Quo Vadis // Programm der Referate anlässlich der offiziellen Einweihung Zentrum für Psychiatrie/Geriatrie der kantonalen psychiatrischen Anstalt Perreux 7-8. März 2002 Quo Vadis - Projektzusammenfassung Jean-Claude Gabus, Konzeptgestalter des Projects Quo Vadis, Direktor der FST, Neuenburg 1. Einleitung Die 1982 gegründete Schweizerische Stiftung für elektronische Hilfsmittel (FST) hat zum Ziel, technologische Hilfsmittel in den Dienst behinderter Menschen und ihrer Umgebung zu stellen. Zunächst befasste sich die Stiftung mit der Kommunikation von Menschen ohne Sprache, mit der Anpassung von Arbeitsplätzen, wenn Computertastatur oder –maus nicht mit den Händen bedient werden konnten, oder mit der Erhöhung der Autonomie von schwer gelähmten Patienten. Erst seit 1992 interessiert sich die FST für mit der Alterung der Bevölkerung zusammenhängende Probleme, insbesondere mit den Behinderungen, die durch dieses Phänomen ausgelöst werden. Das Quo Vadis System, das wir heute einweihen, ist das Ergebnis von Anstrengungen, die zum Teil schon 1992 begannen. Mit der Unterstützung des Nationalfonds und in Zusammenarbeit mit der gerontopsychiatrischen Klinik von Perreux CPG (die zum psychiatrischen Kantonsspital von Perreux in Neuenburg gehört), der Ingenieurschule von Le Locle (HES-SO) und dem Institut für Soziologie der Universität Neuenburg haben wir das Konzept einer Technologie zur „Öffnung“ eines Freiraums für Personen, die ziellos umherirren, in einer gerontopsychiatrischen Umgebung erarbeitet. Aufgrund der zwischen 1992 und 1994 gewonnenen Ergebnisse entwickelte die FST zwischen 1998 und 2002 eine zweite Generation ihres ursprünglichen Systems. Als Weltpremiere weihen wir dieses System heute im Neuenburger Spital ein. 2. Problemstellung Die Bedeutung der Alterung der Bevölkerung ist offensichtlich. Etwa 80'000 Menschen leiden in der Schweiz unter Alzheimer oder verwandten Krankheiten. Das Symptom der Orientierungslosigkeit mit dem dazugehörenden Umherirren führt leider oft dazu, dass diese Patienten in einem beschränkten Raum eingesperrt werden müssen. Im Spital oder in Einheiten, die schwere Fälle betreuen, können sie selbst das eigene Zimmer nur in Begleitung von Pflegern betreten. Man muss sich einmal vorstellen, was passieren kann, wenn eine Person, die davon überzeugt ist, sich im eigenen Zimmer zu befinden, nicht versteht, wieso ihre Kleider nicht im Schrank sind oder wenn sie ihre Pflegeeinheit einfach verlässt.... In dieser Art Pflegeeinheit bestimmt im Allgemeinen der Zustand der am schwersten erkrankten Patienten die Zugänglichkeit der Räume. Idealerweise sollte die Zugänglichkeit individuell abgestimmt werden, je nach Fähigkeit der einzelnen Patienten, sich an bestimmten Orten zu orientieren. Dr. James Renard, Chefarzt der gerontopsychiatrischen Klinik CPG und Herr Gilbert Fallet, Oberpfleger, beschreiben den Zustand der einzelnen Patienten und die entsprechenden Folgen für sie selbst, ihre Familien oder das Pflegepersonal des Spitals im Detail . 3. Technische Lösungen Seit 1992 verfügte die FST über eine für Alters- und Pflegeheime entwickelte Technologie, die dazu beitragen sollte, die „dement gewordenen“ Insassen gegebenenfalls in ihrem normalen Umfeld belassen zu können, ohne dass sie notwendigerweise in eine spezialisierte, meist „geschlossene“ Pflegeeinrichtung eingewiesen werden mussten. Gegenwärtig sind über hundert Pflegeheime in der Schweiz mit diesem Quo Vadis I („eins“) genannten System ausgerüstet. Einfach ausgedrückt signalisiert Quo Vadis I, an welcher Stelle eine bestimmte Person eine gesicherte Zone verlässt. Quo Vadis I kann aus folgenden Gründen den Ansprüchen an ein System in Spitalumgebung nicht gerecht werden: • Das System muss eine Person vor einer Türe identifizieren können, um deren Öffnung zuzulassen oder nicht. Dies erfordert eine Präzision von ungefähr dreissig Zentimetern ; Quo Vadis I ist nicht präzise genug. • Festlegung eines individuellen Zutrittsplanes, dessen verschiedene Varianten von mehreren Faktoren abhängen (der Patient ist allein oder in Begleitung – eines Mitglieds des Pflegepersonals oder eines Verwandten – wo befindet er sich und wieviel Uhr ist es). • Die Vorrichtung soll stark interaktiv sein und es ermöglichen, verschiedene Funktionen eines oder mehrerer Aufzüge, kommunizierender Türen oder Zimmertüren auszulösen. • Das System muss über zehn Kartenträger orten und gleichzeitig hunderte von Ereignissen lesen und verarbeiten können, die sich zwischen dem Zimmer des Patienten und mehreren Hektaren beispielsweise eines Spitalareals zutragen können. • Das System sollte in der Lage sein, Millionen von Ereignissen im Zusammenhang mit den Bewegungen oder den versuchten Handlungen von Patienten zu verwalten und zu speichern, sobald eine objektive und genaue Erfassung gewisser Verhaltensmuster ausschlaggebend wird (beispielsweise um sicher zu sein, dass ein Patient sein Zimmer nicht mehr verwechselt, was die Rückkehr in ein „offenes“ Pflegeheim erlauben würde). Quo Vadis II, die zweite Variante des Quo Vadis Systems, kann die Träger von Karten (Grösse einer Kreditkarte mit einer Dicke von 3mm) mit Hilfe von Hochfrequenz- Radioanlagen, die an den „entscheidenden“ Orten installiert sind, identifizieren und orten. Im Spital von Perreux werden so 38 Türen (Zimmer, Gänge, Treppen oder Aufzüge) „überwacht“, ganz abgesehen von den Zonen ausserhalb der Abteilungen, die auch erfasst werden. Rund zwanzig kleine Computer, die vernetzt sind, übernehmen so die Organisation: • der