2. B.A.BAR SEMINAR – 11/12.06.2001 VON CEDRICS SPRACHE ZUR NORMALEN SPRACHEChristine Jobin Landry Logopädin Die Evaluation von B.A.Bar bezog sich auf Cédric, einen Jungen von 11 Jahren, der eine syntaktische phonologische Dysphasie mit gestörter phonologischer Produktion aufweist. Diese Sprachstörung besteht im Rahmen einer globaleren Störung mit Beeinträchtigung der Motorik, einer Dyspraxie der Bewegungen, Störungen bei der Organisation verschiedener Aufgaben. Die verschiedenen ärztlichen Untersuchungen haben keine neurologische Erkrankung aufgezeigt. Zu Beginn der Evaluation (im Juni 2000) hatte Cédric eine Artikulationsstörung infolge einer oromotorischen Dyspraxie. Beim Sprechen kam es zu vielen Auslassungen, die das Wort auf eine Silbe oder sogar nur ein Phonem reduzieren konnten. Bei der Wiederholung stellte man die Inversion von Silben oder häufiger von Phonemen innerhalb der Wörter fest. Die artikulatorische Abfolge war schwierig, sowie 3 Phoneme einander folgten. Es fehlte Cédric an Wörtern. Das mündliche Verständnis war unzureichend. Im Hinblick auf die schriftliche Sprache konnte Cédric einige einfache Wörter vom Typ "Werkzeugwörter" entziffern, er las Silben, aber das Lesen mehrerer Silben hintereinander war schwierig. Beim Diktat schrieb Cédric das Wort, wie er es aussprach, d. h. unter Weglassung von Silben. Mit der Arbeit mit B.A.Bar wurde ein zweifaches Ziel verfolgt: 1. Cédric sollte sich seiner eigenen mündlichen Produktionen bewusst werden; er sollte dazu gebracht werden, seine Artikulation zu korrigieren, nachdem er sich angehört hat, und die verschiedenen Bestandteile eines Wortes (Phoneme und Silben) erkennen lernen, um "damit zu spielen". 2. Cédric sollte sich daran gewöhnen, das Gerät als eine Kommunikationsfunktion in den Situationen zu benutzen, in denen es ihm an Wörtern fehlt, und es ihm erlauben, die Wörter so viele Male anzuhören, wie er Lust hat. Der Einsatz von B.A.Bar erfolgte an 3 Orten: 1. In d er F amilie, im Z entrum in d er G ruppe, w ährend d er E rgothe r a pie u nd d er P hysiotherapi e : An den verschiedenen Orten, an denen Cédric sich aufhält, wurden Strichcodes auf verschiedenen alltäglichen Gegenständen angebracht, die er benützt (Spielsachen, Physiotherapie-Material wie Ball, Teppich, Geschirr, Bestecke, ...), um auf diese Weise das Fehlen von Wörtern abzumildern. Ich möchte betonen, dass die Codierungen gemeinsam mit Cédric vorgenommen wurden. Zu Hause in seiner Familie hat Cédric B.A.Bar zunächst als "Spielzeug" verwendet: Er spielte mit seinem Bruder "Wörter anhören und wiederholen", aber es handelte sich nicht um eine echte Kommunikationsfunktion. Dann wurde es zu einer von den Eltern auferlegten Pflicht, die Cédric nicht angenommen hat. In der Erziehungsgruppe, an der Cédric einen bis zwei Tage pro Woche teilnimmt, wurde B.A.Bar wenig als Kommunikationsmittel benutzt. In den verschiedenen Therapien (Ergo und Physio) verwendete Cédric B.A.Bar für das neue Material. Wenn er diese Wörter mehrmals angehört hatte und sie "auf seine Weise" aussprechen konnte, liess er B.A.Bar links liegen und benutzte seine Sprache. 2. In d er O rthophoni e : Ich benützte B.A.Bar im Durchschnitt dreimal pro Woche. Das Ziel, das ich mir für meine Sitzungen gesteckt hatte, war die ganze Arbeit am phonologischen Bewusstsein, das Anhören seiner Produktion, das Spiel mit den Lauten der Wörter. Zu diesem Zweck habe ich mehrere Spiele zusammengestellt: a) Ein Gehörspiel mit verschiedenen Aufgaben: Anhören von Wortpaaren minimaler Ähnlichkeit, sagen, ob sie gleich/nicht gleich sind / 2 oder 3 Silben in die richtige Reihenfolge bringen, um daraus ein Wort zu bilden / einen Satz zu vervollständigen / von einem Bild ausgehend ein Wort sagen / ein Wort wiederholen. b) Ein Spiel , damit Cédric besser auf das Ende der Wörter aufpasst: Zu diesem Zweck war die erste Silbe des