkeit
individuell abgestimmt werden, je nach Fähigkeit der einzelnen Patienten, sich an bestimmten
Orten zu orientieren.
Dr. James Renard, Chefarzt der gerontopsychiatrischen Klinik CPG und Herr Gilbert Fallet,
Oberpfleger, beschreiben den Zustand der einzelnen Patienten und die entsprechenden
Folgen für sie selbst, ihre Familien oder das Pflegepersonal des Spitals im Detail .

3. Technische Lösungen
Seit 1992 verfügte die FST über eine für Alters- und Pflegeheime entwickelte Technologie, die
dazu beitragen sollte, die „dement gewordenen“ Insassen gegebenenfalls in ihrem normalen
Umfeld belassen zu können, ohne dass sie notwendigerweise in eine spezialisierte, meist
„geschlossene“ Pflegeeinrichtung eingewiesen werden mussten. Gegenwärtig sind über
hundert Pflegeheime in der Schweiz mit diesem Quo Vadis I („eins“) genannten System
ausgerüstet. Einfach ausgedrückt signalisiert Quo Vadis I, an welcher Stelle eine bestimmte
Person eine gesicherte Zone verlässt.
Quo Vadis I kann aus folgenden Gründen den Ansprüchen an ein System in
Spitalumgebung nicht gerecht werden:
• Das System muss eine Person vor einer Türe identifizieren können, um deren
Öffnung zuzulassen oder nicht. Dies erfordert eine Präzision von ungefähr dreissig
Zentimetern ; Quo Vadis I ist nicht präzise genug.
• Festlegung eines individuellen Zutrittsplanes, dessen verschiedene Varianten von
mehreren Faktoren abhängen (der Patient ist allein oder in Begleitung – eines Mitglieds
des Pflegepersonals oder eines Verwandten – wo befindet er sich und wieviel Uhr ist
es).
• Die Vorrichtung soll stark interaktiv sein und es ermöglichen, verschiedene
Funktionen eines oder mehrerer Aufzüge, kommunizierender Türen oder Zimmertüren
auszulösen.
• Das System muss über zehn Kartenträger orten und gleichzeitig hunderte von
Ereignissen lesen und verarbeiten können, die sich zwischen dem Zimmer des
Patienten und mehreren Hektaren beispielsweise eines Spitalareals zutragen können.
• Das System sollte in der Lage sein, Millionen von Ereignissen im Zusammenhang mit
den Bewegungen oder den versuchten Handlungen von Patienten zu verwalten und
zu speichern, sobald eine objektive und genaue Erfassung gewisser Verhaltensmuster
ausschlaggebend wird (beispielsweise um sicher zu sein, dass ein Patient sein Zimmer
nicht mehr verwechselt, was die Rückkehr in ein „offenes“ Pflegeheim erlauben
würde).
Quo Vadis II, die zweite Variante des Quo Vadis Systems, kann die Träger von Karten
(Grösse einer Kreditkarte mit einer Dicke von 3mm) mit Hilfe von Hochfrequenz-
Radioanlagen, die an den „entscheidenden“ Orten installiert sind, identifizieren und orten. Im
Spital von Perreux werden so 38 Türen (Zimmer, Gänge, Treppen oder Aufzüge)
„überwacht“, ganz abgesehen von den Zonen ausserhalb der Abteilungen, die auch erfasst
werden. Rund zwanzig kleine Computer, die vernetzt sind, übernehmen so die Organisation:
• der Übermittlung von Alarmen, wenn nicht berechtigte Patienten trotz allem gefährliche
Zonen erreichen....
• der Verwaltung der für jeden Patienten individuell programmierbaren
« Freiheitsprogramme »....
• der sofortigen Anpassung eines « Tag und Nacht » Programms...
• eines « Feuer »-Notfallprogramms in Sekundenschnelle ;
• der ständigen Kontrolle des Systems und gegebenenfalls der Anzeige von Fehlern....
• so oft wie nötig der direkten Programmierung durch das Personal des Freiheitsgrades
der einzelnen Patienten, zum Beispiel in Abhängigkeit von ihrem
Gesundheitszustand....
• des automatischen « Löschens » von Quo Vadis II, wenn der Patient die Karte verliert
oder diese nicht gelesen wird. Der Patient befindet sich dann in der gleichen Lage wie
in einem Spital, das nicht mit Quo Vadis II ausgerüstet ist.
• Dabei wird sichergestellt, dass der « Mensch » mit einem Passepartout-Schlüssel das
System jederzeit beherrscht. Quo Vadis II ersetzt das Pflegeteam nicht, entscheidet
nichts und beschränkt sich darauf, eine Stütze für das Team zu sein, das die
Verantwortung für die Betreuung der Patienten trägt.
Die FST hat das Konzept des Systems erarbeitet und dieses auch realisiert. Dank der
anfänglichen Zusammenarbeit mit der Ingenieurschule von Le Locle (HES-SO), konnten wir
aber die Elemente des Kommunikationsnetzes aussuchen, ohne diese von A bis Z selbst
entwickeln zu müssen. Unser System hatte so „seine Schienen“ gefunden. Intern wurde Dr.
Jean-Claude Gabus mit der Konzipierung und der Verantwortung für das Projekt betraut.
Die rein technische Entwicklung von Hardware und Software, die Installierung und
Inbetriebnahme sind das Werk von Herrn Yves Muehlebach.
Die enge Zusammenarbeit mit dem Team der gerontopsychiatrischen Klinik CPG (Dr.
Renard, sein Oberpfleger Herr Fallet und ihre Mitarbeiter) war für die Erreichung unserer
Zielsetzungen ganz entscheidend. Um nur ein Beispiel zu nennen, brauchten wir vier
Monate harter Arbeit mit einer wöchentlichen gemeinsamen Sitzung mit der
gerontopsychiatrischen Klinik, um eine Liste der Anforderungen, die von uns
„Wahrheitstabellen“ genannt wurden, zu erstellen.