Übermittlung von Alarmen, wenn nicht berechtigte Patienten trotz allem gefährliche Zonen erreichen.... • der Verwaltung der für jeden Patienten individuell programmierbaren « Freiheitsprogramme ».... • der sofortigen Anpassung eines « Tag und Nacht » Programms... • eines « Feuer »-Notfallprogramms in Sekundenschnelle ; • der ständigen Kontrolle des Systems und gegebenenfalls der Anzeige von Fehlern.... • so oft wie nötig der direkten Programmierung durch das Personal des Freiheitsgrades der einzelnen Patienten, zum Beispiel in Abhängigkeit von ihrem Gesundheitszustand.... • des automatischen « Löschens » von Quo Vadis II, wenn der Patient die Karte verliert oder diese nicht gelesen wird. Der Patient befindet sich dann in der gleichen Lage wie in einem Spital, das nicht mit Quo Vadis II ausgerüstet ist. • Dabei wird sichergestellt, dass der « Mensch » mit einem Passepartout-Schlüssel das System jederzeit beherrscht. Quo Vadis II ersetzt das Pflegeteam nicht, entscheidet nichts und beschränkt sich darauf, eine Stütze für das Team zu sein, das die Verantwortung für die Betreuung der Patienten trägt. Die FST hat das Konzept des Systems erarbeitet und dieses auch realisiert. Dank der anfänglichen Zusammenarbeit mit der Ingenieurschule von Le Locle (HES-SO), konnten wir aber die Elemente des Kommunikationsnetzes aussuchen, ohne diese von A bis Z selbst entwickeln zu müssen. Unser System hatte so „seine Schienen“ gefunden. Intern wurde Dr. Jean-Claude Gabus mit der Konzipierung und der Verantwortung für das Projekt betraut. Die rein technische Entwicklung von Hardware und Software, die Installierung und Inbetriebnahme sind das Werk von Herrn Yves Muehlebach. Die enge Zusammenarbeit mit dem Team der gerontopsychiatrischen Klinik CPG (Dr. Renard, sein Oberpfleger Herr Fallet und ihre Mitarbeiter) war für die Erreichung unserer Zielsetzungen ganz entscheidend. Um nur ein Beispiel zu nennen, brauchten wir vier Monate harter Arbeit mit einer wöchentlichen gemeinsamen Sitzung mit der gerontopsychiatrischen Klinik, um eine Liste der Anforderungen, die von uns „Wahrheitstabellen“ genannt wurden, zu erstellen. Dabei kamen nicht weniger als 40 Seiten zustande, die – so hoffen wir zumindest – alle wichtigen Situationen (mehrere Tausend) enthalten, die das System bewältigen kann, zum Beispiel nach: • Freiheitsgrad • überwachtem Ort • Wer ist mit wem • Tageszeit • etc… Auf unserem Website www.fst.ch finden Sie eine interaktive multimediale Präsentation (französisch oder deutsch), mit der Sie einen „virtuellen Spaziergang“ im Projekt machen können (diese Präsentation wurde im Juni 2001 vom Bund im Rahmen des Projekts „Science et Cité“ finanziert). 4. Ergebnisse Teile des Projektes waren im Mai 2000 zum Einsatz bereit, andere im Oktober des selben Jahres. Der Verkehr zwischen verschiedenen Stockwerken funktioniert erst seit etwas über sechs Monaten. Die Einweihung findet also nach mehreren Monaten der Benutzung statt. Die Entwicklung und Installation dauerte von 1998 bis März 2002. Wir hatten alle genügend Zeit, um gut zu arbeiten und uns mit dem System vertraut zu machen und zwar sowohl seitens des Pflegepersonals als auch der Patienten und Familien (unseres Erachtens war es ganz entscheidend, über das Privileg von genügend Zeit zu verfügen). Von Seite 8 bis Seite 15 dieser Unterlagen finden Sie die ersten Ergebnisse aus der Sicht mehrerer Mitglieder des Pflegeteams, einer Ergotherapeutin und der Familien. Aufgrund dieser Bewertung ergeben sich folgende Punkte: • Schnellere Anpassungsfähigkeit eines Patienten an die Spitalumgebung, wodurch sich das Zusatzrisiko einer Depression oder einer Dekompensierung als Folge des Spitaleintritts verringert. • Grössere Zufriedenheit der Patienten selbst und eine entspanntere Atmosphäre in ihren Beziehungen zu Personal und Familien. • Einfachere Überwachung durch das Personal der Öffnung und Schliessung der Türen. • Andererseits müssen die Folgen einer grösseren Freiheit der Patienten akzeptiert werden (man weiss nicht mehr so leicht, wo sie sich befinden....). • Für die Familien ist es unkomplizierter oder gar ein Ansporn, ihre Patienten schneller und häufiger zu besuchen.... 5. Perspektiven Es gibt zum gegenwärtigen Zeitpunkt zwar mit Quo Vadis I vergleichbare Systeme. Quo Vadis II ist aber unseren Wissens eine Weltneuheit. Wenige Spitäler wissen von einer derartigen Vorrichtung, ganz zu schweigen von den Vorteilen. Nach entsprechender Abklärung kann Quo Vadis II in jedem ähnlich gearteten Spital eingerichtet werden. Die erste derartige Installation für 38 Türen und 15 Hektaren hat Kosten von rund Fr. 730'000.– verursacht. Heute (nach Abschreibung der Entwicklungskosten) könnte dieselbe Einrichtung weniger als die Hälfte kosten. Es steht der FST nicht zu, die Sachdienlichkeit dieses Instrumentes bei der Betreuung bestimmter Patienten zu beurteilen. Dies ist allein Sache von Ärzten, Pflegepersonal und Patientenvertretern. Gegebenenfalls steht die FST zur ihrer Verfügung. Die Perspektiven, die die statistische Erfassung gewisser Verhaltensmuster der Patienten eröffnen, könnten für die Forschung eines Tages unerlässlich werden. Wir schliessen nicht aus, dass dieser Aspekt allein Anlass für ein neues Projekt werden könnte. Die Zukunft wird es zeigen! Auf den Seiten 16 und 17 äussert sich Dr. Dietschy zum Thema und zeigt uns auch seine Zukunftsvision im Zusammenhang mit diesem Projekt auf. 6. Ethische Aspekte Ein derartiges Projekt muss zwangsläufig ethische Erwägungen beinhalten. In Zusammenarbeit mit der gerontopsychiatrischen Klinik CPG und der Schweizerischen Alzheimervereinigung wurde eine Charta ausgearbeitet: Die elektronische Überwachung umherirrender Personen.... 