Wortes (die Wörter umfassten zwei Silben) codiert und Cédric hatte die Wahl zwischen 4 verschiedenen Silben, um das Wort zu vervollständigen. Es sei erwähnt, dass er immer eine bildliche Unterstützung hatte. c) Ein Wörter-Memory: Bei diesem Spiel muss man Wörter aus 2 Silben zusammensetzen, wozu man eine erste und dann eine zweite Silbe anhört. d) Ein Domino: Entsprechend der Dominoregel muss man entweder eine Silbe finden, die in einem Wort aus 2 oder 3 Silben enthalten ist, oder ein Wort, das eine gegebene Silbe enthält. e) Ein Spiel, bei dem man die Phoneme eines aus 1, 2, 3 oder 4 Silben bestehenden Wortes anhört: Man zerpflückt die Wörter in Phoneme und sucht die Sequenz der Phoneme auf einer Spieltafel zusammen. f) ein Spiel, bei dem man an die Grenze zwischen dem Geschriebenen und dem phonologischen Bewusstsein stösst. Wenn Cédric das Wort entdecken muss, steht B.A.Bar ihm zur Seite, d.h. er hat mehrere codierte Wörter zur Auswahl, um das tatsächliche Wort zu finden Neben allen diesen Aktivitäten habe ich auch über den Computer Spiele zur Schulung des phonologischen Bewusstseins ohne B.A.Bar verwendet. Darüber hinaus habe ich die Übungen zur Stärkung der Mund-Zungen-Gesichts-Motorik fortgesetzt. Bevor ich zu den Leistungen von Cédric und den beobachteten Veränderungen komme, möchte ich präzisieren, dass die Leistungen dieses Kindes angesichts seiner leichten Ermüdbarkeit und seines psychologischen Zustands sehr schwankend sind. Nach 10-monatiger Benutzung von B.A.Bar haben wir festgestellt, dass Cédrics mündliche Produktion sich verbessert. Insbesondere wiederholt Cédric unbefangener Wörter mit 2 oder 3 Silben sowie zweisilbige Logatome, er spricht auch immer mehr Silben in den Wörtern aus (z.B.: das Wort "éléphant" (Elefant) sprach Cédric vor einem Jahr wie /o/ aus; jetzt sagt er spontan /elefã/). Um zu diesem Resultat zu gelangen, haben wir enorm viel an seinem phonologischen Bewusstsein gearbeitet: Zum Beispiel musste Cédric eine gegebene Silbe in einem Wort finden. Diese Art von Übung war anfangs sehr kompliziert für ihn; in der Folge hat Cédric sich stark gebessert, wenn auch gegenwärtig das Hören auf das Ende des Wortes noch schwierig ist. Im Lauf der Monate hat Cédric begonnen, die Wörter von sich aus zu analysieren: Er zerlegt sie in Silben, um sie besser auszusprechen, und manchmal zerlegt er die Silbe in Phoneme. Dank der Echofunktion konnte Cédric das Wort wiederholen und seine Produktion mit dem Zielwort vergleichen. Diese Funktion von B.A.Bar wurde und wird noch immer nicht spontan von Cédric genutzt, was schade ist, denn wenn ich ihn bat, diese Übung zu machen, gelang es ihm, seine Aussprache zu ändern und dem Zielwort näher zu kommen. Zu weiteren Fortschritten ist es bei der artikulatorischen Aneinanderreihung von Silben bestimmter Wörter gekommen, es tauchen komplexere Silben auf wie /fl/ in Flöte oder /sk/ in Ski. In seiner spontanen Sprache möchte Cédric mehr Dinge erklären als früher, so dass man allerdings manchmal den Eindruck hat, ihn weniger gut zu verstehen. In der Tat sagt er mehr Silben in den Wörtern, verwendet mehr neue Wörter, die Wörter werden immer länger (vom Gesichtspunkt der Silbenzahl aus betrachtet), immer häufiger sagt er kleine Sätze. Hingegen hat sich das mündliche Verständnis in dieser Zeit nicht gebessert. Trotz der verzeichneten Fortschritte muss Cédric noch an mehreren Aspekten des phonologischen Bewusstseins arbeiten, denn das Ende der Wörter anhören, komplexe Silben innerhalb eines Wortes und deren Aussprache bleiben schwierige Übungen. In einem globaleren Zusammenhang können wir sagen, dass Cédric in die Welt der geschriebenen Sprache eingedrungen ist. Nach ca. 5 Monaten der Verwendung von B.A.Bar hat Cédric begonnen, Bücher und Geschichten zu mögen. Er, der Bücher verabscheute, leiht sie sich gerne in der Orthophonie aus. Ich codiere