Unterstützte Kommunikation: Beratung und Anpassung von Kommunikationshilfen 1. Einleitung Nach zehnjähriger logopädischer Tätigkeit in einer Rehabilitationsklinik und in einem Sprachheilambulatorium habe ich vor bald sechs Jahren begonnen, mich mit dem Thema der Unterstützten Kommunikation auseinanderzusetzen. Im Rahmen meiner jetzigen Anstellung in der FST1 habe ich mich in das Thema eingearbeitet und mich gleichzeitig im technischen Bereich der elektronischen Kommunikationshilfen aus- und weitergebildet. Ziel der FST ist es, die Technik in den Dienst des behinderten Menschen zu stellen. Wir bieten Beratungen und Hilfsmittel in verschiedenen Bereichen an. Meine Aufgabe beschränkt sich nicht auf den Teil "elektronische Hilfsmittel". Zuerst einmal geht es bei einer Beratung jeweils darum, zusammen mit dem Betroffenen selber, dem pädagogisch-therapeutischen Team und den Bezugspersonen nach Kommunikationsmöglichkeiten für den nicht- oder kaum sprechenden Menschen zu suchen, um ein individuelles Kommunikationssystem aufzubauen. Dazu gehört auch, Situationen herauszukristallisieren, wo der Betroffene die Gelegenheit hat, aktiv teilzunehmen und zu kommunizieren. Kommt ein elektronisches Hilfsmittel (mit oder ohne Sprachausgabe) zum Einsatz, s o geht es in der weiterführenden Beratung einerseits um die technische Handhabung des Gerätes, andererseits um dessen Einsatz in der Kommunikation, dies zusammen mit den anderen bestehenden Kommunikationsmodi. Ich werde in meinem Artikel beschreiben, wie wir bei der Abklärung vor dem Einsatz einer Kommunikationshilfe vorgehen und zeigen, dass für eine erfolgreiche Kommunikation die Umgebung der nichtsprechenden Person eine wichtige Rolle spielt. 2. Die Bestandesaufnahme Bei der Bestandesaufnahme geht es darum, die kognitiven, sprachlichen und motorischen Fähigkeiten und Möglichkeiten, sowie die Wahrnehmung des nichtsprechenden Menschen zu überprüfen und aufgrund dieser Überprüfung zu einem Ansatz für den Aufbau eines Kommuikationssystems zu kommen. Zur Bestandesaufnahme gehört auch, im Sinne des Partizipationsmodells (vgl. Beukelman/Mirenda)2, Situationen , in welchen der nichtsprechende Mensch aktiv an der Kommunikation teilhaben kann, sowie die dazugehörenden Kommunikationsbedürfnisse herauszukristallisieren, um ihm die entsprechenden Ausdrucksmöglichkeiten (Vokabular, Stimme usw.) zur Verfügung zu stellen. 2.1. Abklärung bei einem Kind mit einer frühkindlichen oder angeborenen Schädigung Bei der Abklärung, ob und wo mit einem elektronischen Hilfsmittel eingesetzt werden kann, gehe ich grundsätzlich vom Entwicklungsprofil von B.Zollinger3 aus. Im Bereich Auseinandersetzung mit dem Gegenstand schaue ich, was das Kind mit den Gegenständen macht. Biete ich ihm ein elektronisches Spielzeug an, das über einen Taster in Gang gesetzt werden kann, so sehe ich, ob es sich nur für den Schalter interessiert, dessen Oberfläche erkundet, darauf drückt und dem "Klick" zuhört. Oder ich kann beobachten, ob es sich für das Spielzeug interessiert, dem es über den Schalter "befehlen" kann, also Interesse daran hat, in seiner Umwelt etwas zu bewirken. Weiter kann es vielleicht dieser Handlung bereits eine Bedeutung geben und zum Beispiel mit dem Spielzeug-Tier den anderen Kindern der Gruppe "Salü" sagen. Im Bereich der Auseinandersetzung mit dem Du schaue ich, wie das Kind auf seine Bezugspersonen und diese auf es eingehen. Wenn zum Beispiel bei der Abklärung eine enge Bezugsperson dabei ist, welche zwischen dem Kind und den anderen Menschen "dolmetscht", frage ich mich, ob da nicht eine Zwei-Einheit besteht wie bei einem Säugling und seiner Mutter, welche auf alle Äusserungen ihres Kindes