1. soll dazu beitragen, dass die umherirrende Person in ihrer vertrauten Umgebung bleibt. 2. soll die Freiheit der Person erhalten oder erhöhen. 3. soll die Beziehung zwischen der umherirrenden Person und ihrer Umgebung verbessern oder erhalten. 4. muss von der Person selbst und ihrer Umgebung akzeptiert werden. Diese Entscheidung kann widerrufen werden. 5. muss die Würde der Person respektieren. 7. Dank 1997 betrug der Kostenvoranschlag für das Projekt Fr. 670'000.—(ohne Berücksichtigung der von der Ingenieurschule durchgeführten Arbeiten im Betrag von Fr. 60'000.--, die von der SOVAR Stiftung übernommen wurden). Bis jetzt belaufen sich die Kosten für die von der FST durchgeführten Arbeiten auf rund Fr. 730'000.– unter Berücksichtigung der statistischen Erfassung der Ereignisse, die ursprünglich nicht vorgesehen war. Die erforderlichen Mittel konnten aufgebracht werden dank der Unterstützung von : • Bund (Revitalisierungsprogramme) : Fr. 55'000.— • Kanton Neuenburg : Fr. 200'000.— • Junod Fonds (Genf) Fr. 250'000.— • Gabus Fonds (La Chaux-de-Fonds) Fr. 170'000.— • Gegenwärtig noch offener Saldo Fr. 55'000.— Die FST dankt diesen Spendern ganz herzlich. Mit ihrer grosszügigen Unterstützung haben sie die Finanzierung dieses Projektes ermöglicht. Sie dankt auch dem Team von Perreux für seinen Mut und das Vertrauen, das es unserer kleinen Equipe entgegengebracht hat. Wir möchten abschliessend in Erinnerung rufen, dass derartige Projekte nur dann erfolgreich sind, wenn die Beteiligten die drei folgenden Parameter harmonisch miteinander verbinden: HighTech, Ethik… und Fingerspitzengefühl ! Neuenburg, 7. und 8. März 2002 Problembeschreibung Dr James Renard, Chefarzt Gerontopsychiatrische Klinik Psychiatrisches Kantonsspital Perreux (NE) Klinische u nd e pidemiologische D aten ü ber D emenz b ei A lzheimer u nd v erwandten E rkrankungen. Die Alzheimer Krankheit in ihrer einfachen Form oder begleitet von Gefässerkrankungen macht etwa zwei Drittel der Demenzfälle aus. Andere, weniger häufige Krankheiten führen auch zu Demenz. Sie werden mit folgenden Begriffen bezeichnet: Lewy-Körperchen-Demenz, fronto-temporale Demenzen, vaskulär bedingte Demenzen und andere mehr. Wir wollen hier nicht nach Instrumenten zur Unterscheidung der einzelnen Krankheiten suchen, sondern hervorheben, dass die Verhaltensstörungen, zum Beispiel das Umherirren, bei allen Formen der Demenz vorkommen können. Deshalb kommt die heute besprochene Technologie auch Patienten zugute, die nicht an Alzheimer leiden. Eine Demenz kann als irreversible, zerstörerische, im allgemeinen chronische oder fortschreitende Krankheit des Gehirns definiert werden. Die Folgen sind eine Beeinträchtigung der höheren Gehirnfunktionen wie Gedächtnis, abstraktes Denken, Orientierung, Verständnis, Rechnen, Lernvermögen, Urteilsvermögen und logisches Denken. Dadurch entstehen Schwierigkeiten in der Organisation und der Durchführung der Aktivitäten des täglichen Lebens und des Berufs. Diese für Ärzte brauchbare Definition ist aber für die Organisation der Therapie nicht sehr nützlich. Diese beruht auf den Folgen der oben beschriebenen Schwierigkeiten: zeitliche und örtliche Orientierungsschwierigkeiten, Bedarf an Hilfe für Tätigkeiten des täglichen Lebens (was eine Behinderung oder einen sozialen Nachteil definiert), oft eine Einschränkung des Entscheidungsvermögens und vor allem Verhaltensstörungen. Genau diese Schwierigkeiten führen zu einem hohen Pflegebedarf. Alzheimer und verwandte Krankheiten betreffen eine grosse Anzahl betagter Menschen. In der Schweiz geht man gegenwärtig von 80'000 Betroffenen aus. Angehörige wie Ehegatten, Familienmitglieder und Nachbarn sind ab Beginn der Krankheit von den Schwierigkeiten des Kranken betroffen. Früherkennung und Frühdiagnose, Vorbedingungen für eine Therapie, haben in den vergangenen Jahre entscheidende Fortschritte verzeichnet. Die praktischen Ärzte engagieren sich stärker, und die Fortschritte bezüglich Koordination mit den Spezialisten (Geriatern, Neurologen, Gerontopsychiater) sind klar erkennbar. Für Alzheimer und einige andere Formen der Demenz spezifische medikamentöse Therapien (Aricept, Exelon und Reminyl in der Ordnung ihrer Zulassung in der Schweiz aufgeführt) haben ebenfalls dazu beigetragen, den therapeutischen Nihilismus, der in der Behandlung der Kranken oft herrschte, zu überwinden. Die P hänomene d es U mherirrens u nd u nstrukturierten U mherwandelns in d er T herapie v on Kranken m it A lzheimer D emenz. Die Alzheimer Krankheit und die verwandten Krankheiten gleichen sich nicht. Damit möchte ich sagen, dass jedes Mal eine andere Person, ein anderes Individuum von der Krankheit befallen wird, und das Erscheinungsbild der Krankheit äusserst unterschiedlich ist. Wenn Patienten und Familien von ihren Schwierigkeiten erzählen, wird man sich der grossen individuellen Unterschiede bewusst. Aber trotz all dieser Unterschiede können wir Ähnlichkeiten und Analogien hervorheben. Wenn die Unterbringung zu den Pflegeaufgaben einer Einrichtung gehört, kommt es oft vor, dass demente Kranke desorientiert sind (räumlich, zeitlich und situationsbezogen), dass sie unstrukturiert umherwandeln, umherirren und flüchten. Die wichtigsten Ereignisse im Zusammenhang mit dem Umherirren, die die technische Vorrichtung Quo Vadis bewältigen kann: • Der Patient ist sich nicht