Dabei kamen nicht weniger als 40 Seiten zustande, die – so hoffen wir zumindest – alle
wichtigen Situationen (mehrere Tausend) enthalten, die das System bewältigen kann, zum
Beispiel nach:
• Freiheitsgrad
• überwachtem Ort
• Wer ist mit wem
• Tageszeit
• etc…
Auf unserem Website www.fst.ch finden Sie eine interaktive multimediale Präsentation
(französisch oder deutsch), mit der Sie einen „virtuellen Spaziergang“ im Projekt machen
können (diese Präsentation wurde im Juni 2001 vom Bund im Rahmen des Projekts „Science
et Cité“ finanziert).
4. Ergebnisse
Teile des Projektes waren im Mai 2000 zum Einsatz bereit, andere im Oktober des selben
Jahres. Der Verkehr zwischen verschiedenen Stockwerken funktioniert erst seit etwas über
sechs Monaten. Die Einweihung findet also nach mehreren Monaten der Benutzung statt.
Die Entwicklung und Installation dauerte von 1998 bis März 2002. Wir hatten alle genügend
Zeit, um gut zu arbeiten und uns mit dem System vertraut zu machen und zwar sowohl
seitens des Pflegepersonals als auch der Patienten und Familien (unseres Erachtens war es
ganz entscheidend, über das Privileg von genügend Zeit zu verfügen).
Von Seite 8 bis Seite 15 dieser Unterlagen finden Sie die ersten Ergebnisse aus der Sicht
mehrerer Mitglieder des Pflegeteams, einer Ergotherapeutin und der Familien. Aufgrund
dieser Bewertung ergeben sich folgende Punkte:
• Schnellere Anpassungsfähigkeit eines Patienten an die Spitalumgebung, wodurch sich
das Zusatzrisiko einer Depression oder einer Dekompensierung als Folge des
Spitaleintritts verringert.
• Grössere Zufriedenheit der Patienten selbst und eine entspanntere Atmosphäre in
ihren Beziehungen zu Personal und Familien.
• Einfachere Überwachung durch das Personal der Öffnung und Schliessung der
Türen.
• Andererseits müssen die Folgen einer grösseren Freiheit der Patienten akzeptiert
werden (man weiss nicht mehr so leicht, wo sie sich befinden....).
• Für die Familien ist es unkomplizierter oder gar ein Ansporn, ihre Patienten schneller
und häufiger zu besuchen....
5. Perspektiven
Es gibt zum gegenwärtigen Zeitpunkt zwar mit Quo Vadis I vergleichbare Systeme. Quo
Vadis II ist aber unseren Wissens eine Weltneuheit. Wenige Spitäler wissen von einer
derartigen Vorrichtung, ganz zu schweigen von den Vorteilen.
Nach entsprechender Abklärung kann Quo Vadis II in jedem ähnlich gearteten Spital
eingerichtet werden. Die erste derartige Installation für 38 Türen und 15 Hektaren hat
Kosten von rund Fr. 730'000.– verursacht.
Heute (nach Abschreibung der Entwicklungskosten) könnte dieselbe Einrichtung weniger als
die Hälfte kosten. Es steht der FST nicht zu, die Sachdienlichkeit dieses Instrumentes bei
der Betreuung bestimmter Patienten zu beurteilen. Dies ist allein Sache von Ärzten,
Pflegepersonal und Patientenvertretern. Gegebenenfalls steht die FST zur ihrer Verfügung.
Die Perspektiven, die die statistische Erfassung gewisser Verhaltensmuster der Patienten
eröffnen, könnten für die Forschung eines Tages unerlässlich werden. Wir schliessen nicht
aus, dass dieser Aspekt allein Anlass für ein neues Projekt werden könnte.
Die Zukunft wird es zeigen!
Auf den Seiten 16 und 17 äussert sich Dr. Dietschy zum Thema und zeigt uns auch seine
Zukunftsvision im Zusammenhang mit diesem Projekt auf.
6. Ethische Aspekte
Ein derartiges Projekt muss zwangsläufig ethische Erwägungen beinhalten. In
Zusammenarbeit mit der gerontopsychiatrischen Klinik CPG und der Schweizerischen
Alzheimervereinigung wurde eine Charta ausgearbeitet:
Die elektronische Überwachung umherirrender Personen....
1. soll dazu beitragen, dass die umherirrende Person in ihrer vertrauten Umgebung
bleibt.
2. soll die Freiheit der Person erhalten oder erhöhen.
3. soll die Beziehung zwischen der umherirrenden Person und ihrer Umgebung
verbessern oder erhalten.
4. muss von der Person selbst und ihrer Umgebung akzeptiert werden. Diese
Entscheidung kann widerrufen werden.
5. muss die Würde der Person respektieren.
7. Dank
1997 betrug der Kostenvoranschlag für das Projekt Fr. 670'000.—(ohne Berücksichtigung
der von der Ingenieurschule durchgeführten Arbeiten im Betrag von Fr. 60'000.--, die von
der SOVAR Stiftung übernommen wurden).
Bis jetzt belaufen sich die Kosten für die von der FST durchgeführten Arbeiten auf rund Fr.
730'000.– unter Berücksichtigung der statistischen Erfassung der Ereignisse, die
ursprünglich nicht vorgesehen war.
Die erforderlichen Mittel konnten aufgebracht werden dank der Unterstützung von :
• Bund (Revitalisierungsprogramme) : Fr. 55'000.—
• Kanton Neuenburg : Fr. 200'000.—
• Junod Fonds (Genf) Fr. 250'000.—
• Gabus Fonds (La Chaux-de-Fonds) Fr. 170'000.—
• Gegenwärtig noch offener Saldo Fr. 55'000.—
Die FST dankt diesen Spendern ganz herzlich. Mit ihrer grosszügigen Unterstützung haben
sie die Finanzierung dieses Projektes ermöglicht.
Sie dankt auch dem Team von Perreux für seinen Mut und das Vertrauen, das es unserer
kleinen Equipe entgegengebracht hat.
Wir möchten abschliessend in Erinnerung rufen, dass derartige Projekte nur dann erfolgreich
sind, wenn die Beteiligten die drei folgenden Parameter harmonisch miteinander verbinden:
HighTech, Ethik… und Fingerspitzengefühl !
Neuenburg, 7. und 8. März 2002
Problembeschreibung
Dr James Renard, Chefarzt
Gerontopsychiatrische Klinik
Psychiatrisches Kantonsspital
Perreux (NE)
Klinische u nd e pidemiologische D aten ü ber D emenz b ei A lzheimer u nd v erwandten E rkrankungen.