sinngebend reagiert. Ich schaue, ob ich mit dem Kind Blickkontakt herstellen kann und weiter, ob es möglich ist, über den Blick unsere Freude über den bellenden Spielzeug-Hund zu teilen. Mich interessiert, wie das Kind "Nein" ausdrückt oder wie es auf sein Spiegelbild reagiert. Auf der sprachlichen Ebene versuche ich herauszufinden, wie weit das Kind in der Entwicklung seines Symbolverständnisses ist. Ich schaue, wie es etwas auswählen kann: anhand von Gegenständen, Fotos oder Piktogrammen? Dabei ist es mir wichtig, das Kind nicht einfach zuordnen zu lassen, zum Beispiel "Zeigst du mir den Ball?". Zuordnung findet nicht auf der symbolischen Ebene statt. - Die Sprache ist immer an jemanden gerichtet. Um zu schauen, ob ein Kind die kommunikative Seite der Sprache bereits entdeckt hat, spreche ich oft auf ein einfaches Gerät "Mami" und beobachte, ob sich das Kind für die Reaktion der Mutter interessiert oder ob es sich nur mit der Funktion des Gerätes auseinandersetzt. Genauso wie die elektronischen Hilfsmittel bei der Abklärung eingesetzt werden können, leisten sie auch wertvolle Dienste in der Förderung und Kommunikationsanbahnung bei diesen Kindern. Oft ist es für sie die einzige Möglichkeit, selber aktiv etwas auszuprobieren. 2.2 Abklärung bei einem Aphasiepatienten (Fallbeispiel) Herr Z. ist 37 Jahre alt, hatte vor neun Jahren einen Unfall und leidet nun an einer schweren Aphasie. Er war bei verschiedenen Therapeuten in logopädischer Theapie. Nach einem Unterbruch hat eine neue Logopädin mit ihm zu arbeiten begonnen. Sie hat sich an uns gewandt, weil sie mit Herrn Z. eine Kommunikationshilfe mit Sprachausgabe ausprobieren wollte. Da Herr Z. nicht schreiben kann, probierten wir ein Gerät aus, auf welchem unter verschiedenen Tasten bestimmte Nachrichten gespeichert werden können. Die Tasten werden mit Bildern belegt, um die entsprechenden Nachrichten zu kennzeichnen. Wir setzten das Gerät in einer Spielsituation (Kartenspiel) ein. Es zeigte sich schnell, dass Herr Z. Schwierigkeiten hat, über die Bilder die Nachrichten situationsgerecht einzusetzen. Darauf beschlossen wir, dass die behandelnde Logopädin den Aachener Aphasietest (AAT) mit Herrn Z. durchführen würde, um eine neue Standortbestimmung zu machen. Die Resultate würden wir mit dem Ansatz von Garrett und Beukelman4 vergleichen, welche die Aphasien nicht in Syndrome, sondern nach dem funktionellen Aspekt der Kommunikation einteilen. Sie unterscheiden: Kommunizierender: Basis-Wahl (basic-choice communicator), Kommunizierender: Kontrollierte Situation (controlled-situation communicator), Kommunizierender: vermehrte Eingabe (comprehensive communicator), Umfassend Kommunizierender (specific-need communicator), Kommunizierender mit speziellen Bedürfnissen (augmented-input communicator). Näher auf diese Einteilung einzugehen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass beim "Kommunizierenden: Basis-Wahl" die Kommunikation stark vom Gesprächspartner strukturiert und getragen wird und der "Kommunizierende mit speziellen Bedürfnissen" am wenigsten Hilfen (durch den Gesprächspartner und/oder Hilfsmittel) benötigt. Die Resultate des AAT zeigten, dass Herr Z. an einer schweren Sprachstörung leidet, welche sich auf allen Ebenen der Sprache äussert. Er hat gute visuelle Fähigkeiten und Lust, zu kommunizieren. Sein Sprachverständnis ist eingeschränkt, aber er kann Wörter und kurze Sätze den entsprechenden Bildern zuordnen. Aufgrund dieser Befunde haben wir Herrn Z. in der Einteilung nach Garrett und Beukelman5 der Kategorie "Kommunizierender: Kontrollierte Situation" zugeordnet und beschlossen, eine Kommunikationshilfe aus Bildern (Piktogrammen/Fotos) zu