also das Buch, ohne dass er dabei ist, dann hört er es zu Hause oder im Zentrum an. Laut Aussagen seiner Mama und der Erzieher ist dies eine Aktivität, die Cédric sehr liebt und die ihm bei seinen Kameraden Anerkennung einträgt. Wenn Cédric B.A.Bar zu Hause nicht zur Verfügung hat, nimmt er aus eigenem Antrieb ein Buch und versucht ganz alleine, es zu entziffern. Bis vor einigen Monaten hatte ich nicht an seinem schriftlichen Verständnis gearbeitet, da es mein Ziel war, diese Lust und Freude am Buch und an Geschichten weiter zu entwickeln. Gegenwärtig bin ich ein wenig in einer Testphase, beobachte, was Cédric von den einzelnen Wörtern versteht, wenn er sie liest. Neben diesem neuen Interesse für Bücher hat Cédric einen anderen Aspekt am Geschriebenen entdeckt: Die Spur, die bleibt. Im Unterricht oder in der Orthophonie verlangt er immer häufiger, dass aufgeschrieben wird, was gesagt oder getan wurde. Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Um das Ende der Evaluation von B.A.Bar zu feiern, sind Cédric und ich in die Stadt gegangen. Von sich aus hat Cédric Papier und Stift mitgenommen, damit sofort aufgeschrieben werden kann, was wir getan haben. Nach der Rückkehr ins Zentrum hat Cédric den Text während des Unterrichts in den Computer eingegeben. Dann hat er den gedruckten Text genommen und allen Leuten in seiner Umgebung gezeigt. Mit diesem Text habe ich – wiederum mit B.A.Bar – eine Arbeit in Bezug auf den Satzbau begonnen. Seit kurzem stellt Cédric sich selbst Aufgaben: Er nimmt die Arbeitswörter, die ich ihm codiert hatte, um das Lesen und eine globale Erkennung dieser Wörter zu üben, und amüsiert sich damit, sie schreiben zu lernen. Rasch fand sich einer der Freunde im Zentrum oder ein Elternteil, die ihm die Wörter diktierten. Ganz stolz hat er mir die Blätter gegeben, auf die er die Wörter geschrieben hatte. Wir glauben nicht, dass es einen Kausalzusammenhang zwischen der Verwendung von B.A.Bar und diesem neuen Interesse für das Geschriebene gibt. Aber die Fortschritte, die sowohl bei den schriftlichen (wir werden das später im Rahmen des Unterrichts sehen) wie bei den mündlichen Übungen verzeichnet und dank B.A.Bar gemacht wurden, haben es Cédric erlaubt, andere Aspekte des Geschriebenen zu entdecken, als nur einen abstrakten Code, der kein Echo in ihm erzeugte. Die Fortschritte betrafen nicht nur Cédrics Sprache, sondern auch sein Verhalten. In der Tat haben wir erlebt, wie Cédrics Selbstvertrauen nach aussen wuchs. Vor einigen Jahren war Cédric noch ein Kind, das Personen gegenüber, die er nicht gut kannte, einen Dolmetscher brauchte, um etwas mitzuteilen. Er holte dann seinen kleinen Freund oder einen seiner Therapeuten, Erzieher oder Lehrer. Nach und nach hat Cédric begonnen, sich den Leuten zu nähern, erzählt ihnen Geschichten oder stellt ihnen Fragen. Wenn er eine präzise Frage zu stellen hat, neigt er noch immer dazu, hinter den Erwachsenen zu "flüchten", aber wenn man ihn ein bisschen ermuntert, wird er doch seine Frage selbst stellen. Eines meiner nächsten Ziele mit Cédric ist es, ihn mit der Aussenwelt zu konfrontieren. Das habe ich schon ein wenig getan, als wir in der Stadt waren (z.B. die Busfahrkarte vom Kontrolleur verlangen). Um objektive Ergebnisse zu erhalten, haben wir einen Evokations- und Repetitionstest erarbeitet. Der Test wurde folgendermassen aufgebaut: Insgesamt 51 Wörter sind wie folgt verteilt: - 15 Wörter mit 1 Silbe - 16 Wörter mit 2 Silben, - 16 Wörter mit 3 Silben, - 3 Wörter mit 4 Silben. In jeder dieser Kategorien handelt es sich bei der Hälfte der Wörter um sehr häufig gebrauchte Wörter, während die Benutzungshäufigkeit der anderen Hälfte gering ist. Die gleichen Wörter werden sowohl in Evokation wie in Repetition verwendet. Wir haben Cédric vor der Einführung von B.A.Bar im November 2000 und bei Abschluss der Evaluation im April 2001 