TECHNISCH ELEKTRONISCHE HILFSMITTEL IN DER SCHWEIZ Sprechen wir darüber; stellen wir uns in Frage! Präsentation anlässlich der Fortbildungstagung vom Schweizerischen Bund der Therapeuten cerebraler Bewegungsstörungen * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * Welche Schwierigkeiten sind mit der Einrichtung eines Umweltkontrollsystems verbunden? Autor: Alain Michoud, Berater für Umweltkontrolle bei der FST Die Einrichtung eines Umweltkontrollsystems in einem Zimmer oder einer Wohnung scheint, a priori, relativ einfach zu sein. In Wirklichkeit hingegen, stossen wir bei der konkreten Realisierung der zukünftigen Anlage auf eine beachtliche Anzahl von Schwierigkeiten. Ganz zuerst und in Übereinstimmung mit den bereits von Herrn Ramseyer geäusserten Bemerkungen, sei die Wichtigkeit der ersten Kontaktnahme mit dem schlussendlichen Benutzer und seinem Umfeld herauszustreichen. Wir werden später noch ausführlich auf diesen Punkt zu sprechen kommen. Ferner müssen verschiedene Probleme gelöst werden, vor allem aus den Bereichen: A. D er T echni k 1. Die Infrarot-Fernbedienung als solche ist bei weitem keine belanglose Angelegenheit. Inventaraufnahme und Plan der zu programmierenden Funktionen, Wahl der Empfänger, Speichern der Codes, Einstellen der Parameter usw.... Mittel zur ergonomisch am besten angepassten Benützung, Befestigungselemente zur Benützung auf einem Rollstuhl und/oder in liegender Stellung. 2. Die ausführenden Produkte: oder anders gesagt, diejenigen Geräte, die eine Aktion ausführen werden (Infrarot-Telefon, Seitenwendegerät zum Lesen, Kontaktempfänger zur Bedienung eines Rufsystems, Beleuchtung(en), Tür(en), Fenster, Store(n) usw... Auch stossen wir auf Probleme bei Telefonleitungen, Telefonzentralen und bei bereits vorhandenen elektrischen Installationen, bei denen, parallel dazu, spezielle Adaptationen zum Teil erfunden und montiert werden müssen. Es handelt sich dabei um einen Sonderbereich, der in der FST von einem technischen Spezialisten, Herrn Pierre Antonelli, betreut wird. 3. Die korrekte Bedienung der Geräte. B. D er F inanzierun g Sind diese Punkte einmal geregelt, dann kann der Benutzer die Installation während mehrerer Wochen testen, um sich ein Bild über den Nutzen und die Zuverlässigkeit einer solchen Einrichtung zu machen. Es stellt sich nun die Frage der Finanzierung, Frage, auf die es nicht immer einfach ist zu antworten! Auch wenn der Preis-Qualitätsvergleich einer Fernbedienung wie JAMES hervorragend ausfällt, so beläuft sich der Preis einer Installation trotzdem auf durchschnittlich 4'500 Franken. Handel es sich um spezielle Anpassungen oder um bauliche Massnahmen, dann können die Kosten mehrere zehntausend Franken ausmachen. Auch wenn die Finanzierung im Allgemeinen von der Invaliden-Versicherung übernommen wird, so ist es durchaus verständlich, dass hinsichtlich solcher Summen gewisse Befürchtungen bestehen. Befürchtungen vonseiten des Benutzers, seines Umfelds, der Spital- oder Heimleitung usw... Es sei hier zu präzisieren, dass das betreffende Material von der FST installiert und während einer Versuchsperiode gratis zur Verfügung gestellt wird. Möchte der Benutzer nach der Eignungsprüfung das Material behalten, dann erstellt die FST einen Kostenvoranschlag, der entweder direkt der behinderten Person oder aber einer für sie zuständigen Person zugestellt wird. Es kann sich hier um ein Familienmitglied handeln oder, wenn sich der Benutzer in einem