Die Alzheimer Krankheit in ihrer einfachen Form oder begleitet von Gefässerkrankungen macht
etwa zwei Drittel der Demenzfälle aus.
Andere, weniger häufige Krankheiten führen auch zu Demenz. Sie werden mit folgenden Begriffen
bezeichnet: Lewy-Körperchen-Demenz, fronto-temporale Demenzen, vaskulär bedingte
Demenzen und andere mehr.
Wir wollen hier nicht nach Instrumenten zur Unterscheidung der einzelnen Krankheiten suchen,
sondern hervorheben, dass die Verhaltensstörungen, zum Beispiel das Umherirren, bei allen
Formen der Demenz vorkommen können.
Deshalb kommt die heute besprochene Technologie auch Patienten zugute, die nicht an Alzheimer
leiden.
Eine Demenz kann als irreversible, zerstörerische, im allgemeinen chronische oder fortschreitende
Krankheit des Gehirns definiert werden. Die Folgen sind eine Beeinträchtigung der höheren
Gehirnfunktionen wie Gedächtnis, abstraktes Denken, Orientierung, Verständnis, Rechnen,
Lernvermögen, Urteilsvermögen und logisches Denken. Dadurch entstehen Schwierigkeiten in
der Organisation und der Durchführung der Aktivitäten des täglichen Lebens und des Berufs.
Diese für Ärzte brauchbare Definition ist aber für die Organisation der Therapie nicht sehr
nützlich. Diese beruht auf den Folgen der oben beschriebenen Schwierigkeiten: zeitliche und
örtliche Orientierungsschwierigkeiten, Bedarf an Hilfe für Tätigkeiten des täglichen Lebens (was
eine Behinderung oder einen sozialen Nachteil definiert), oft eine Einschränkung des
Entscheidungsvermögens und vor allem Verhaltensstörungen. Genau diese Schwierigkeiten
führen zu einem hohen Pflegebedarf.
Alzheimer und verwandte Krankheiten betreffen eine grosse Anzahl betagter Menschen.
In der Schweiz geht man gegenwärtig von 80'000 Betroffenen aus.
Angehörige wie Ehegatten, Familienmitglieder und Nachbarn sind ab Beginn der Krankheit von
den Schwierigkeiten des Kranken betroffen.
Früherkennung und Frühdiagnose, Vorbedingungen für eine Therapie, haben in den vergangenen
Jahre entscheidende Fortschritte verzeichnet. Die praktischen Ärzte engagieren sich stärker, und
die Fortschritte bezüglich Koordination mit den Spezialisten (Geriatern, Neurologen,
Gerontopsychiater) sind klar erkennbar.
Für Alzheimer und einige andere Formen der Demenz spezifische medikamentöse Therapien
(Aricept, Exelon und Reminyl in der Ordnung ihrer Zulassung in der Schweiz aufgeführt) haben
ebenfalls dazu beigetragen, den therapeutischen Nihilismus, der in der Behandlung der Kranken
oft herrschte, zu überwinden.
Die P hänomene d es U mherirrens u nd u nstrukturierten U mherwandelns in d er T herapie v on
Kranken m it A lzheimer D emenz.
Die Alzheimer Krankheit und die verwandten Krankheiten gleichen sich nicht. Damit möchte ich
sagen, dass jedes Mal eine andere Person, ein anderes Individuum von der Krankheit befallen
wird, und das Erscheinungsbild der Krankheit äusserst unterschiedlich ist. Wenn Patienten und
Familien von ihren Schwierigkeiten erzählen, wird man sich der grossen individuellen
Unterschiede bewusst.
Aber trotz all dieser Unterschiede können wir Ähnlichkeiten und Analogien hervorheben.
Wenn die Unterbringung zu den Pflegeaufgaben einer Einrichtung gehört, kommt es oft vor, dass
demente Kranke desorientiert sind (räumlich, zeitlich und situationsbezogen), dass sie
unstrukturiert umherwandeln, umherirren und flüchten.
Die wichtigsten Ereignisse im Zusammenhang mit dem Umherirren, die die technische Vorrichtung
Quo Vadis bewältigen kann:
• Der Patient ist sich nicht bewusst, dass er sich im Spital oder in einem Heim befindet
und will die Einrichtung verlassen. Da er desorientiert ist, wird er sich verlieren, wenn
es ihm gelingt nach Aussen zu gelangen. Er bringt sich selbst und vielleicht auch andere
in Gefahr, beispielsweise beim Überqueren der Strasse.
• Der Patient hat das ganz natürliche Bedürfnis zu gehen. Dieses Umhergehen muss in
einer gesicherten Umgebung stattfinden. Es muss vermieden werden, dass der Patient
unüberwacht das Spital oder Heim verlässt.
• Der desorientierte Patient hat Schwierigkeiten, sein Zimmer zu finden, obwohl sein Name
an der Türe steht. Aus Versehen wird er das Zimmer eines anderen Patienten betreten,
sich in sein Bett legen, alles in Unordnung bringen, da er seine eigenen Sachen sucht
und sie nicht findet.
• Durch die Desorientierung ist der Patient in der Möglichkeit, sein eigenes Zimmer zu
benützen, beeinträchtigt.
Die Ergebnisse von Quo Vadis II werden Ihnen in den folgenden Präsentationen vorgestellt.
Perreux, 7. März 2002
Quo’Vaktivitäten
Der Einfluss des elektronischen Kontrollsystems « Quo Vadis II »
auf die Aktivitäten des täglichen Lebens von dementen Patienten
in einer geschlossenen Pflegeeinheit
Isabel Margot, Spezialisierte Ergotherapeutin
Gerontopsychiatrische Klinik
Perreux (NE)
Bemerkung : Diese Forschungsarbeit ist nicht abgeschlossen. Die Ergebnisse können durch neue
Daten noch Änderungen erfahren und müssen deshalb mit der nötigen Vorsicht gelesen werden.
