2. B.A.BAR SEMINAR – 11/12.06.2001 WEGE UND IRRWEGE BEI DER ENTDECKUNG VON B.A.BARAutor: Gabi Wäckerle, Logopädin, Heilpädagogische Tagesschule, CH-2502 Biel Ich arbeite seit 16 Jahren als Logopädin mit geistig behinderten Kindern und Jugendlichen. Im Kontakt mit Menschen, welche sich lautsprachlich nicht verständlich machen können und gleichzeitig eine geistige Behinderung aufweisen, werde ich immer wieder mit den Fragen konfrontiert: Hätte dieser Mensch vielleicht mehr mitzuteilen als das, was ich verstehe? Was ist geistige und was ist sprachliche Behinderung? Ich denke, die meisten unter Ihnen kennen die Beklemmung, die mit diesen Fragen einhergeht. Als eine Arbeitskollegin uns vor einem Jahr von B.A.Bar, seiner Handlichkeit und seiner einfachen Bedienung erzählte, war ich neugierig und "vorsichtig begeistert". Ich dachte an Stefan, einen 15-jährigen Jungen mit Down-Syndrom. Er ist praktisch bildungsfähig, seine Lautsprache ist für Aussenstehende weitgehend unverständlich und sein Sprachverständnis beschränkt sich auf Begriffe aus seinem konkreten Umfeld. Stefan spielt oft alleine. Z.B. kleine Szenen nach genauen inneren Vorstellungen; so stellt er sich den Teppich als Eisfeld vor und putzt ihn mit einem Holzklotz in regelmässigen Bahnen, wie dies die Maschine auf der Eisbahn tut oder er sucht sich allerlei passende Gegenstände zusammen, konstruiert ein imaginäres Schlagzeug um anschliessend ein praktisch lautloses Schlagzeug-Solo vorzuspielen. Er kann sich auch das Spielstethoskop in die Ohren stöpseln und mich "ungefragt" mit allerlei Spritzen und anderen medizinischen Gerätschaften behandeln. Das Zusammenspiel mit einem Partner ist schwierig, weil Stefan seine Vorstellungen nicht vermitteln kann, und weil er die seines Partners kaum übernimmt. Häufig zeigt Stefan stark provozierendes Verhalten (saubere Wäsche von der Leine reissen und verstreuen oder markdurchdringendes Lachen ohne Ende, so dass niemand im selben Raum einen anderen noch versteht). Ich stellte mir vor, dass Stefan mit B.A.Bar vielleicht vermehrt auf konstruktive Weise mit seiner Umgebung Kontakt aufnehmen und mit seinen Klassenkameraden spielen könnte. Indem ich B.A.Bar als reinen Sprech-Ersatz anbieten wollte, begab ich mich vorerst einmal auf einen Irrweg. Unter recht grossem zeitlichen Aufwand programmierte ich Strichcode für Regelspiele (Colorama, Geräuschlotto, Memory usw.). Ich programmierte Strichcode für eine gemeinsame Konstruktion einer Eisenbahnlinie ("Ich brauche eine Kurve/eine Gerade" - "Wo ist die Barriere/ der Bahnhof?" - "Nein, halt, ich möchte das nicht so" usw.) und ich programmierte kleine Rollenspiele, Fragen und Antworten für Verkäuferli-, Doktor- und Eisenbahnspiel. In einer ersten Phase wollte ich - sicher auch aus eigener Unsicherheit mit dem Gerät - B.A.Bar nur in der kontrollierten Therapiesituation einführen. Stefan sollte B.A.Bar erst dann in die Schulgruppe und nach Hause mitnehmen, wenn ich sah, dass er ihn richtig und sinnvoll einsetzen konnte. (was auch immer das heisst, aber so denkt man eben manchmal etwas kurzgeschlossen...). Er kam in dieser ersten Phase zusammen mit einem Klassenkameraden A. in die Therapie. Dieser verfügt über eine sehr einfache, jedoch besser verständliche Lautsprache als Stefan, und er ist sehr kooperativ und offen für alles Neue. Ich sah ihn als Einstiegshilfe und auch als Hilfe beim späteren Transfer in die Schulgruppe. Beide begriffen sie sofort, wie B.A.Bar funktionierte und fanden das neue "Spielzeug" lustig. A. kooperierte gut, und obwohl er die meisten der aufgenommenen Items auch selber verbalisieren konnte, nahm er brav den von mir vorgezeigten Umweg über B.A.Bar. Stefan hingegen wollte nicht durch B.A.Bar ins Gespräch kommen. Er suchte sich immer die gleichen, lustig klingenden Aeusserungen (z.B."Aua, das tut weh, aufhören Doktor"'), und am liebsten experimentierte er mit der ECHO-Taste, was sowohl A. als auch mich extrem störte. Ich war entmutigt und brach die Uebung bald ab. Gleichzeitig kam A. nach einem Unfall über längere Zeit nicht zur Schule. Nach einem Zwischengespräch mit den Leuten von FST begab ich mich auf einen neuen Weg. Wir löschten praktisch alles, und ich gab B.A.Bar "frei". D.h. ich erklärte Stefans Bezugspersonen (Mutter, Lehrpersonen und Freizeitbetreuerin) wie er funktioniert und zeigte verschiedene Einsatzmöglichkeiten (Vertonen eines Bilderbuches, Echofunktion, Erzählen eines Erlebnisses zu einer einfachen Skizze...). Wir legten zusammen, und vor allem zusammen mit Stefan, einen Ordner an, in dem Stefan die Strichcode aus allen Bereichen in alle Lebensbereiche mit sich tragen konnte. Und jetzt fing es richtig an. Der Ordner und der leider zu kleine B.A.Bar-Speicher füllten sich sofort, und