Heim oder Spital aufhält, um eine Person aus dem Pflegedienst (oftmals handelt es sich um Ergotherapeuten oder um Oberschwestern). Dieser Kostenvoranschlag muss anschliessend verschiedenen Finanzierungsquellen unterbreitet werden. Am häufigsten handelt es sich um Versicherungen, um Vereinigungen, um Geschäftsleitungen spezialisierter Institutionen und, in einigen Fällen, um Privatpersonen. In den meisten Fällen werden diese Offerten innert drei Monaten den zuständigen Stellen weitergeleitet. Leider kommt es aber noch zu oft vor, dass Kostenvoranschläge der FST in einer Schublade liegen bleiben. Dies entweder beim Benutzer oder aber im Büro der für den Behinderten zuständigen Person. Ein solches Versäumnis hat seine Konsequenzen; eine neue Offerte muss mit neuem Datum, teilweise auch neuen Preisen, erstellt werden. Eine weitere Folge kann sein, dass ein Hilfsmittelbenutzer mittlerweile ins AHV-Alter eingetreten ist. In einem solchen Falle übernimmt die Invaliden-Versicherung nicht mehr die anfallenden Kosten. Andere, auf den ersten Blick weniger wichtige Folgen, die sich aber schlussendlich als ebenso bedeutend und kostspielig erweisen (wie zum Beispiel die nichtbezahlte Lagerbestanderhöhung bei der FST) sollen hier nicht weiter erläutert werden. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich die hauptsächlichen Schwierigkeiten bei der Installation eines Umweltkontrollsystems erstens auf technischer Ebene, und zweitens bei der Finanzierung ergeben. Es gibt aber noch andere, schwerwiegendere Gründe als jene, die wir soeben beschrieben haben. Gründe, die den Gebrauch einer Anlage zum Scheitern verurteilen. Es handelt sich um.... C) Z wischenmenschliche, intuitive u nd r ationale F aktore n Zuerst einmal erscheint JAMES oftmals als Eindringling im engen Familienkreis und im direkten pflegerischen Umfeld. Ein Fremdling also, der das fragile Gleichgewicht der zwischenmenschlichen Beziehungen und den subtilen, damit verbunden und verknüpften Bindungen, die mehr oder weniger zwingend aufgrund dieser abhängigkeitsbedingten Situation entstanden sind, zerstören kann, da seine Präsenz in den meisten Fällen eine Veränderung des Alltags mit sich bringt. Denken wir an die Vielzahl der tatsächlich vorhandenen Bedürfnisse des Benutzers und an die Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, um diese zu befriedigen. Wir ahnen allmählich, wie intensiv und tiefgründig die Beziehung zwischen Behindertem und Bezugsperson gelebt wird. So scheint es nicht verwunderlich, dass sich beim Auftauchen von JAMES eine gewisse Zurückhaltung, zum Teil auch Beunruhigung oder sogar Angst bemerkbar macht. In diesem Fall wird ein Umweltkontrollgerät oftmals als Verunsicherungsfaktor empfunden. Auch muss der Tatsache Rechnung getragen werden, dass potentielle Benutzer nicht immer in der Lage sind, mit innerer Ausgeglichenheit eine Entscheidung zu treffen. Und besteht nicht auch die Gefahr, dass mit all dieser Technik der Benutzer von seiner Umwelt abgeschnitten wird? Auch müssen die Kapazitäten des Benutzers in Übereinstimmung gebracht werden mit seinen Wünschen! Wie man sieht, taucht eine Vielzahl plausibler Gründe zur Ablehnung eines solchen Systems auf. Dies geschieht, sobald man mit der neuen Realität konfrontiert wird, welche durch das Einrichten eines Umweltkontrollsystems und der damit verbundenen Autonomie entsteht. Es gibt aber auch eine andere Realität, welche, wenn auch oftmals nicht sichtbar, von