Einführung
Betagte Menschen, die an Demenz leiden, verlieren wegen der Verringerung der kognitiven
Funktionen zusehends jegliche Autonomie bei den Verrichtungen des täglichen Lebens. Die
Ergotherapie zielt bei solchen Patienten darauf ab, sie in die Lage zu versetzen, an Aktivitäten
teilzunehmen, um ihre Fähigkeiten, ihre Identität und die Verbindung zur Realität zu bewahren. Ein
elektronisches Überwachungssystem der Eingänge wie Quo Vadis II verändert den Lebensraum der
im Pavillon „Jardin des Ormes“ der gerontopsychiatrischen Klinik im psychiatrischen Kantonsspital
Perreux hospitalisierten Patienten ganz entscheidend. Da Quo Vadis II ein innovatives System ist,
gibt es wenig Fachliteratur zum Thema. Es ist deshalb wichtig, seinen Einfluss auf die Aktivitäten der
hospitalisierten, betagten Menschen zu evaluieren.
Methodologie
Um besser zu verstehen, was betagte Menschen, die an Demenz leiden, erleben, habe ich eine
qualitative Methodologie mit ethnografischem Ansatz gewählt. Das Einholen der Daten erfolgt mit
Hilfe von teilnehmender Beobachtung, Aufzeichnungen aus der Praxis, Interviews des
Pflegepersonals, Fotografien und Artefakten. Die Datenanalyse stützt sich auf eine Methode des
Vergleichs der verschiedenen Informationsquellen.
Vorläufige Ergebnisse
Die ersten Ergebnisse zeigen bereits erhebliche Vorteile für die Patienten : einerseits sehen wir eine
gestärkte Identität, die durch die Kontrolle des « Territoriums » begünstigt wird, vor allem durch den
geschützten Zugang zu einem privaten Raum, d.h. dem Zimmer. Andererseits scheint die
Anpassungszeit zwischen dem Eintreffen in der Pflegeeinheit – immer ein traumatisierendes Ereignis –
und dem Festlegen erster räumlicher Anhaltspunkte dank dem System, das das Erlernen der Wege
erleichtert, verkürzt.
Andererseits zeigt sich ein Mangel punkto Zuverlässigkeit des elektronischen Systems. Die Art von
Patienten, die dieses System benutzen, bedürfen einer nicht intentionale Validierung. Obige Vorteile
sind proportional zum Erfolg der von der hospitalisierten Person unternommenen Tätigkeit
(Zimmertüre öffnen, durch die Gänge gehen, Zimmer aufräumen, u.s.w.) Darüber hinaus haben
demente Menschen die Tendenz, ihre Karte zu vergessen, zu verlieren oder wegzuwerfen, wodurch
sie das System nicht mehr benutzen können.
Diskussion
Da die Studie noch nicht abgeschlossen ist, ist es noch schwierig, über die Ergebnisse zu
diskutieren. Einige ethische Aspekte müssen aber erwähnt werden, wie die aufgeklärte Zustimmung
von Patienten und Personal, die Tatsache, dass diese Studie an meinem Arbeitsort durchgeführt
wird oder die Vertraulichkeit der persönlichen Daten der Teilnehmer. Einige Punkte im
Zusammenhang mit dem methodologischen Vorgehen wie die einer qualitativen Methodologie
inhärente Subjektivität (Zuverlässigkeit und Gültigkeit der Ergebnisse), die Tatsache, dass ich
Patienten und Personal vor Beginn der Studie schon kenne, oder die Koordinierung mehrerer
Informationsquellen können Anlass zu Diskussionen geben.
Schlussfolgerungen
Die gewonnenen Ergebnisse über die Zuverlässigkeit des Systems müssen koordiniert werden, um
Lösungen zu finden und es zu verbessern.
Es wäre interessant, eine Folgeuntersuchung in einem längeren Zeitrahmen durchzuführen und eine
mit dem System ausgerüstete Einheit mit einer nicht ausgerüsteten Einheit zu vergleichen. So könnte
einerseits die Konstanz der Ergebnisse überprüft werden und andererseits könnten wir den Nutzen
für demente Patienten noch erhöhen.
Unterstützung
Diese Forschungsarbeit wird im Rahmen des europäischen Ergotherapie-Master-Programms unter
Aufsicht des Karolinska Instiutet der Universität Stockholm in Schweden durchgeführt.
Dieses Vorgehen wurde durch die Beratung von Dr. Renard, Chefarzt der gerontopsychiatrischen
Klinik und die finanzielle Unterstützung des psychiatrischen Kantonsspitals in Perreux ermöglicht.
Ich danke auch Herrn Jean-Claude Gabus und der FST für ihre Unterstützung, ihre Ermutigung und
die Erlaubnis, ihre Veröffentlichungen und relevanten technischen Daten benutzen zu dürfen.
Perreux, 7. März 2002
Ergebnisse
Frau Christelle Pergod, Oberkrankenpflegerin des Pavillons
Frau Nancy Draulans, Vizeoberkrankenpflegerin des Pavillons
Herr Gilbert Fallet, Oberkrankenpfleger
Gerontopsychiatrische Klinik
Psychiatrisches Kantonsspital
2017 Perreux
Anhand von 6 konkreten Situationen werden wir Ihnen die Anwendung des Quo Vadis II Systems
erklären : Einige dieser Situationen erhöhen das Wohlbefinden und die Therapiequalität, andere
haben den Vorteil, zu Überlegungen und vermehrter Forschung anzuregen, die täglichen Vorgehen
in Frage zu stellen.
Situation Nr. 1
Der beobachtete Patient ist 74 Jahre alt und leidet an Lewy-Körperchen-Demenz mit Phasen der
Verwirrung, die das Fluchtrisiko erhöhen.
Er bewegt sich unabhängig in seinem Rollstuhl und hat Zugang zu seinem Zimmer und zu den
Gemeinschaftsräumen: Essraum, Gänge, Gemeinschaftsräume und Therapiegarten.
Mehrmals täglich begibt er sich in sein Zimmer, um fernzusehen, Radio zu hören, seine persönlichen
Dinge zu erledigen, einen Keks zu essen....
Seit er die Quo Vadis II Chipkarte trägt, kann er sich so oft er will völlig autonom und frei in sein
Zimmer begeben. Zuvor musste er sich an das Pflegepersonal wenden, damit man ihm seine Türe
öffnete. Manchmal musste er auch warten....