bewusst, dass er sich im Spital oder in einem Heim befindet und will die Einrichtung verlassen. Da er desorientiert ist, wird er sich verlieren, wenn es ihm gelingt nach Aussen zu gelangen. Er bringt sich selbst und vielleicht auch andere in Gefahr, beispielsweise beim Überqueren der Strasse. • Der Patient hat das ganz natürliche Bedürfnis zu gehen. Dieses Umhergehen muss in einer gesicherten Umgebung stattfinden. Es muss vermieden werden, dass der Patient unüberwacht das Spital oder Heim verlässt. • Der desorientierte Patient hat Schwierigkeiten, sein Zimmer zu finden, obwohl sein Name an der Türe steht. Aus Versehen wird er das Zimmer eines anderen Patienten betreten, sich in sein Bett legen, alles in Unordnung bringen, da er seine eigenen Sachen sucht und sie nicht findet. • Durch die Desorientierung ist der Patient in der Möglichkeit, sein eigenes Zimmer zu benützen, beeinträchtigt. Die Ergebnisse von Quo Vadis II werden Ihnen in den folgenden Präsentationen vorgestellt. Perreux, 7. März 2002 Quo’Vaktivitäten Der Einfluss des elektronischen Kontrollsystems « Quo Vadis II » auf die Aktivitäten des täglichen Lebens von dementen Patienten in einer geschlossenen Pflegeeinheit Isabel Margot, Spezialisierte Ergotherapeutin Gerontopsychiatrische Klinik Perreux (NE) Bemerkung : Diese Forschungsarbeit ist nicht abgeschlossen. Die Ergebnisse können durch neue Daten noch Änderungen erfahren und müssen deshalb mit der nötigen Vorsicht gelesen werden. Einführung Betagte Menschen, die an Demenz leiden, verlieren wegen der Verringerung der kognitiven Funktionen zusehends jegliche Autonomie bei den Verrichtungen des täglichen Lebens. Die Ergotherapie zielt bei solchen Patienten darauf ab, sie in die Lage zu versetzen, an Aktivitäten teilzunehmen, um ihre Fähigkeiten, ihre Identität und die Verbindung zur Realität zu bewahren. Ein elektronisches Überwachungssystem der Eingänge wie Quo Vadis II verändert den Lebensraum der im Pavillon „Jardin des Ormes“ der gerontopsychiatrischen Klinik im psychiatrischen Kantonsspital Perreux hospitalisierten Patienten ganz entscheidend. Da Quo Vadis II ein innovatives System ist, gibt es wenig Fachliteratur zum Thema. Es ist deshalb wichtig, seinen Einfluss auf die Aktivitäten der hospitalisierten, betagten Menschen zu evaluieren. Methodologie Um besser zu verstehen, was betagte Menschen, die an Demenz leiden, erleben, habe ich eine qualitative Methodologie mit ethnografischem Ansatz gewählt. Das Einholen der Daten erfolgt mit Hilfe von teilnehmender Beobachtung, Aufzeichnungen aus der Praxis, Interviews des Pflegepersonals, Fotografien und Artefakten. Die Datenanalyse stützt sich auf eine Methode des Vergleichs der verschiedenen Informationsquellen. Vorläufige Ergebnisse Die ersten Ergebnisse zeigen bereits erhebliche Vorteile für die Patienten : einerseits sehen wir eine gestärkte Identität, die durch die Kontrolle des « Territoriums » begünstigt wird, vor allem durch den geschützten Zugang zu einem privaten Raum, d.h. dem Zimmer. Andererseits scheint die Anpassungszeit zwischen dem Eintreffen in der Pflegeeinheit – immer ein traumatisierendes Ereignis – und dem Festlegen erster räumlicher Anhaltspunkte dank dem System, das das Erlernen der Wege erleichtert, verkürzt. Andererseits zeigt sich ein Mangel punkto Zuverlässigkeit des elektronischen Systems. Die Art von Patienten, die dieses System benutzen, bedürfen einer nicht intentionale Validierung. Obige Vorteile sind proportional zum Erfolg der von der hospitalisierten Person unternommenen Tätigkeit (Zimmertüre öffnen, durch die Gänge gehen, Zimmer aufräumen, u.s.w.) Darüber hinaus haben demente Menschen die Tendenz, ihre Karte zu vergessen, zu verlieren oder wegzuwerfen, wodurch sie das System nicht mehr benutzen können. Diskussion Da die Studie noch nicht abgeschlossen ist, ist es noch schwierig, über die Ergebnisse zu diskutieren. Einige ethische Aspekte müssen aber erwähnt werden, wie die aufgeklärte Zustimmung von Patienten und Personal, die Tatsache, dass diese Studie an meinem Arbeitsort durchgeführt wird oder die Vertraulichkeit der persönlichen Daten der Teilnehmer. Einige Punkte im Zusammenhang mit dem methodologischen Vorgehen wie die einer qualitativen Methodologie inhärente Subjektivität (Zuverlässigkeit und Gültigkeit der Ergebnisse), die Tatsache, dass ich Patienten und Personal vor Beginn der Studie schon kenne, oder die Koordinierung mehrerer Informationsquellen können Anlass zu Diskussionen geben. Schlussfolgerungen Die gewonnenen Ergebnisse über die Zuverlässigkeit des Systems müssen koordiniert werden, um Lösungen zu finden und es zu verbessern. Es wäre interessant, eine Folgeuntersuchung in einem längeren Zeitrahmen durchzuführen und eine mit dem System ausgerüstete Einheit mit einer nicht ausgerüsteten Einheit zu vergleichen. So könnte einerseits die Konstanz der Ergebnisse überprüft werden und andererseits könnten wir den Nutzen für demente Patienten noch erhöhen. Unterstützung Diese Forschungsarbeit wird im Rahmen des europäischen Ergotherapie-Master-Programms unter Aufsicht des Karolinska Instiutet der Universität Stockholm in Schweden durchgeführt. Dieses Vorgehen wurde durch die Beratung von Dr. Renard, Chefarzt der gerontopsychiatrischen Klinik und die finanzielle Unterstützung des psychiatrischen Kantonsspitals in Perreux ermöglicht. Ich danke auch Herrn Jean-Claude Gabus und der FST für ihre Unterstützung, ihre Ermutigung und die Erlaubnis, ihre Veröffentlichungen und relevanten technischen Daten benutzen zu