grösster Wichtigkeit ist. Erlauben Sie mir einen Vergleich. Ich lerne Sie nichts Neues, wenn ich Ihnen sage, dass ein Bild auf dem Fernsehbildschirm aus Hunderten von Linien zusammengesetzt ist. Dieses Prinzip kann auch auf die Installation von JAMES übertragen werden; es bestehen einerseits klare "Bild- Mitteilungen", andererseits hingegen gibt es eben auch die versteckten Mitteilungen, jene, die nur zwischen den Zeilen zu finden sind. Normalerweise wird ein JAMES nur dann beantragt, wenn es die Situation auch wirklich erfordert. Der Besuch eines FST-Beraters kann eine Bestätigung der Diagnose bedeuten. Ich wage in diesem Zusammenhang sogar den Ausdruck "Urteil". Oder ein bisschen allgemeiner ausgedrückt: handelt es sich nicht auch um ein Eingeständnis der menschlichen Machtlosigkeit gegenüber gewissen Arten von Lähmungen und Folgeschäden einiger Krankheiten? Der "JAMES-Installateur", wenn ich ihn so nennen darf, bringt weder Arznei geschweige denn Heilung mit sich! Höchstens einige Vorschläge, die mithelfen, die Situation zu erleichtern. Bei Fällen fortschreitender Krankheiten stellt die Installation von JAMES oftmals einen Wendepunkt von extremer Wichtigkeit im Leben der behinderten Person dar. Sie bedeutet das Ende einer Etappe, in welcher man die Bewegungen der Glieder noch selber kontrollieren konnte und ist der Beginn eines Alltags mit sehr viel eingeschränkteren Möglichkeiten. Ein Wendepunkt also, wo man die Wahl hat, diese neue, mit so viel Schwierigkeiten verbundene Situation zu akzeptieren oder aber sich zurückzuziehen. Die Qualität der ersten Kontaktnahme zwischen dem zukünftigen Benutzer und dem FSTBerater ist von grösster Wichtigkeit. Die ersten Eindrücke werden während der ganzen Zusammenarbeit die Beziehung zwischen dem FST-Berater, dem Behinderten und seinem Umfeld prägen. Allzu oft werden diese ersten Momente durch Befürchtungen, Alltagsstress und eine Vielzahl anderer Gründe, welche die zukünftigen Beziehungen negativ beeinflussen können, beeinträchtigt. Der FST-Berater ist sich dieser Tatsache bewusst und versucht sich zum vornherein auf mögliche Situationen vorzubereiten, um ein "Ausser-Kontrolle-Geraten" zu vermeiden. Es gehört zu den Aufgaben des Beraters, solchen Ereignissen vorzugreifen und eventuelle Risiken vorzubeugen, damit er der in Not geratenen Person voll und ganz zur Seite stehen kann. Vergessen wir auch nicht jene Situationen, in welchen die Installation eines Umweltkontrollgeräts als zu verfrüht zu betrachten wäre oder sogar kontraproduktive Folgen haben könnte! Es geht also darum, sich all dieser Schwierigkeiten bewusst zu werden, optimale Lösungen für die verschiedenen Probleme zu finden um, schlussendlich, die den formulierten Bedürfnissen am besten angepasse Umweltkontrollanlage einzurichten. Der FST-Berater bemüht sich, dass der Benutzer oder die Benutzerin die installierten Apparate beherrscht, einen gewissen Grad Autonomie erlangen oder wiedererlangen kann, Anrecht hat auf Sicherheit (Telealarm, Notruf), auf freie Wahl der Geräte (Telefon, Seitenwendegerät, Fernsehen, Videogerät, Stereoanlage), auf Komfort (elektrisches Bett und Rollstuhl, fernbedienbare Storen, Fenster, Türen, Heizung) und ein freies, würdevolles Leben führen kann. Alain Michoud, Berater für Umweltkontrollsysteme, FST. Oktober 1996. Aus dem Französischen übersetzt von Kathrin Roth, in Anwendung der neuen deutschen Rechtschreibung.
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