Wegen seiner Pathologie ist er manchmal verwirrt und versucht, das Gebäude zu verlassen. Dann
befindet er sich sehr schnell im Lift, der das Stockwerk aber nicht verlässt. Unverzüglich wird das
Personal durch das System über die Lage informiert.
Schlussfolgerung : In diesem Fall zeigt sich die Nützlichkeit des Systems.
Situation Nr. 2
Eine 85-jährige Patientin mit Alzheimer-Demenz leidet unter starken Gedächtnisstörungen. Sie bewegt
sich autonom und hat Zugang zu ihrem Zimmer und den Gemeinschaftsräumen.
Mit der Quo Vadis II Chipkarte kann sie frei kommen und gehen. Da sie die Karte aber nicht auf sich
tragen will, verstaut sie sie in ihrer Handtasche und vergisst diese manchmal auf einem Tisch. Dann
wird sie vom Pflegepersonal abhängig, um in ihr Zimmer zu gehen.
Ausserdem vergisst sie wegen ihrer Krankheit trotz Erklärungen fortwährend wie die Chipkarte
funktioniert und sucht immer den Schlüssel, um ihre Zimmertür zu öffnen.
Schlussfolgerung : In diesem Fall stösst das System aufgrund der Pathologie des Patienten und nicht
wegen der benützten Technologie an seine Grenzen.
Situation Nr. 3
Ein 86-jähriger Patient mit einer schweren Depression wurde wegen Selbstmordrisiko in die Einheit
des Jardin des Ormes aufgenommen. Er ist bezüglich Bewegung und seinen alltäglichen Tätigkeiten
autonom.
Zu Beginn seines Aufenthalts hatte er Zugang zu seinem Zimmer und den Gemeinschaftsräumen. Da
sich sein Zustand im Laufe der Zeit verbesserte, wurde seine Chipkarte neu programmiert. Zunächst
erhielt er auch Zugang zu den Räumen für Musiktherapie und Ergotherapie im unteren Stockwerk,
später zu allen zu Perreux gehörenden Anlagen. Er konnte dann im Garten spazierengehen und sich
allein zu seinen Terminen und Aktivitäten begeben.
Schlussfolgerung : Elastizität eines Systems, das im Laufe eines Aufenthalts oder je nach Entwicklung
einer Pathologie ohne logistische Veränderungen angepasst werden kann. Das System kann in beide
Richtungen angepasst werden: Einschränkung oder Erweiterung der Zugänge.
Situation Nr. 4
Eine 75-jährige Patientin in einem fortgeschrittenen Stadium der Alzheimer-Demenz wandert den
ganzen Tag ziellos umher. Sie wurde von einem Heim eingewiesen, da sie sich ständig in fremde
Zimmer begab und so Konflikte mit den anderen Heiminsassen provozierte.
Diese Situation rief bei der Patientin selbst Angstzustände und Aufregung hervor.
Dank der Chipkarte kann sie ruhig zwischen ihrem Zimmer und den Gemeinschaftsräumen
umherwandern, ohne Zutritt zu den Zimmern der anderen Patienten zu haben. Nachdem sie nicht
mehr dauernd in Konflikte verwickelt ist, ist diese Patientin viel zufriedener.
Schlussfolgerung : Mit Hilfe dieses Systems konnte dieser Patientin Bewegungsfreiheit eingeräumt
werden, ohne sie selbst oder andere Patienten einzuschränken.
Versuch e iner Z usammenfassung
Die Installation dieses System in der Einheit des « Jardin des Ormes » hatte zum Ziel, den
Patienten gleichzeitig Bewegungsfreiheit und Sicherheit zu geben....
Die vier dargestellten Fälle entsprechen im Grossen und Ganzen den verschiedenen
Situationen und Pathologien, die wir in unserer Einheit antreffen. Die Installation von Quo
Vadis II erlaubte es, unser Ziel zu erreichen und es gar noch zu übertreffen. Jeder Patient
erhielt wieder ein Stück Bewegungsfreiheit in einem kollektiven Rahmen.
Das System hat das Pflegepersonal auch von einer grossen Last befreit : das Öffnen und
Schliessen der Türen mit einem Schlüssel. Das Personal ist jetzt vermehrt in der Lage, seine
täglichen Aufgaben zu erfüllen.
Im Moment stösst das System dann an seine Grenzen, wenn ein Patient wegen seiner
Pathologie seine Chipkarte nicht auf sich trägt. Welche Möglichkeiten gibt es, damit auch diese
Patienten von diesem System profitieren können?
Situation Nr. 5
Vor der Installation von Quo Vadis II begleitete das Pflegepersonal Besucher, wenn diese das
Stockwerk verliessen, handelt es sich doch um eine geschlossene Abteilung. Die Installation des
Systems ermöglichte den Besuchern eine höhere Unabhängigkeit. Dies galt auch für die Patienten,
wenn sie den Pavillon in Begleitung ihrer Angehörigen verliessen. Andererseits führte diese Sachlage
dazu, dass das Pflegeteam nicht mehr über gleich viel Informationen über die Bewegungen auf dem
Stockwerk verfügte.
Der Sinn einer geschlossenen Abteilung ist ja, dass die Patienten das Stockwerk ohne Erlaubnis des
Personals nicht verlassen können. Dies aus Gründen der Sicherheit im Zusammenhang mit den
Risiken, die Patienten mit schweren Orientierungsproblemen (Risiken sich zu verlieren) oder
Stimmungsstörungen (Patienten mit Depressionen können einem hohen Selbstmordrisiko unterliegen)
aufweisen.
Wenn wir einem Angehörigen eines Patienten eine « Besucherkarte » geben, informieren wir ihn über
die Möglichkeit, die Abteilung mit dem Patienten zu verlassen. Wir verlangen aber auch, darüber
informiert zu werden.
Es ist ein paar Mal vorgekommen, dass wir nicht darüber informiert wurden, dass ein Patient die
Abteilung mit einem Besucher verlassen hat. Dies bringt uns in grosse Verlegenheit, da wir
feststellen, dass ein Patient abwesend ist und dabei nicht wissen, wo er sich befindet.