dürfen. Perreux, 7. März 2002 Ergebnisse Frau Christelle Pergod, Oberkrankenpflegerin des Pavillons Frau Nancy Draulans, Vizeoberkrankenpflegerin des Pavillons Herr Gilbert Fallet, Oberkrankenpfleger Gerontopsychiatrische Klinik Psychiatrisches Kantonsspital 2017 Perreux Anhand von 6 konkreten Situationen werden wir Ihnen die Anwendung des Quo Vadis II Systems erklären : Einige dieser Situationen erhöhen das Wohlbefinden und die Therapiequalität, andere haben den Vorteil, zu Überlegungen und vermehrter Forschung anzuregen, die täglichen Vorgehen in Frage zu stellen. Situation Nr. 1 Der beobachtete Patient ist 74 Jahre alt und leidet an Lewy-Körperchen-Demenz mit Phasen der Verwirrung, die das Fluchtrisiko erhöhen. Er bewegt sich unabhängig in seinem Rollstuhl und hat Zugang zu seinem Zimmer und zu den Gemeinschaftsräumen: Essraum, Gänge, Gemeinschaftsräume und Therapiegarten. Mehrmals täglich begibt er sich in sein Zimmer, um fernzusehen, Radio zu hören, seine persönlichen Dinge zu erledigen, einen Keks zu essen.... Seit er die Quo Vadis II Chipkarte trägt, kann er sich so oft er will völlig autonom und frei in sein Zimmer begeben. Zuvor musste er sich an das Pflegepersonal wenden, damit man ihm seine Türe öffnete. Manchmal musste er auch warten.... Wegen seiner Pathologie ist er manchmal verwirrt und versucht, das Gebäude zu verlassen. Dann befindet er sich sehr schnell im Lift, der das Stockwerk aber nicht verlässt. Unverzüglich wird das Personal durch das System über die Lage informiert. Schlussfolgerung : In diesem Fall zeigt sich die Nützlichkeit des Systems. Situation Nr. 2 Eine 85-jährige Patientin mit Alzheimer-Demenz leidet unter starken Gedächtnisstörungen. Sie bewegt sich autonom und hat Zugang zu ihrem Zimmer und den Gemeinschaftsräumen. Mit der Quo Vadis II Chipkarte kann sie frei kommen und gehen. Da sie die Karte aber nicht auf sich tragen will, verstaut sie sie in ihrer Handtasche und vergisst diese manchmal auf einem Tisch. Dann wird sie vom Pflegepersonal abhängig, um in ihr Zimmer zu gehen. Ausserdem vergisst sie wegen ihrer Krankheit trotz Erklärungen fortwährend wie die Chipkarte funktioniert und sucht immer den Schlüssel, um ihre Zimmertür zu öffnen. Schlussfolgerung : In diesem Fall stösst das System aufgrund der Pathologie des Patienten und nicht wegen der benützten Technologie an seine Grenzen. Situation Nr. 3 Ein 86-jähriger Patient mit einer schweren Depression wurde wegen Selbstmordrisiko in die Einheit des Jardin des Ormes aufgenommen. Er ist bezüglich Bewegung und seinen alltäglichen Tätigkeiten autonom. Zu Beginn seines Aufenthalts hatte er Zugang zu seinem Zimmer und den Gemeinschaftsräumen. Da sich sein Zustand im Laufe der Zeit verbesserte, wurde seine Chipkarte neu programmiert. Zunächst erhielt er auch Zugang zu den Räumen für Musiktherapie und Ergotherapie im unteren Stockwerk, später zu allen zu Perreux gehörenden Anlagen. Er konnte dann im Garten spazierengehen und sich allein zu seinen Terminen und Aktivitäten begeben. Schlussfolgerung : Elastizität eines Systems, das im Laufe eines Aufenthalts oder je nach Entwicklung einer Pathologie ohne logistische Veränderungen angepasst werden kann. Das System kann in beide Richtungen angepasst werden: Einschränkung oder Erweiterung der Zugänge. Situation Nr. 4 Eine 75-jährige Patientin in einem fortgeschrittenen Stadium der Alzheimer-Demenz wandert den ganzen Tag ziellos umher. Sie wurde von einem Heim eingewiesen, da sie sich ständig in fremde Zimmer begab und so Konflikte mit den anderen Heiminsassen provozierte. Diese Situation rief bei der Patientin selbst Angstzustände und Aufregung hervor. Dank der Chipkarte kann sie ruhig zwischen ihrem Zimmer und den Gemeinschaftsräumen umherwandern, ohne Zutritt zu den Zimmern der anderen Patienten zu haben. Nachdem sie nicht mehr dauernd in Konflikte verwickelt ist, ist diese Patientin viel zufriedener. Schlussfolgerung : Mit Hilfe dieses Systems konnte dieser Patientin Bewegungsfreiheit eingeräumt werden, ohne sie selbst oder andere Patienten einzuschränken. Versuch e iner Z usammenfassung Die Installation dieses System in der Einheit des « Jardin des Ormes » hatte zum Ziel, den Patienten gleichzeitig Bewegungsfreiheit und Sicherheit zu geben.... Die vier dargestellten Fälle entsprechen im Grossen und Ganzen den verschiedenen Situationen und Pathologien, die wir in unserer Einheit antreffen. Die Installation von Quo Vadis II erlaubte es, unser Ziel zu erreichen und es gar noch zu übertreffen. Jeder Patient erhielt wieder ein Stück Bewegungsfreiheit in einem kollektiven Rahmen. Das System hat das Pflegepersonal auch von einer grossen Last befreit : das Öffnen und Schliessen der Türen mit einem Schlüssel. Das Personal ist jetzt vermehrt in der Lage, seine täglichen Aufgaben zu erfüllen. Im Moment stösst das System dann an seine Grenzen, wenn ein Patient wegen seiner Pathologie seine Chipkarte nicht auf sich trägt. Welche Möglichkeiten gibt es, damit auch diese Patienten von diesem System profitieren können? Situation Nr. 5 Vor der Installation von Quo Vadis II begleitete das Pflegepersonal Besucher, wenn diese das Stockwerk verliessen, handelt es sich doch um eine geschlossene Abteilung. Die Installation des Systems ermöglichte den Besuchern eine höhere Unabhängigkeit. Dies galt auch für die Patienten, wenn sie den Pavillon in Begleitung ihrer Angehörigen verliessen. Andererseits führte diese Sachlage dazu, dass das Pflegeteam nicht mehr über gleich viel Informationen über die Bewegungen auf dem