diesem Test unterzogen. Im Unterricht wurden die Wörter des Tests nochmals zur Beurteilung der geschriebenen Sprache benutzt. Etwas weiter unten werde ich auf die im Unterricht erzielten Ergebnisse zu sprechen kommen. Ganz allgemein haben wir eine Zunahme der Silbenzahl im Verhältnis zum Zielwort festgestellt (Beispiel: abricot (Aprikose): /pΣ/ → /abiko/). Bei detaillierterer Betrachtung in Evokation erkennt man Folgendes: - in den Wörtern mit 1 Silbe das letzte Phonem (z.B.: /po/ → /pom/ - in den Wörtern mit 2 Silben das Phonem, mit dem die zweite Silbe beginnt (z.B. (/bao/ → /bato/). Bei der Kategorie der Wörter mit 3 Silben hat man die grössten Fortschritte beobachtet (z.B. /lo/ ((elefã/). Die Wörter mit 4 Silben sind schwierig geblieben und bleiben es noch immer. Bei der Wiederholung wird das Phonem, das die Wörter mit 1 Silbe beendet, ausgesprochen (z.B. coq). Im allgemeinen gelingt es Cédric, die Wörter mit mehreren Silben zu wiederholen und er kann immer mehr seine eigene Produktion im Vergleich zur unseren korrigieren. Die Wörter mit 4 Silben waren immer schwierig zu wiederholen, aber eines ragte aus der Gruppe heraus, das Wort "hippopotame" (Flusspferd): von einer sehr ungefähren Wiederholung (/ipia/) gelangte er zum korrekten Wort (/ipopotam/). 3. Im U nterrich t: Im Unterricht ist Cédric sich im Lauf dieses Jahres nach und nach der Bedeutung der geschriebenen Spur bewusst geworden. Es wurde ihm klar, welche Hilfe B.A.Bar ihm bei Leseund Schreibaufgaben sein kann. Er bat, ihn benutzen zu dürfen, wenn er es als notwendig empfand, und zögerte nicht, die codierte Mitteilung mehrmals anzuhören. Er hört inzwischen aufmerksamer zu. Dank des Anhörens von B.A.Bar ist er jetzt fähig, zwei phonetisch ähnliche Wörter zu vergleichen und in einer vorgegebenen Liste zu unterscheiden (chemin – cheminée). Auch kann er in einem Text einen ganzen Satz erkennen, den er zuvor mit B.A.Bar angehört hat. Den gleichen, in codierte Segmente zerlegten Satz kann Cédric ebenfalls wieder zusammensetzen. Ferner haben wir in unserem Transkriptionstest festgestellt, dass die mit Hilfe von B.A.Bar geschriebenen Wörter im Allgemeinen mehr korrekte Laute enthielten als die ohne vorheriges Anhören geschriebenen ("genou" (Knie) wurde ohne B.A.Bar "nou" und mit B.A.Bar "jnoue" geschrieben). Dennoch hat B.A.Bar während dieses Versuchs nicht immer ausgereicht, um Cédrics Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung der Laute zu kompensieren; daher erwies sich die Intervention des Erwachsenen weiterhin als notwendig. Dank der mit B.A.Bar durchgeführten metaphonologischen Arbeit konnte Cédric seine Sprache verbessern. Ganz allgemein hat Cédric beim Lernen Fortschritte gemacht. Wir glauben, dass B.A.Bar zu diesen Fortschritten beigetragen hat, da er Cédric ein gewisses Selbstvertrauen vermittelt und es ihm erlaubt hat, sich bewusst zu werden, wozu er fähig ist. Daher beabsichtigen wir die Fortsetzung des schulischen und orthophonischen Lernens mit Hilfe von B.A.Bar. Ich möchte noch kurz auf den Titel zurückkommen: Anfangs, als Cédric neu ins Zentrum kam, hatte er seine eigene Sprache, die aus einer Mischung von Zeichen und nicht immer sehr verständlichen Lauten bestand. Jetzt verfügt Cédric über die mündliche Sprache, die zu seinem Kommunikationswerkzeug geworden ist. Ich möchte mit den Eindrücken des Hauptbetroffenen – Cédric – schliessen. Seiner Ansicht nach hat B.A.Bar ihm geholfen, besser zu sprechen, und er ist zufrieden. Besser sprechen hat ihm zu mehr Freunden verholfen (Freunde, die ihn unterstützen, ihn in seinen Fortschritten ermutigen und ihn beglückwünschen, wenn es ihm gelingt, ein Wort korrekt auszusprechen) und dazu, dass er nicht mehr nur den anderen in ihren Aktivitäten folgen muss, sondern seinen Kameraden auch selbst welche vorschlagen kann.
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