Dies passiert im Allgemeinen, wenn sich wenige Pfleger in der Abteilung befinden. Manchmal sagen
uns die anderen Patienten, dass sie gesehen haben, dass X mit seinen Besuchern hinausgegangen
ist. Gelegentlich weiss aber niemand etwas, und dann kommt es zu Komplikationen.
Man kann natürlich davon ausgehen, dass der Patient sich tatsächlich in Begleitung eines Besuchers
befindet. Aber wir können das Risiko nicht auf uns nehmen, keine Nachforschungen anzustellen.
Wir suchen dann in jedem einzelnen Zimmer der Abteilung, danach auf allen Stockwerken, rund um
den Pavillon, in der Cafeteria, dann fährt ein Pfleger mit dem Auto um das Spital, u.s.w..... bis dann
der Patient seelenruhig mit seinem Besucher, der sich natürlich dafür entschuldigt, uns nicht
benachrichtigt zu haben, in der Abteilung erscheint.... Genau so ist es vorgekommen, dass ein
Besucher den Patienten ausserhalb der Einheit verlässt, z.B. in der Cafeteria, und dem Patienten gute
Rückkehr in die Einheit wünscht...
Dies ist die Art der kleineren Zwischenfälle, die seit der Installation des Systems Quo Vadis häufiger
vorkommen.
Versuch e iner Z usammenfassung
Das nicht Auffinden eines Patienten ist eine der schlimmsten Stresssituationen für das
Pflegepersonal in der Gerontopsychiatrie. Alle Hebel werden an allen einschlägigen Orten in
Bewegung gesetzt, um ihn wieder zu finden. Quo Vadis II sollte uns beim Suchen
unterstützen. In einem solchen Fall wird es möglich sein, durch Abfragen der Datenbank über
die registrierten Durchgänge, die Ausgänge und die Begleitung des Patienten Informationen zu
erhalten. Bis jetzt nutzen wir die technologischen Vorteile von Quo Vadis II noch nicht
vollumfänglich aus. Wir müssen lernen, dieses Hilfsmittel in Fällen, wo jede Minute zählt, noch
besser einzusetzen.
Situation Nr. 6
Das System Quo Vadis II ist vor allem nützlich, um das Umherirren und die unerwünschten
Auswirkungen in den Griff zu bekommen. Bei Systeminstallation wurde eine Badezimmertür mit Quo
Vadis II ausgerüstet. Wir wollten nicht einfach noch ein bisschen Geld ausgeben, sondern hatten
eine therapeutische Absicht. Bei der Renovierung des Gebäudes von „Ormes“ konnte nicht in allen
Zimmern ein Bad eingebaut werden. Wir waren gezwungen, für vier Zimmer ein kollektives
Badezimmer einzurichten. Die Quo Vadis II Technologie erlaubte uns eine noch effizientere
Überwachung des Zugangs zu diesem Badezimmer im Verhältnis zum Kommen und Gehen der
Patienten im Gang. Nach mehreren Monaten der erfolgreichen Anwendung wurde ein neuer Bedarf
festgestellt: alle Badezimmer und die Spülen sollten mit dem System ausgerüstet werden. Das
Reinigungs- und das Pflegepersonal haben die ergonomischen Vorteile von Öffnungen ohne
Schlüssel wieder entdeckt und sehen vielleicht sogar bakteriologische Vorteile durch diese
Technologie. In den fraglichen Räumen, d.h. Badezimmer und Spülen, ist es nicht immer angenehm,
mit Schlössern versehene Griffe benützen zu müssen. An einem Tag im Zeichen der Innovation
schien es uns interessant, uns auch über dieses Thema Gedanken zu machen.
Perreux, 7. März 2002
Wie das Problem erlebt wird
Herr Gilbert Fallet, Oberpfleger
Gerontopsychiatrische Klinik
Psychiatrisches Kantonsspital
2017 Perreux
Einführung
Schon immer waren das Umherirren, das ziellose Umherwandeln und die Flucht ein Problem für
Pfleger und Pflegerinnen und alle anderen Fachkräfte des Gesundheitswesen genau wie für die
Angehörigen. Heute gehen wir aufgrund von Mode und Veränderungen nicht mehr von Problemen
aus sondern von Phänomenen und Diagnosen. Wer aber von Phänomenen und Diagnosen spricht,
spricht auch von Äusserungen. Diese Äusserungen sind der Ausgangspunkt des Pflegepersonals
für die Therapie des Patienten. Zunächst wird er gesamthaft und spezifisch beobachtet. Danach
versucht man, ihn mit Hilfe der Reflexion zu verstehen, um schliesslich spezifische therapeutische
Massnahmen zu treffen.
Historisch gesehen werden die ersten Konzeptualisierungen der therapeutischen Massnahmen für
Patienten, die umherirren, ziellos umherwandeln und fliehen, einem Meister seines Fachs, dem
Krankenpfleger Kabba, zugeschrieben. Was war denn so revolutionär an seinem Vorgehen. Zur
gleichen Zeit entdeckte seine Kollegin, die Pflegerin Yale, genau dasselbe: den Schlüssel! Seit jenem
Tag wurde jeder Pfleger, der desorientierte Patienten zu betreuen hatte, von diesem Stück Metall
begleitet. Alles mit zwei Umdrehungen eines Schlüssel zu verschliessen, war und ist an vielen Orten
die Antwort auf die Äusserung, das Phänomen des Umherirrens – ein Schlüssel zur Lösung des
Problems für Krankenpfleger und –pflegerinnen.
Bevor wir Ihnen die Praxis von Quo Vadis II vorstellen, scheint es uns wichtig, kurz die
Schwierigkeiten, die bei der Pflege von umherirrenden Patienten auftreten, aufzuzeigen und
darzulegen, welche Lösungen bis jetzt vorliegen. Wir schlagen deshalb einen Ansatz der
Beobachtung und Analyse des Vorgehens des Pflegepersonals als Reaktion auf die gefundenen
Probleme vor. Hier eine kurze Übersicht über die Darstellung:
• Zunächst beschäftigen wir uns mit den Äusserungen des Umherirrens im Zusammenhang
mit der Pflegeeinheit.
• Danach werden wir über die Folgen dieser Äusserungen für den Patienten und die Gruppe
nachdenken.