Stockwerk verfügte. Der Sinn einer geschlossenen Abteilung ist ja, dass die Patienten das Stockwerk ohne Erlaubnis des Personals nicht verlassen können. Dies aus Gründen der Sicherheit im Zusammenhang mit den Risiken, die Patienten mit schweren Orientierungsproblemen (Risiken sich zu verlieren) oder Stimmungsstörungen (Patienten mit Depressionen können einem hohen Selbstmordrisiko unterliegen) aufweisen. Wenn wir einem Angehörigen eines Patienten eine « Besucherkarte » geben, informieren wir ihn über die Möglichkeit, die Abteilung mit dem Patienten zu verlassen. Wir verlangen aber auch, darüber informiert zu werden. Es ist ein paar Mal vorgekommen, dass wir nicht darüber informiert wurden, dass ein Patient die Abteilung mit einem Besucher verlassen hat. Dies bringt uns in grosse Verlegenheit, da wir feststellen, dass ein Patient abwesend ist und dabei nicht wissen, wo er sich befindet. Dies passiert im Allgemeinen, wenn sich wenige Pfleger in der Abteilung befinden. Manchmal sagen uns die anderen Patienten, dass sie gesehen haben, dass X mit seinen Besuchern hinausgegangen ist. Gelegentlich weiss aber niemand etwas, und dann kommt es zu Komplikationen. Man kann natürlich davon ausgehen, dass der Patient sich tatsächlich in Begleitung eines Besuchers befindet. Aber wir können das Risiko nicht auf uns nehmen, keine Nachforschungen anzustellen. Wir suchen dann in jedem einzelnen Zimmer der Abteilung, danach auf allen Stockwerken, rund um den Pavillon, in der Cafeteria, dann fährt ein Pfleger mit dem Auto um das Spital, u.s.w..... bis dann der Patient seelenruhig mit seinem Besucher, der sich natürlich dafür entschuldigt, uns nicht benachrichtigt zu haben, in der Abteilung erscheint.... Genau so ist es vorgekommen, dass ein Besucher den Patienten ausserhalb der Einheit verlässt, z.B. in der Cafeteria, und dem Patienten gute Rückkehr in die Einheit wünscht... Dies ist die Art der kleineren Zwischenfälle, die seit der Installation des Systems Quo Vadis häufiger vorkommen. Versuch e iner Z usammenfassung Das nicht Auffinden eines Patienten ist eine der schlimmsten Stresssituationen für das Pflegepersonal in der Gerontopsychiatrie. Alle Hebel werden an allen einschlägigen Orten in Bewegung gesetzt, um ihn wieder zu finden. Quo Vadis II sollte uns beim Suchen unterstützen. In einem solchen Fall wird es möglich sein, durch Abfragen der Datenbank über die registrierten Durchgänge, die Ausgänge und die Begleitung des Patienten Informationen zu erhalten. Bis jetzt nutzen wir die technologischen Vorteile von Quo Vadis II noch nicht vollumfänglich aus. Wir müssen lernen, dieses Hilfsmittel in Fällen, wo jede Minute zählt, noch besser einzusetzen. Situation Nr. 6 Das System Quo Vadis II ist vor allem nützlich, um das Umherirren und die unerwünschten Auswirkungen in den Griff zu bekommen. Bei Systeminstallation wurde eine Badezimmertür mit Quo Vadis II ausgerüstet. Wir wollten nicht einfach noch ein bisschen Geld ausgeben, sondern hatten eine therapeutische Absicht. Bei der Renovierung des Gebäudes von „Ormes“ konnte nicht in allen Zimmern ein Bad eingebaut werden. Wir waren gezwungen, für vier Zimmer ein kollektives Badezimmer einzurichten. Die Quo Vadis II Technologie erlaubte uns eine noch effizientere Überwachung des Zugangs zu diesem Badezimmer im Verhältnis zum Kommen und Gehen der Patienten im Gang. Nach mehreren Monaten der erfolgreichen Anwendung wurde ein neuer Bedarf festgestellt: alle Badezimmer und die Spülen sollten mit dem System ausgerüstet werden. Das Reinigungs- und das Pflegepersonal haben die ergonomischen Vorteile von Öffnungen ohne Schlüssel wieder entdeckt und sehen vielleicht sogar bakteriologische Vorteile durch diese Technologie. In den fraglichen Räumen, d.h. Badezimmer und Spülen, ist es nicht immer angenehm, mit Schlössern versehene Griffe benützen zu müssen. An einem Tag im Zeichen der Innovation schien es uns interessant, uns auch über dieses Thema Gedanken zu machen. Perreux, 7. März 2002 Wie das Problem erlebt wird Herr Gilbert Fallet, Oberpfleger Gerontopsychiatrische Klinik Psychiatrisches Kantonsspital 2017 Perreux Einführung Schon immer waren das Umherirren, das ziellose Umherwandeln und die Flucht ein Problem für Pfleger und Pflegerinnen und alle anderen Fachkräfte des Gesundheitswesen genau wie für die Angehörigen. Heute gehen wir aufgrund von Mode und Veränderungen nicht mehr von Problemen aus sondern von Phänomenen und Diagnosen. Wer aber von Phänomenen und Diagnosen spricht, spricht auch von Äusserungen. Diese Äusserungen sind der Ausgangspunkt des Pflegepersonals für die Therapie des Patienten. Zunächst wird er gesamthaft und spezifisch beobachtet. Danach versucht man, ihn mit Hilfe der Reflexion zu verstehen, um schliesslich spezifische therapeutische Massnahmen zu treffen. Historisch gesehen werden die ersten Konzeptualisierungen der therapeutischen Massnahmen für Patienten, die umherirren, ziellos umherwandeln und fliehen, einem Meister seines Fachs, dem Krankenpfleger Kabba, zugeschrieben. Was war denn so revolutionär an seinem Vorgehen. Zur gleichen Zeit entdeckte seine Kollegin, die Pflegerin Yale, genau dasselbe: den Schlüssel! Seit jenem Tag wurde jeder Pfleger, der desorientierte Patienten zu betreuen hatte, von diesem Stück Metall begleitet. Alles mit zwei Umdrehungen eines Schlüssel zu verschliessen, war und ist an vielen Orten die Antwort auf die Äusserung, das Phänomen des Umherirrens – ein Schlüssel zur Lösung des Problems für Krankenpfleger und –pflegerinnen. Bevor wir Ihnen