Stefan betrachtete B.A.Bar bald als wichtigen Teil seiner Grundausrüstung. Ich bin also mit Stefan auf einen guten Weg gekommen. Beim Reflektieren ist es ganz klar: Mein Bedürfnis reicht nicht aus, damit B.A.Bar benutzt wird; die von mir im stillen Kämmerlein ausgeheckten Aeusserungen entsprechen nicht unbedingt den Aussagen, die mein Klient machen möchte. B.A.Bar wird nicht benutzt, solange ich mit meinen Sprechersatz-Vorstellungen werte und in sinnvollen resp. sinnlosen Gebrauch einteile. Der richtige Weg bestand also für uns darin, dem Klienten und seinen Bezugspersonen zu zeigen, wie B.A.Bar funktioniert und was er kann, um anschliessend grösst mögliche Offenheit zu bewahren gegenüber dem, was mit B.A.Bar angestellt wird. Bei meinem Klienten zeigt sich heute nach knapp neun Monaten Benutzung Folgendes: Stefan beschäftigt sich in seiner Freizeit über längere Zeiträume selbständig mit B.A.Bar. Er hört sich seine Items unzählige Male an - er braucht dazu nicht Familienangehörige oder andere Bezugspersonen, die selbst bei grösstem Verständnis und Liebe irgendwann mal ermüden und vielleicht auch unwirsch oder abweisend reagieren. ("Jetzt hab ich dir schon so viele Male von deinem Titanic- Kinobesuch erzählt, ich mag nicht mehr, jetzt will ich Ruhe oder über etwas anderes sprechen.") Die Sprachitems tönen immer gleich frisch und freudig, und es handelt sich um die Stimmen seiner Bezugspersonen. Zusätzlich zu einem Bild, welches ihm erlaubt, früher Erlebtes in die Gegenwart zu "zaubern", wird etwas von der Stimmung wieder belebt, weil die Person, mit der er etwas erlebt hat mindestens klanglich in jedem Moment abrufbar und anwesend ist. Stefan wählt Zeitpunkt und Thema selber, sei es für sich ganz alleine, oder um über B.A.Bar mit anderen Kontakt aufzunehmen. Wenn Stefan etwas erzählen will, was für mich ausserhalb der aktuellen Situation, vielleicht vor langer Zeit stattgefunden hat, ist es mit B.A.Bar nun möglich, auch uneingeweihten Personen zu sagen, woran er gerade denkt, vorausgesetzt, dass das Erlebte festgehalten ist... Bei seiner Arbeit mit B.A.Bar setzt sich Stefan mit gesprochener Sprache auseinander. Wenn ich als Therapeutin es schaffe, Uebungsmaterial zum Beispiel mit Exklamationen und eingebettet in einen Satz attraktiv aufzunehmen, wird Stefan diese Wörter immer wieder hören wollen und dabei seine Wahrnehmung für einen spontan ausge|assenen, verwechselten oder falsch gebildeten Laut schärfen. Die Therapiezeit wird also vervielfacht. Die ECHO-Funktion ist reiner Zeitvertreib zum einen (Geräusche aufnehmen und wiederholtes Abhören) - aber für meinen Klienten viel wichtiger ist die Auseinandersetzung mit sich selber („Ah, so töne ICH , nur ICH; und ich kann meine stimmlichen Aeusserungen auch bewusst verändern“). Vorteil von B.A.Bar gegenüber einem Tonbandgerät ist, dass spulen nicht nötig ist, und dass ungewolltes Material ohne weiteres Dazutun sofort verschwindet. Die ICH-Entwicklung und Identitätsfindung sind bei behinderten Menschen oft stark verzögert und erschwert (Einschränkungen durch die Behinderung, längere Abhängigkeit von Familie, stärkere Tendenz zu Symbiose). Stefan hat ein ausgeprägtes Störungsbewusstsein. Er weiss, dass er anders ist als die meisten andern, dass er schlecht verstanden wird und dass er Wörter, die er kennt nicht so aussprechen kann, wie sie tönen sollten. So geniert er sich im Beisein anderer Menschen häufig, ohne dass ihn jemand kritisiert. Alleine mit B.A.Bar kann er sich ungestört selber zuhören und ohne Fremdkontrolle selber bewerten und üben bis ihn sein Resultat überzeugt. Er kann sich auch beim sogenannten Blödeln aufnehmen... vielleicht ist das für ihn ja gar nicht immer nur "blöd", was uns in gewissen Situationen stört und provoziert... Hier nochmal die wichtigsten Resultate zusammengefasst: B.A.Bar ist für Stefan wichtig geworden. Er betrachtet ihn als Teil seiner Grundausrüstung. Die Aussprache gewisser programmierter Wörter hat sich verbessert. Sein Sozialverhalten hat sich verändert. Stefan zeigt bestimmter, was er machen möchte. Er wirkt dezidierter und differenzierter. Stefan kann sich in seiner Freizeit über längere Zeiträume mit B.A.Bar beschäftigen. Er kann zu einem von ihm gewählten Zeitpunkt über ein nicht situationsbezogenes Thema reden. Mit B.A.Bar setzt sich Stefan mit sich selber auseinander und stärkt so seinen Willen, sein ICH und seine Persönlichkeit. Diese nach 9 Monaten erzielten Resultate erscheinen minim. Wenn man jedoch bedenkt, dass in den letzten zwei Jahren im Sprach- und Sozialverhalten kaum Veränderungen festzustellen waren, sind die beschriebenen Entwicklungen kleine Meilensteine auf dem Weg Stefans Entwicklung.
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