• Dann werden wir versuchen, die Fragen und Empfindungen des Pflegepersonals
einzugrenzen.
• An diesem Punkt können wir die Auswirkungen dieser Verhaltensweisen auf die Umgebung
des Patienten, seinen Ehepartner, die Familie und Freunde nicht ausser Acht lassen.
• Wir werden eine Liste mit Antworten und Pflegemassnahmen erstellen, die bis gestern, d.h.
vor der Installation von Quo Vadis II, angewandt wurden.
• Wir werden versuchen, diese Liste kritisch zu beurteilen und die Folgen und Erfordernisse
unserer Lösungen zu umreissen.
• Zusammenfassend werden wir mit Hilfe einer spezifischen Technik der gezielten
Übermittlung und von DAR (Daten-Aktionen-Resultate) ein Modell zur Lösung von
Problemen im Zusammenhang mit dem Phänomen des Umherirrens als Ergänzung zu Quo
Vadis II vorschlagen.
Perreux, 7. März 2002
Bericht eines Ehegatten
Perreux = Ein Irrenhaus ! Das war unsere Vorstellung, wenn wir von diesem Ort sprachen.
Heute hat Perreux für uns eine ganz andere Bedeutung, ist meine Ehefrau doch seit langer Zeit hier
hospitalisiert. Wir haben eine andere Einrichtung entdeckt, die für unsere Kranke zu einem neuen
Familienzentrum geworden ist mit kompetentem Personal, das diese Familie mit seinem Know-how
und einem offenen Herzen unterstützt, und zwar von den Leitern über das Pflegepersonal bis zu
den Hilfskräften. Nach jedem Besuch verlassen wir das Spital mit einem Gefühl der Sicherheit. Wir
wissen unsere Kranken in guten Händen, da jeder Kranke hier so wie er ist geachtet und sogar
geliebt wird.
Für uns bietet sich heute auch die Gelegenheit, allen Beteiligten unseren grossen Dank für alles, was
Sie im Hinblick auf das Wohlbefinden jedes Insassen Ihrer Institution leisten, auszusprechen.
Perreux ist kein Irrenhaus mehr, sondern ein Spital, wo die menschlichen Werte respektiert werden.
Seit ein paar Monaten gibt es in Ormes eine grosse Neuheit. Was wir seit geraumer Zeit ungeduldig
erwarteten, ist eingetroffen: ein komplexes Computersystem mit „elektronischen Schlüsseln“, die den
glücklichen Besitzern mit Hilfe von Quo Vadis eine grössere Bewegungsfreiheit erlauben. Wir waren
glücklich festzustellen, dass unsere Kranken über mehr Autonomie verfügen, dass sie sich relativ
unabhängig in ihr Zimmer begeben können, wodurch sie zufriedener und trotzdem unter der
Kontrolle des Pflegepersonals sind.
Was uns Besucher angeht, wissen wir es sehr zu schätzen, uns nicht mehr an das Personal wenden
zu müssen, um ins Zimmer unserer lieben Angehörigen zu gelangen oder um die Einrichtung zu
verlassen.
Herzlichste Glückwünsche an Herrn Gabus und seine Mitarbeiter zum Gelingen und dem
hervorragenden Funktionieren dieses System, das hier weltweit zum ersten Mal zum Einsatz gelangt.
Saint-Blaise, März 2002
Bericht einer Ehefrau
Persönliche Einschätzung der Benutzung
einer elektronischen Schlüsselkarte zum Öffnen der Türen
Nachdem ich das System der elektronischen Schlüsselkarten zum Öffnen der Türen durch
bestimmte Personen seit einigen Monate benütze, möchte ich kurz meine Meinung darlegen.
Mein Mann ist seit zwei Jahren Patient des Pavillon « Ormes ».
Seit seiner Aufnahme in die Einrichtung besuche ich ihn täglich, um ihm zu helfen und ihn ein wenig
aus der krankheitsbedingten Isolation zu führen.
Er hat ein eigenes Zimmer, was ich sehr zu schätzen weiss. Dies bewahrt ihm eine gewisse
Intimsphäre, die ich für sehr wichtig halte. Während meiner Besuche kümmere ich mich um ihn,
seine Bedürfnisse und seine persönlichen Gegenstände mit dem Ziel, sein Wohlbefinden, sein
Aussehen und seine Würde zu fördern.
Um ihm eine gewisse Mobilität zu ermöglichen und die langen Tage zu verkürzen, gehe ich mit ihm
spazieren, entweder im Innern des Hauses in den Gängen der Einheit oder draussen, wo wir kurze
Spaziergänge machen. Ein Mal pro Woche hole ich ihn ab, um einen Tag zu Hause zu verbringen.
Angesichts meiner häufigen Besuche bin ich natürlich begeistert über das System der vor ein paar
Monaten eingeführten elektronischen Schlüssel.
Mit der mir anvertrauten Schlüsselkarte kann ich nunmehr sein Zimmer betreten und den Lift zum
Ausgang benutzen, ohne wie zuvor Pfleger der Einrichtung, die mit zahlreichen anderen Aufgaben
und Patienten bereits stark beansprucht sind, suchen und stören zu müssen.
Das einfache Anheften dieser Schlüsselkarte an ein Kleidungsstück, damit sie mit der elektronischen
Zelle der Türe kommunizieren kann, erspart langes Suchen in der Hand- oder in einer Kleidertasche
nach einem herkömmlichen Schlüssel, den man gelegentlich nicht benutzen kann, weil man jemanden
stützen muss oder etwas zu tragen hat. Man lässt die Schlüsselkarte während der Zeit, die man in
der Einrichtung verbringt, einfach angeheftet.
Der einzige Nachteil des Systems sind gelegentliche Wartezeiten von ein paar Sekunden, bevor sich
eine Türe öffnet.
Ich sage dies nicht, weil ich ungeduldig bin, sondern weil während der kurzen Wartezeit vor der
Türe manchmal andere Patienten versuchen, sich bei Öffnung durchzuschlängeln und ein Zimmer
zu betreten, das sie nicht betreten sollen.