die Praxis von Quo Vadis II vorstellen, scheint es uns wichtig, kurz die Schwierigkeiten, die bei der Pflege von umherirrenden Patienten auftreten, aufzuzeigen und darzulegen, welche Lösungen bis jetzt vorliegen. Wir schlagen deshalb einen Ansatz der Beobachtung und Analyse des Vorgehens des Pflegepersonals als Reaktion auf die gefundenen Probleme vor. Hier eine kurze Übersicht über die Darstellung: • Zunächst beschäftigen wir uns mit den Äusserungen des Umherirrens im Zusammenhang mit der Pflegeeinheit. • Danach werden wir über die Folgen dieser Äusserungen für den Patienten und die Gruppe nachdenken. • Dann werden wir versuchen, die Fragen und Empfindungen des Pflegepersonals einzugrenzen. • An diesem Punkt können wir die Auswirkungen dieser Verhaltensweisen auf die Umgebung des Patienten, seinen Ehepartner, die Familie und Freunde nicht ausser Acht lassen. • Wir werden eine Liste mit Antworten und Pflegemassnahmen erstellen, die bis gestern, d.h. vor der Installation von Quo Vadis II, angewandt wurden. • Wir werden versuchen, diese Liste kritisch zu beurteilen und die Folgen und Erfordernisse unserer Lösungen zu umreissen. • Zusammenfassend werden wir mit Hilfe einer spezifischen Technik der gezielten Übermittlung und von DAR (Daten-Aktionen-Resultate) ein Modell zur Lösung von Problemen im Zusammenhang mit dem Phänomen des Umherirrens als Ergänzung zu Quo Vadis II vorschlagen. Perreux, 7. März 2002 Bericht eines Ehegatten Perreux = Ein Irrenhaus ! Das war unsere Vorstellung, wenn wir von diesem Ort sprachen. Heute hat Perreux für uns eine ganz andere Bedeutung, ist meine Ehefrau doch seit langer Zeit hier hospitalisiert. Wir haben eine andere Einrichtung entdeckt, die für unsere Kranke zu einem neuen Familienzentrum geworden ist mit kompetentem Personal, das diese Familie mit seinem Know-how und einem offenen Herzen unterstützt, und zwar von den Leitern über das Pflegepersonal bis zu den Hilfskräften. Nach jedem Besuch verlassen wir das Spital mit einem Gefühl der Sicherheit. Wir wissen unsere Kranken in guten Händen, da jeder Kranke hier so wie er ist geachtet und sogar geliebt wird. Für uns bietet sich heute auch die Gelegenheit, allen Beteiligten unseren grossen Dank für alles, was Sie im Hinblick auf das Wohlbefinden jedes Insassen Ihrer Institution leisten, auszusprechen. Perreux ist kein Irrenhaus mehr, sondern ein Spital, wo die menschlichen Werte respektiert werden. Seit ein paar Monaten gibt es in Ormes eine grosse Neuheit. Was wir seit geraumer Zeit ungeduldig erwarteten, ist eingetroffen: ein komplexes Computersystem mit „elektronischen Schlüsseln“, die den glücklichen Besitzern mit Hilfe von Quo Vadis eine grössere Bewegungsfreiheit erlauben. Wir waren glücklich festzustellen, dass unsere Kranken über mehr Autonomie verfügen, dass sie sich relativ unabhängig in ihr Zimmer begeben können, wodurch sie zufriedener und trotzdem unter der Kontrolle des Pflegepersonals sind. Was uns Besucher angeht, wissen wir es sehr zu schätzen, uns nicht mehr an das Personal wenden zu müssen, um ins Zimmer unserer lieben Angehörigen zu gelangen oder um die Einrichtung zu verlassen. Herzlichste Glückwünsche an Herrn Gabus und seine Mitarbeiter zum Gelingen und dem hervorragenden Funktionieren dieses System, das hier weltweit zum ersten Mal zum Einsatz gelangt. Saint-Blaise, März 2002 Bericht einer Ehefrau Persönliche Einschätzung der Benutzung einer elektronischen Schlüsselkarte zum Öffnen der Türen Nachdem ich das System der elektronischen Schlüsselkarten zum Öffnen der Türen durch bestimmte Personen seit einigen Monate benütze, möchte ich kurz meine Meinung darlegen. Mein Mann ist seit zwei Jahren Patient des Pavillon « Ormes ». Seit seiner Aufnahme in die Einrichtung besuche ich ihn täglich, um ihm zu helfen und ihn ein wenig aus der krankheitsbedingten Isolation zu führen. Er hat ein eigenes Zimmer, was ich sehr zu schätzen weiss. Dies bewahrt ihm eine gewisse Intimsphäre, die ich für sehr wichtig halte. Während meiner Besuche kümmere ich mich um ihn, seine Bedürfnisse und seine persönlichen Gegenstände mit dem Ziel, sein Wohlbefinden, sein Aussehen und seine Würde zu fördern. Um ihm eine gewisse Mobilität zu ermöglichen und die langen Tage zu verkürzen, gehe ich mit ihm spazieren, entweder im Innern des Hauses in den Gängen der Einheit oder draussen, wo wir kurze Spaziergänge machen. Ein Mal pro Woche hole ich ihn ab, um einen Tag zu Hause zu verbringen. Angesichts meiner häufigen Besuche bin ich natürlich begeistert über das System der vor ein paar Monaten eingeführten elektronischen Schlüssel. Mit der mir anvertrauten Schlüsselkarte kann ich nunmehr sein Zimmer betreten und den Lift zum Ausgang benutzen, ohne wie zuvor Pfleger der Einrichtung, die mit zahlreichen anderen Aufgaben und Patienten bereits stark beansprucht sind, suchen und stören zu müssen. Das einfache Anheften dieser Schlüsselkarte an ein Kleidungsstück, damit sie mit der elektronischen Zelle der Türe kommunizieren kann, erspart langes Suchen in der Hand- oder in einer Kleidertasche nach einem herkömmlichen Schlüssel, den man gelegentlich nicht benutzen kann, weil man jemanden stützen muss oder etwas zu tragen hat. Man lässt die Schlüsselkarte während der Zeit, die man in der Einrichtung verbringt, einfach angeheftet. Der einzige Nachteil des Systems sind gelegentliche Wartezeiten von ein paar Sekunden, bevor sich eine Türe öffnet. Ich sage dies nicht, weil ich ungeduldig bin, sondern weil während der kurzen Wartezeit vor der Türe manchmal andere