erstellen und die Familie sowie die anderen Bezugspersonen von Herrn Z. entsprechend zu beraten. Die behandelnde Logopädin ist daran, diese Kommunikationshilfe aufzubauen und hat erste Gespräche mit den Personen der Umgebung geführt. In der Therapie benützt sie die Kommunikationshilfe bereits erfolgreich mit Herrn Z. Ob sie sich im Alltag bewähren wird, hängt stark davon ab, wie die Umgebung damit umgehen wird. 3. Die drei Elemente in der Unterstützten Kommunikation Damit die Kommunikation für einen nicht- oder kaum sprechenden Menschen gelingt, muss er nicht nur seine Kommunikationsmodi und -strategien beherrschen und gezielt einsetzen. Eine genauso wichtige Rolle spielt dabei die Umgebung. Man spricht in diesem Zusammenhang von drei Elementen in der Unterstützten Kommunikation (vgl U.Kristen)6: Nichtsprechende Person - sprechende Person - Kommunikationshilfen. Wir betreuen vor allem Projekte, in welchen eine elektronische Kommunikationshilfe eingesetzt wird. Ich meine aber, dass unsere Erfahrungen in Bezug auf die Voraussetzungen in der Umgebung des Hilfsmittelbenutzers allgemein auf Projekte in der Unterstützten Kommunikation übertragen werden können. Grundvoraussetzungen für einen erfolgreichen Einsatz sind nach unseren Erfahrungen: • Das Gerät muss von allen Bezugspersonen des Benutzers akzeptiert werden. • Vor der Anschaffung eines Gerätes muss ein Projekt definiert und die dafür verantwortliche Person (Projektleiter) bestimmt werden. • Die Einarbeitung des Gerätes verlangt einen therapeutischen Rahmen, wo strukturiert und kontinuierlich daran gearbeitet wird. • Alle Bezugspersonen müssen gemeinsam an diesem Projekt arbeiten, damit der Benutzer seine neue Kommunikationshilfe in möglichst vielen verschiedenen Situationen einsetzen kann (z.B. wenn ein Kind mit seinem Sprachcomputer grüsst, auf diesen Gruss antworten und nicht sagen: "Oh, wie interessant; du hast einen Computer!"). • Ein Sprachcomputer soll immer durch weitere Kommunikationsmodi ergänzt werden. Die Geräte sind störanfällig, und es gibt immer wieder Situationen, wo sie nicht eingesetzt werden können (z.B Strand, Bus usw.). • Ein Projekt ist nie abgschlossen. Es muss immer wieder an die sich verändernden Lebensumstände des nichtsprechenden Menschen angepasst werden. Dazu braucht es eine Person aus der Umgebung, welche diese Verantwortung trägt. 4. Schluss Auch wenn ein Mensch ohne Lautsprache lernt, veschiedene Kommunikationsmodi zu benützen und Kommunikationsstrategien erfolgreich einzusetzen: Es bleibt immer eine Kommunikation unter erschwerten Bedingungen. Nur indem wir diese Grenzen anerkennen, können wir die Möglichkeiten, die darin liegen, ausschöpfen. Anmerkungen 1 FST, Stiftung für elektronische Hilfsmittel, Rue des Charmettes 10b, Case postale, CH-2006 Neuchâtel 2 Beukelman David R./Mirenda Pat: Augmentative and Alternative Communication-Management of Severe Communication Disorders in Children and Adults. Paul H.Brookes Publishing Company Inc., Baltimore, 1992. 3 Zollinger Barbara: Die Entdeckung der Sprache. Verlag Paul Haupt Bern/Stuttgart/Wien, 1995/96. 4 Garrett Kathryn L./Beukelman David R.: Augmentative Communication Approaches for Persons with Severe Aphasia; in: Augmentative Communication in the Medical Setting. Edited by Yorkston Kathryn M.; Communication Skill Builders, 3830 E.Bellevue/P.O.Box 42050, Tucson, Arizona 85733, 1992. 5 dito 6 Kristen Ursi: Praxis Unterstützte Kommunikation, Eine Einführung. verlag selbstbestimmtes leben, Düsseldorf, 1994. Anschrift der Verfasserin: Barbara Ruchti, dipl. Logopädin FST Rue des Charmettes 10b Case postale CH-2006 Neuchâtel
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