Als Benutzerin des Systems bin ich trotzdem begeistert davon. Die Sicherheit ist bei mehr Flexibilität
für alle verbessert. Ich nehme an, dass die Programmierung der Karten zahlreiche Varianten gemäss
den Bedürfnissen der verschiedenen Benutzer erlaubt, ob es sich nun um Pflegepersonal, Patienten
oder wie bei mir um regelmässige Besucher handelt.
Ich freue mich also über diese neue Ära der « denkenden Türen », allerdings nur wenn sie nicht
träge werden.
Marin, 25. Januar 2002
Zukunftsaussichten
Dr. Michel Philippe Dietschy, Assistenzarzt
Gerontopsychiatrische Klinik
Psychiatrisches Kantonsspital
Perreux (NE)
Quo Vadis II ist ein wesentlicher Beitrag zur modernen, gerontopsychiatrischen Betreuung in
spezialisierten Spitälern. Das System richtet sich an betagte Erwachsene, die an
neuropsychiatrischen Krankheiten begleitet von einer Verringerung der kognitiven Funktionen mit
unstrukturiertem Umherwandeln und räumlicher Desorientierung leiden. Die Symptome ihrer
Krankheit bestehen aus ununterbrochenem Umherirren mit dem Risiko einer nicht willkürlichen
Flucht und einer Tendenz, in fremde Zimmer einzudringen, Schränke und Schubladen zu öffnen und
Dinge zu verlegen. Dadurch wird die Intimsphäre der anderen Patienten verletzt, was zu
bedauerlichen Konflikten führt. In der Folge ist das Pflegepersonal gezwungen, ihre
Bewegungsfreiheit und die ihrer Umgebung einzuschränken und alle Türen abzuschliessen.
Quo Vadis II ist eine ideale Ergänzung zur Betreuung durch das Pflegepersonal, indem der Zugang
zu den Zimmern und das Verlassen der Einheit geregelt wird. Es ist also ein praktisches Instrument,
das eine relative Bewegungsfreiheit erlaubt, während die Intimsphäre gewahrt und der Zugang zum
eigenen Zimmer jederzeit möglich bleibt. Die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Umgebung
wird also verbessert. Dieser eindeutig bewiesene Aspekt wurde an anderer Stelle bereits aufgezeigt.
Die Möglichkeiten von Quo Vadis II gehen noch weiter und müssen entdeckt und genutzt werden.
Diese Darstellung soll die Zukunftspotenziale dieses Instruments erörtern Wir werden uns
insbesondere auf die objektive klinische Bewertung der täglichen Erfahrungen des Pflegepersonals
konzentrieren.
Zunächst kann nur ein niedriger Prozentsatz (knapp unter einem Drittel) die Chipkarte ständig auf
sich tragen. Aufgrund ihrer Gedächtnis- und Verständnisstörungen entfernen, verlegen oder
versorgen die übrigen Patienten sie beispielsweise in ihrer Handtasche. Deshalb können sie ihr
Zimmer dann nicht mehr betreten, und das unerlaubte Verlassen der Einheit wird nicht mehr
bemerkt. Wir brauchen also ein sichereres Verfahren, was das Tragen der Chipkarte angeht.
Quo Vadis II ist mit einem Computersystem ausgerüstet, das die Ereignisse in der Umgebung einer
spezifischen und entsprechend eingerichteten Türe aufzeichnet (Betreten und Verlassen eines
Feldes, Öffnungsversuche, Öffnungen). Diese Daten unterliegen dem Arztgeheimnis und werden
ausschliesslich für klinische Zwecke verwendet. Da die Vorrichtung erst vor kurzem installiert
wurde, sind die gegenwärtig gelieferten Daten für eine schnelle und aussagekräftige Analyse durch
Ärzte, Pflegepersonal und paramedizinisches Personal (Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und
Sozialhelfer) nicht verwendbar. Wir setzen die fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Entwicklungsteam
von Quo Vadis II fort. Nach einer Anpassungsphase werden wir konkrete Vorschläge unterbreiten,
und das Team wird versuchen, die Computerprogramme entsprechend anzupassen.
Wir können uns folgende potentielle Anwendungen vorstellen. Als Beispiel nehmen wir eine fiktive
Patientin, die unserer täglichen Realität aber sehr nahe kommt. Frau Eulalie ist 85 Jahre alt. Sie leidet
unter fortgeschrittener Alzheimer-Demenz und ist physisch bei guter Gesundheit. Sie wird
eingeliefert, da ihr Mann sie wegen des Risikos des Umherirrens zu Hause nicht mehr überwachen
kann. Eine gerontopsychiatrische Behandlung wird festgelegt. Der Pfleger erstellt mit Hilfe eines im
Innern der Krankenstation an Quo Vadis II angeschlossenen Computers mit wenigen Eingaben eine
Grafik (siehe nachstehende Skizze). Auf der X-Achse wird der Zeitablauf ab Eintrittsdatum
eingetragen. Auf der Y-Achse wird die Häufigkeit des Eintretens bestimmter Ereignisse festgehalten
(autonomes Betreten des eigenen Zimmers oder in Begleitung eines Pflegers oder Besuchers,
Öffnungsversuche nicht erlaubter Türen, Versuche, ohne Erlaubnis den Lift zu benutzen oder die
Einheit zu verlassen, Durchschreiten einer Gemeinschaftstüre oder der Türe zum Therapiegarten).
Mit Hilfe der Grafik kann der Pfleger die Entwicklung positiver und negativer Auswirkungen der
Behandlung im Laufe der Zeit objektiv bewerten, mit dem Ziel, diese anzupassen: die Konsequenzen
potentiell traumatischer Ereignisse, die Autonomie im Hinblick auf die Entscheidung über eine
Rückkehr nach Hause oder Einweisung in ein Heim, und – falls für ein Heim optiert wird – die Wahl
eines dem Grad der Unabhängigkeit entsprechenden Rahmens.
Im Moment ist die gerontopsychiatrische Klinik die einzige mit Quo Vadis II ausgerüstete Einrichtung.
Die Einweisung in ein Heim, das nicht über das System verfügt, lässt einen Verlust der dank Quo
Vadis II errungenen Vorteile befürchten, in deren Genuss die betagten Erwachsenen und ihre
Umgebung gekommen waren.





 

 

Copyright 2012 Fondation Suisse pour les Téléthèses, la technologie au service du handicap.