Patienten versuchen, sich bei Öffnung durchzuschlängeln und ein Zimmer zu betreten, das sie nicht betreten sollen. Als Benutzerin des Systems bin ich trotzdem begeistert davon. Die Sicherheit ist bei mehr Flexibilität für alle verbessert. Ich nehme an, dass die Programmierung der Karten zahlreiche Varianten gemäss den Bedürfnissen der verschiedenen Benutzer erlaubt, ob es sich nun um Pflegepersonal, Patienten oder wie bei mir um regelmässige Besucher handelt. Ich freue mich also über diese neue Ära der « denkenden Türen », allerdings nur wenn sie nicht träge werden. Marin, 25. Januar 2002 Zukunftsaussichten Dr. Michel Philippe Dietschy, Assistenzarzt Gerontopsychiatrische Klinik Psychiatrisches Kantonsspital Perreux (NE) Quo Vadis II ist ein wesentlicher Beitrag zur modernen, gerontopsychiatrischen Betreuung in spezialisierten Spitälern. Das System richtet sich an betagte Erwachsene, die an neuropsychiatrischen Krankheiten begleitet von einer Verringerung der kognitiven Funktionen mit unstrukturiertem Umherwandeln und räumlicher Desorientierung leiden. Die Symptome ihrer Krankheit bestehen aus ununterbrochenem Umherirren mit dem Risiko einer nicht willkürlichen Flucht und einer Tendenz, in fremde Zimmer einzudringen, Schränke und Schubladen zu öffnen und Dinge zu verlegen. Dadurch wird die Intimsphäre der anderen Patienten verletzt, was zu bedauerlichen Konflikten führt. In der Folge ist das Pflegepersonal gezwungen, ihre Bewegungsfreiheit und die ihrer Umgebung einzuschränken und alle Türen abzuschliessen. Quo Vadis II ist eine ideale Ergänzung zur Betreuung durch das Pflegepersonal, indem der Zugang zu den Zimmern und das Verlassen der Einheit geregelt wird. Es ist also ein praktisches Instrument, das eine relative Bewegungsfreiheit erlaubt, während die Intimsphäre gewahrt und der Zugang zum eigenen Zimmer jederzeit möglich bleibt. Die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Umgebung wird also verbessert. Dieser eindeutig bewiesene Aspekt wurde an anderer Stelle bereits aufgezeigt. Die Möglichkeiten von Quo Vadis II gehen noch weiter und müssen entdeckt und genutzt werden. Diese Darstellung soll die Zukunftspotenziale dieses Instruments erörtern Wir werden uns insbesondere auf die objektive klinische Bewertung der täglichen Erfahrungen des Pflegepersonals konzentrieren. Zunächst kann nur ein niedriger Prozentsatz (knapp unter einem Drittel) die Chipkarte ständig auf sich tragen. Aufgrund ihrer Gedächtnis- und Verständnisstörungen entfernen, verlegen oder versorgen die übrigen Patienten sie beispielsweise in ihrer Handtasche. Deshalb können sie ihr Zimmer dann nicht mehr betreten, und das unerlaubte Verlassen der Einheit wird nicht mehr bemerkt. Wir brauchen also ein sichereres Verfahren, was das Tragen der Chipkarte angeht. Quo Vadis II ist mit einem Computersystem ausgerüstet, das die Ereignisse in der Umgebung einer spezifischen und entsprechend eingerichteten Türe aufzeichnet (Betreten und Verlassen eines Feldes, Öffnungsversuche, Öffnungen). Diese Daten unterliegen dem Arztgeheimnis und werden ausschliesslich für klinische Zwecke verwendet. Da die Vorrichtung erst vor kurzem installiert wurde, sind die gegenwärtig gelieferten Daten für eine schnelle und aussagekräftige Analyse durch Ärzte, Pflegepersonal und paramedizinisches Personal (Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Sozialhelfer) nicht verwendbar. Wir setzen die fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Entwicklungsteam von Quo Vadis II fort. Nach einer Anpassungsphase werden wir konkrete Vorschläge unterbreiten, und das Team wird versuchen, die Computerprogramme entsprechend anzupassen. Wir können uns folgende potentielle Anwendungen vorstellen. Als Beispiel nehmen wir eine fiktive Patientin, die unserer täglichen Realität aber sehr nahe kommt. Frau Eulalie ist 85 Jahre alt. Sie leidet unter fortgeschrittener Alzheimer-Demenz und ist physisch bei guter Gesundheit. Sie wird eingeliefert, da ihr Mann sie wegen des Risikos des Umherirrens zu Hause nicht mehr überwachen kann. Eine gerontopsychiatrische Behandlung wird festgelegt. Der Pfleger erstellt mit Hilfe eines im Innern der Krankenstation an Quo Vadis II angeschlossenen Computers mit wenigen Eingaben eine Grafik (siehe nachstehende Skizze). Auf der X-Achse wird der Zeitablauf ab Eintrittsdatum eingetragen. Auf der Y-Achse wird die Häufigkeit des Eintretens bestimmter Ereignisse festgehalten (autonomes Betreten des eigenen Zimmers oder in Begleitung eines Pflegers oder Besuchers, Öffnungsversuche nicht erlaubter Türen, Versuche, ohne Erlaubnis den Lift zu benutzen oder die Einheit zu verlassen, Durchschreiten einer Gemeinschaftstüre oder der Türe zum Therapiegarten). Mit Hilfe der Grafik kann der Pfleger die Entwicklung positiver und negativer Auswirkungen der Behandlung im Laufe der Zeit objektiv bewerten, mit dem Ziel, diese anzupassen: die Konsequenzen potentiell traumatischer Ereignisse, die Autonomie im Hinblick auf die Entscheidung über eine Rückkehr nach Hause oder Einweisung in ein Heim, und – falls für ein Heim optiert wird – die Wahl eines dem Grad der Unabhängigkeit entsprechenden Rahmens. Im Moment ist die gerontopsychiatrische Klinik die einzige mit Quo Vadis II ausgerüstete Einrichtung. Die Einweisung in ein Heim, das nicht über das System verfügt, lässt einen Verlust der dank Quo Vadis II errungenen Vorteile befürchten, in deren Genuss die betagten Erwachsenen und ihre Umgebung gekommen waren.
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